Sefton Delmer

Der britische Journalist Sefton „Tom“ Delmer arbeitete von 1928 bis 1934 als Auslandskorrespondent für den Daily Express in Berlin. Danach informierte er mit Sitz in Paris über die Kriege in Europa und wurde Mitarbeiter im deutschsprachigen Dienst der BBC. Während des Zweiten Weltkriegs leitete er mehrere britische Sender für Gegenpropaganda. Nach dem Krieg baute er die erste Nachrichtenagentur Deutschlands auf, den späteren Deutschen Pressedienst.

Denis Sefton „Tom“ Delmer wurde am 24. Mai 1904 in Berlin-Charlottenburg geboren, als Sohn eines australischen Professors, der Dozent an der Friedrich-Wilhelms-Universität war. Delmer besuchte bis 1917 das Friedrichs-Werdersche Gymnasium, selbst als sein Vater als feindlicher Ausländer ab Beginn des Ersten Weltkriegs im Lager Ruhleben interniert worden war. 1917 durfte die Familie Delmer dann im Rahmen eines Gefangenenaustausches nach England ausreisen.

In England besuchte Delmer nun die St. Paul’s School in London und studierte anschließend Geschichte in Oxford. Nach dem Studium volontierte er ab 1927 beim Massenblatt Daily Express und wurde vom Verleger Lord Beaverbrook im Jahr darauf wegen seiner guten Deutschkenntnisse als Korrespondent und Büroleiter des Express‘ nach Berlin geschickt.

In der Zeit der Weimarer Republik berichtete Delmer über die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in Deutschland, über Straßenschlachten und die wechselnden Regierungen. Um an interessante Stories für sein Boulevardblatt zu kommen, baute er schnell auch gute Kontakte zu führenden Nazis auf, etwa zu Ernst Röhm oder zum Hitler-Unterstützer Hanfstaengl. Gerade Röhm erzählte ihm so manchen internen Partei-Klatsch und machte ihn zudem mit Hitler bekannt, den er so 1931 als erster britischer Journalist interviewen konnte. Ein weiteres ► Interview, in dem er Hitlers Meinung zu Großbritannien wiedergeben wollte, wurde aber abgelehnt. 1932 konnte Delmer noch über einen gemeinsamen Flug mit Hitler in dessen privater Wahlkampfmaschine berichten. Und nach der Machtübernahme war er dabei, als Hitler zusammen mit Göring die Ruine des ausgebrannten Reichstags besichtigte. Anschließend kommentierte er beider Ansichten dazu.

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Der britische Journalist Sefton Delmer im Februar 1958 im Grenzdurchgangslager Friedland bei der Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion

Copyright: Bundesarchiv B 145 Bild-F005102-0003, Fotograf Egon Steiner

Angesichts seiner Berichterstattung, die sich vor allem sachlich auf Nachrichten und weniger auf Meinungen darüber konzentrierte, geriet er in eine schwierige Lage: Die Briten hielten ihn für einen von den Nazis bezahlten Sympathisanten - die NS-Regierung dagegen für einen Agenten des MI6. Was ihn dazu veranlasste, seinen Sitz lieber nach Paris zu verlegen. Von dort berichtete er nun über wichtige Ereignisse aus ganz Europa. Nach der Erschießung von Ernst Röhm veröffentlichte er die Totenliste nach dieser Mordserie in der "Nacht der langen Messer" - 108 Namen, von denen die NS aber nur 46 zugegeben hatten. Dann war er beim Bürgerkrieg in Spanien – wieder beschrieb er die jeweilige Lage sowohl aus Sicht der Nationalisten um Franco wie die der Republikaner. Im von Franco belagerten Madrid, wo damals Knappheit und Hunger herrschte, war sein Zimmer im Hotel Florida ein Treffpunkt für viele Kollegen, darunter ► Virginia Cowles, ► Martha Gellhorn, Ernest Hemingway oder ► Hubert Knickerbocker. Bei ihm gab es immer etwas zu essen und zu trinken - Waren, die er aus Frankreich auf Schleichwegen hatte kommen lassen. Auch bei der deutschen Invasion nach Polen war er dabei, genau wie danach beim Angriff auf Frankreich. 

1940 kehrte Delmer nach England zurück und arbeitete eine Zeit lang als Sprecher beim Deutschen Service der BBC. Dort kreierte er als typisch deutsche Hausfrau eine "Frau Wernicke", der man bald auch in Deutschland gern zuhörte. Und dienstags abends um 21 Uhr antwortete er mit Fakten auf Hans Fritzsches wöchentlichen "Kommentar zur Lage" – auf dessen Propagandameldungen aus der "Goebbels-Schnauze", wie viele Deutsche den Volksempfänger mittlerweile nannten.

