Franz Karl Maier

Der Jurist und Verleger Franz Karl Maier war ein streitbarer Demokrat. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Mitherausgeber der Stuttgarter Zeitung und ab 1950 Verleger und Herausgeber des Tagesspiegel in Berlin. Pressefreiheit war für ihn eine „treuhänderisch wahrgenommene Bürgerfreiheit“.

Franz Karl Maier wurde am 4. Oktober 1910 in Stuttgart geboren. Er studierte Rechts- und Staatswissenschaften an der Eberhard Karls Universität Tübingen und ließ sich 1935 als Rechtsanwalt in Stuttgart nieder. Von 1939 bis 1945 war er Soldat.

1946 wurde er einer der drei Lizenzträger bei der Stuttgarter Zeitung und arbeitete bis 1950 als ihr Mitherausgeber und Verlagsleiter. Die Regierung in Württemberg-Baden beauftragte ihn zudem, als öffentlicher Ankläger vor der Spruchkammer Stuttgart zu agieren - auf der Basis des „Gesetzes zur Befreiung von National-Sozialismus und Militarismus“.

Damit erreichte er, dass der frühere Reichsbankpräsident und Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt wurde, obwohl der zuvor in Nürnberg freigesprochen worden war. Auf Grund eigener Ermittlungen war Maier überzeugt, dass man auch diejenigen zur Rechenschaft ziehen müsse, die im März 1933 für Hitlers Ermächtigungsgesetz gestimmt und damit erst den Weg zu dessen Gewaltherrschaft freigemacht hatten. Zu dieser Gruppe gehörten auch prominente Politiker in Württemberg, wie Ministerpräsident Reinhold Maier oder der Kultusminister Wilhelm Simpfendörfer. Auch durch diese Anklagen entstand dann ab 1948 eine öffentliche Debatte über die Rolle der bürgerlichen Parteien zur Zeit der Weimarer Republik und überhaupt über die Entnazifizierung, in der bisher vor allem die Kleinen gebrandmarkt worden waren.

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Gründungsverleger des "Abend" Hans Sonnenfeld (li.) und Tagesspiegel-Kollege Franz Karl Maier begutachten die Konkurrenz

Copyright: Tagesspiegel-Archiv

Reinhold Maier hatte am 23. März 1933 als liberaler Abgeordneter dem Ermächtigungsgesetz mit diesen Worten zugestimmt: „Im Interesse von Volk und Vaterland und in der Erwartung einer gesetzmäßigen Entwicklung werden wir unsere ernsten Bedenken zurückstellen und dem Ermächtigungsgesetz zustimmen.“

Simpfendörfer, von 1930 bis 1933 Reichstagsabgeordneter des CSVD Christlich -Sozialer Volksdienst, hatte damals erklärt: „Deutsche Männer und Frauen! Der Volksdienst bejaht die innen- und vor allem die außenpolitischen Ziele der Reichsregierung, die der Herr Reichskanzler heute vorgetragen hat. Er ist zu seinem Teil zu der Mitarbeit, die der Herr Reichskanzler in so eindrucksvoller Weise gefordert hat, bereit und gibt deshalb dem Ermächtigungsgesetz seine Zustimmung.“ (► Reichstagsprotokolle vom 23. März 1933)

Simpfendörfer schrieb dann noch am 1. April 1933 anerkennend, „Hitler habe das faule System von 1918 beseitigt“. Ab Juli 1933 war er zudem als Hospitant in die Reichstagsfraktion der NSDAP eingetreten.

Franz Karl Maiers Vorgehen gegen solche angepassten Mitläufer schaffte ihm keine Freunde, zumal er seinen Standpunkt dazu auch journalistisch in der Stuttgarter Zeitung vertrat. Reinhold Maier war schon 1945 von der amerikanischen Militärregierung als Ministerpräsident in Württemberg-Baden eingesetzt worden, Wilhelm Simpfendörfer beteiligte sich nach dem Krieg an der Gründung der CDU und wurde ab Dezember 1946 vorübergehend Kultusminister.

