August Hugo Friedrich Scherl wurde am 24. Juli 1849 in Düsseldorf als Sohn des Buchhändlers und Verlegers Friedrich Scherl geboren, der in der Zeit nach der März-Revolution von 1848 Probleme mit den preußischen Behörden bekommen hatte. Sein Blatt Illustrierte Zeitung sollte die kaiserfreundliche Partei der Paulskirche und die badischen Aufrührer um Carl Schurz unterstützt haben. Vater Scherl hatte sich darum in die liberalere Rheinprovinz abgesetzt, aus der seine Familie stammte. August Scherl verbrachte seine Kindheit in Düsseldorf, bis seine Familie nach einigen Jahren wieder nach Berlin zurückkehrte.
August Scherl besuchte in Berlin die Gewerbeschule und absolvierte eine Lehre im väterlichen Betrieb. Anschließend wurde er Leiter und Partner des Verlags Duster & Co. in Köln, wo er Kolportage-Romane herausgab - Groschenromane, die von Lotterieunternehmen vertrieben, aber auch als Preise vergeben wurden. Ein sehr lohnendes Geschäft.
Anders sein dann folgender Ausflug in die Theater-Szene: Das von ihm 1878 in Köln gegründete „Flora-Theater“ (um seine spätere Frau zu beeindrucken, die Schauspielerin Flora Rosner) und die dort gespielten Opern und Schauspiele ruinierten ihn total. Darum zog er zunächst nach Frankfurt/M. und dann zurück nach Berlin, wo er im Oktober 1883, unterstützt von Freunden und Verwandten, einen Presse- und Buchverlag gründete. Die daraus hervorgegangene Lokal-Anzeiger August Scherl & Compagnie KG brachte dann den Berliner Lokal-Anzeiger auf den schon gut besetzten Berliner Zeitungsmarkt.
Copyright: Unbekannt, weder im Buch noch aus anderen Quellen zu ermitteln - Gustav Dahms: Das Litterarische Berlin. Berlin: Taendler, 1895, S. 17, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=6110432
Dieser Lokal-Anzeiger war ein Generalanzeiger mit inhaltlich neuartigem Angebot. Statt langer Artikel ließ Scherl zahlreiche kurze Telegraphen-Meldungen aus aller Welt ins Blatt rücken und als weiteren Schwerpunkt gut recherchierte Lokalnachrichten. Den zunächst wöchentlich erscheinenden Berliner Lokal-Anzeiger gab es kostenlos (Startauflage 200.000) - von rund 2.000 eigenen Zustellern in jede Wohnung frei Haus geliefert, für 10 Pfennig Zustellgebühr im Monat. Ansonsten über Anzeigen finanziert. Auch der ab August 1885 täglich erscheinende Lokal-Anzeiger kostete zunächst nur diese 10 Pfennig Zustellgebühr. Erst als sich die Auflage bei etwa 150.000 Exemplaren stabilisiert hatte, verlangte er pro Monat 1 Reichsmark, immer noch weniger als die Hälfte des Preises für den Bezug der Vossischen Zeitung. Im Lokal-Anzeiger gab es Fortsetzungsromane im sogenannten „Spannungs-Umbruch“, um die Leser so bei der Stange zu halten. Am Ende jeder Fortsetzung wurde die Spannung besonders hochgeschraubt, wie heute bei vielen Fernseh-Serien üblich. Ab 1899 erschien der Berliner Lokal-Anzeiger dann sogar zweimal am Tag und war nun bis zum Erscheinen von Ullsteins Berliner Morgenpost das auflagenstärkste Blatt in Berlin.
Anders als Leopold Ullstein war August Scherl Monarchist – zu seiner Zeit blieb der Lokal-Anzeiger parteiunabhängig, war aber immer kaisertreu und darum auch bei Hofe beliebt.
1889 brachte Scherl noch kurzzeitig die Berliner Abend-Zeitung auf den Markt, 1894 die Neuesten Berliner Handels- und Börsen-Nachrichten und 1898 das Berliner Wohnungsregister. Den gebildeten und einkommensstarken Zielgruppen verkaufte er ab 1899 die Wochenzeitung Die weite Welt, und seine illustrierte Zeitschrift Die Woche positionierte er gegen die Berliner Illustrirte Zeitung aus dem Ullstein-Verlag. Das alles kostete Unsummen und so stiegen seine Verbindlichkeiten. Aber noch gewährten die Banken dem „Berliner Zeitungs-Zaren Scherl“ weiterhin Kredite für all diese Neuerscheinungen.
Und so ging es munter weiter im Berliner Pressekrieg zwischen Scherl, Mosse und Ullstein: ab 1900 erscheint Der Tag im Zweifarbendruck und 1903 kaufte Scherl die Gartenlaube, die er mit Die weite Welt zusammenlegte.
Schon 1895 hatte er die August Scherl Dt. Adressbuch GmbH gegründet, mit der er Adressbücher für Berlin, Frankfurt/M., Leipzig, Halle, Breslau und Magdeburg verlegte.
Scherls Abstieg begann 1911. Der wegen seiner Verschwendungssucht stadtbekannte Verleger hatte eine prunkvolle Villa bauen lassen, die seiner zweiten Frau aber nicht gefiel und darum sofort wieder abgerissen und neu errichtet wurde. Seine Millionenspenden für den Vatikan brachten seiner Frau immerhin einen päpstlichen Adelstitel. Und extravagante Aktionen und Unternehmungen, sogenannte „Scherl-Sensationen“ wie eine spektakuläre Flugschau mit Orville Wright in Tempelhof, kosteten Unsummen. Scherl wurde so zwar Gesprächsthema, aber sein Verlag geriet mehr und mehr in eine Schieflage.
Sein Konkurrent Mosse nutzte die Situation, um Anteile am wankenden Scherl-Verlag zu erwerben. Scherl streute daraufhin das Gerücht, der jüdische und sehr liberale Mosse-Konzern wolle seinen Verlag ganz übernehmen. Preußens konservative Regierung wollte das unbedingt verhindern und unterstützte darum die Gründung des Deutschen Verlagsvereins durch 59 wohlhabende Unternehmer und Bürger. Dieser Verein, dessen Mitglieder kaum Ahnung vom Pressegeschäft hatten, kaufte 1914 den eigentlich bereits bankrotten Scherl-Verlag und reichte das Unternehmen 1916 mit Verlusten an den Hugenberg-Konzern weiter.
Am 5. Februar 1914 hatte sich August Scherl bereits aus der Verlagsgeschäftsführung zurückgezogen – er starb acht Jahre später am 18. April 1921 in Berlin.
(hhb)
Bücher:
Hans Ermann: August Scherl – Dämonie und Erfolg in Wilhelminischer Zeit; Universitas Verlag Berlin, 1914
Peter de Mendelssohn: Zeitungsstadt Berlin; Ullstein Verlag, 1959
Walter Kiaulehn: Berlin – Schicksal einer Weltstadt; Verlag C.H. Beck, 1980