1941 wurde Delmer von der PWE rekrutiert, der Political Warfare Executive, um dort die psychologische Kriegsführung der Briten zu unterstützen. Er sollte Goebbels Lügenpropaganda mit Hilfe von Rundfunksendungen konterkarieren und so die deutsche Bevölkerung wie auch das Militär verunsichern. Seine als "schwarze Propaganda" bezeichneten Rundfunksendungen durften die Hörer nicht sofort als aus England kommend erkennen. Im Mittelwellensender Gustav Siegfried Eins beschimpfte daher der Chef, angeblich ein überzeugter Nazi, zunächst wie bei Goebbels üblich, etwa Churchill als einen plattfüßigen und versoffenen  Juden, maulte anschließend dann über Egoismen von Nazis und Nazissen, die sich anders als das normale Volk Sonderrechte herausnahmen (siehe SPIEGEL vom 30.10.1962).

Der Soldatensender Calais‘wandte sich an die Frontsoldaten und informierte sachlich über Vorkommnisse in der Heimat, berichtete über von Bomben zerstörte Straßen in deutschen Städten und erfand aber auch fiktive Gräuelgeschichten über angeblich betroffene Zivilpersonen. Was für zusätzliche Unruhe an der Front sorgte. Sein Deutscher Kurzwellensender Atlantik wandte sich an die deutsche Marine, zum Beispiel an die U-Boot-Besatzungen. Alle Sendungen wurden zudem mit damals beliebten Schlagern und auch mit Jazz zur Unterhaltung angereichert. Diese Sender von Sefton Delmer fanden eine beträchtliche Fan-Gemeinde, obwohl das Hören von Feindsendern verboten war und streng geahndet wurde.

Unmittelbar nach Kriegsende baute Delmer zusammen mit weiteren Redakteuren in Flensburg den German News Service auf, aus dem später der Deutsche Pressedienst wurde. Danach leitete er ab 1945 15 Jahre lang das Auslandsressort des Daily Express. Delmer berichtete über die Berlin-Blockade, als Frontberichterstatter 1956 über den Ungarn-Aufstand aus Budapest oder über den Suez-Krieg. 1959 verließ er nach Unstimmigkeiten mit Beaverbrook den Express.

Später veröffentlichte er in der Sunday Times mehrere kritische ► Artikel über Reinhard Gehlen und dessen Organisation Gehlen, dem Vorläufer des BND. Um damit gegen das Wiederauferstehen eines Nationalismus in der Bundesrepublik vorzugehen.

Seinen Ruhestand verbrachte er auf seiner Valley Farm in Lamarsh/Suffolk. Dort verfasste er seine Memoiren und weitere Erinnerungsbücher. Aber recherchierte auch wieder Geschichten, nun auch für den STERN: 1963 auf einer Reise durch Frankreich wollte er herausfinden, ob 18 Jahre nach dem Krieg eine echte deutsch-französische Freundschaft entstanden wäre. Auch seine Lebensgeschichte wurde als Artikelserie im STERN publiziert. Ab 1964 arbeitete er auch für den SPIEGEL.

Denis Sefton Delmer starb er am 4. September 1979 im Alter von 75 Jahren in Lamarsh/Suffolk

 

(hhb)

 

Quellen

Sefton Delmer – Der Chef vom Chef / SPIEGEL vom 30.10.1962

Sefton Delmer – Augenzeuge und Kritiker / mit Günter Gaus im ZDF am 4.9.1963

Sefton Delmer – The Master of Black Propaganda / BIOGraphics 9.4.2021

Peter Pomerantsev: The Man Who Used Nazi Propaganda to Help the Allies Win / Time vom 18.3.2024

Stefan Schett: Sefton Delmer - Der Mann, der Hitler überlistete / Materie 14.5.2024

Antonia Kleikamp: Sefton Delmer – an diesen Briten schrieb „Ihr sehr ergebener Adolf Hitler“ / DIE WELT am 24.10.2024

Virginia Cowles: Looking for Trouble / 1941 Deutsche Ausgabe beim Dumont-Buchverlag 2023

 

Bücher + Schriften

Sefton Delmer: English Literature from ‚Beowulf’ to Bernard Shaw / Verlag weidmannsche Buchhandlung Berlin 1926 in deutsch

Sefton Delmer: Die Deutschen und ich – Band 1+2 / Nannen-Verlag 1961/62

Sefton Delmer: Die Geisterarmee oder die Invasion, die nicht stattfand / Edition Praeger München 1972

Sefton Delmer: How dead is Hitler?