Franz Karl Maier wurde von Gottlob Kamm, Württemberg-Badens Entnazifizierungsminister, von seinem Amt als öffentlicher Ankläger entbunden, wegen mangelnder Abstimmung mit seiner vorgesetzten Behörde. Ende 1950 schied auch aus der Stuttgarter Zeitung aus und ging nach Berlin. Dort kaufte er sich beim Tagesspiegel ein, wo er dann bis 1984 als Mitverleger und nach dem Tod von Erich Reger als alleiniger Herausgeber tätig wurde.

Auch in Berlin blieb er streitbar und scheute keine Konflikte, weder mit dem Springer-Verlag, der mit seinen vier Berliner Blättern rund 75 Prozent der Berliner Marktes beherrschte, noch mit dem Berliner Senat, der dem Springer-Verlag dennoch Darlehen in Millionenhöhe gewährte.

Und anders als die Berliner Springer-Presse, die in den Studentenprotesten der 60er Jahre gleich den Versuch einer kommunistischen Unterwanderung sah, beurteilte der Tagesspiegel das nüchterner, eher als Ausdruck einer Zeitenwende im Denken und Handeln selbstbewusster junger Intellektueller. „Studenten und ihre Probleme“ hieß die von Maier durchgesetzte Rubrik im Blatt, in der sich die ASTA und andere Organisationen ab dem 13. Juni 1967 an jedem Dienstag unzensiert den Lesern gegenüber äußern durften. Nur Themen wie Vietnam und Weltrevolution waren davon ausgeschlossen. Überwiegend ging es den Studenten ohnehin vor allem um die Hochschulpolitik mit dem „Muff unter den Talaren“ und ihrer Wohnungsknappheit.

Die Springer-Presse warf dem Tagesspiegel daraufhin vor, er würde den Feinden der Demokratie Kommunikationsmöglichkeiten bieten. Was Franz Karl Maier allerdings veranlasste, seinen liberalen Kurs im Blatt fortzusetzen und sachlich ohne Parteinahme über alle Ereignisse zu berichten. Selbst als Angehörige der Hausbesetzerszene ausgerechnet das Verlagshaus des Tagesspiegel besetzten und den Abdruck einer vorformulierten Erklärung verlangten. Was natürlich nicht geschah.

1977 gründete Maier mit weiteren Teilhabern die „Pressestiftung Tagesspiegel“, um so die Unabhängigkeit des Blattes durch eine Sperrminorität zu sichern. Der Tagesspiegel sollte weiterhin Fakten und Meinungen unvoreingenommen verbreiten können, auf die gewohnte liberal-konservative Weise.

Franz Karl Maier starb am 13. April 1984 in Berlin und wurde auf dem Pragfriedof in Stuttgart beigesetzt.

In Erinnerung an den verstorbenen Herausgeber und Verleger des Tagesspiegels wurde von 1985 bis 1995 der „Franz-Karl-Maier-Preis“ vergeben – für hervorragende und parteipolitisch unabhängige politische Kommentierung in deutschen Tageszeitungen.

(hhb)

 

Quellen

Maier sollte gehen / SPIEGEL 5/1947 vom 31.1.1947

Helmut Höge: Ausgelagerte Tagesspiegel-Innenschau / taz am 12.10.1995

Gerhard E. Gründler: Wie wurde Deutschland entnazifiziert? / DIE WELT vom 24.2.1996

Bernd Matthies: Entschlossen zwischen allen Stühlen – Wie der Tagesspiegel der Studentenbewegung begegnete / Tagesspiegel am 27.9.2020

Dr. Michael Kitzing: Franz Karl Maier (1910-1984) und der Fall "Maier gegen Maier" / Vortrag am 4.3.2025 im Staatsarchiv Ludwigsburg

Ulrich Bausch: Auf dem Wege zur Zivilgesellschaft

 

Bücher + Schriften

Franz Karl Maier: Ist Schacht ein Verbrecher? Anklageschrift bei der Spruchkammer Stuttgart / Verlag Die Zukunft 1947