Die amerikanische Journalistin Helen Kirkpatrick wandte sich nach Beginn der Faschisierung in Italien, in Spanien und Deutschland energisch gegen die Appeasement-Politik von Großbritannien und gegen den Isolationismus der USA. Als Korrespondentin in Europa schilderte sie unerschrocken zunächst die Auswirkungen des entstandenen Totalitarismus und später als Kriegsreporterin das Elend, das der von ihr frühzeitig prophezeite Zweite Weltkrieg ausgelöst hat.
Helen Paull Kirkpatrick wurde am 18. Oktober 1909 in Rochester/New York geboren. Nach der Columbia Preparatory School besuchte sie The Masters School in Dobbs Ferry/New York und danach das Smith College in Massachusetts. Dort belegte sie Geschichte und Philosophie und wurde 1931 graduiert. Wie viele ihrer Kommilitonen beschäftigte auch sie sich intensiv mit den Aktivitäten und Problemen des nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Völkerbunds und dessen Hoffnung auf Weltfrieden und weitgehender Abrüstung. Helen Kirkpatrick führte den dem Smith College angeschlossenen "Debattier- und International-Relations-Club", was ihr ein Stipendium für Genf einbrachte, wo sie nun ihren Master im Fach Internationale Beziehungen machen wollte.
In Genf besuchte sie ab Sommer 1931 das Institut de Hautes Études Internationales et du Développement (IHEID) und wurde dort im Mai 1932 ausgewählt, der Genfer Abrüstungskonferenz ein im Institut erarbeitetes Thesenpapier zu präsentieren. Ihr Tutor lobte sie anschließend: „Von allen amerikanischen Studentinnen und Studenten hier in Genf halte ich Miss Kirkpatrick für die weitaus vielversprechendste.“
Da sich aber die finanzielle Lage nach der Scheidung ihrer Eltern weiter verschlechtert hatte und ihre Mutter inzwischen im Kaufhaus Macy’s arbeiten musste, kehrte Helen nach New York zurück, um ebenfalls Geld zu verdienen – möglichst als Journalistin, womit sie schon in Genf erste Erfahrungen gesammelt hatte. Der diplomatische Korrespondent von der New York Herald Tribune gab ihr einen Empfehlungsbrief für die Auslandsredaktion mit. Doch der Chefredakteur, ein Zeitungsmann alter Schule, lehnte brüsk ab: „Ich würde nie eine Frau ins Ausland schicken.“
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Übergangsweise arbeitete sie daher wie ihre Mutter bei Macy’s als Trainee. 1934 heiratete sie einen Werbemann, der in Chicago mit einer neuartigen Business-Idee Millionär werden wollte. Beides ging schief, die Ehe wie die Geschäftsidee ihres Mannes. Schon im Herbst 1934 beendete sie die Ehe und kehrte nach Genf zurück.
Dort musste sie sich zunächst mit Gelegenheitsjobs durchschlagen, als Dolmetscherin oder Hilfskraft. Bis sie 1935 Leiterin des Genfer Büros der FPA Foreign Policy Association wurde, welche die amerikanische Öffentlichkeit mit Informationen über internationale Vorgänge versorgen sollte. Dort kam sie mit Korrespondenten in Kontakt, die Infos auch von ihr erhielten. Außerdem begann sie Artikel für das Hausmagazin des Völkerbundes Geneva zu schreiben.
Durch ihre vielfältigen Kontakte zu diesen Korrespondenten bekam sie schnell Zugang zu deren Arbeit und begann, diesen diplomatic correspondents kontinuierlich zur Hand gehen: Manchester Guardian, Daily Telegraph, Daily Express, International Herald Tribune oder Montclair Times. 1936 wurde sie von Léon Blum nun mit Erfolg an die New York Herald Tribune empfohlen, die sie vier Jahre zuvor brüsk abgelehnt hatte und sie nun als Freiberufliche beschäftigte.
Und gerade für die Herald Tribune gelangen ihr ihre ersten beiden Coups. Am 6. März 1936 erhielt sie den Hinweis, dass deutsches Militär an der Grenze des von Frankreich besetzten Rheinland aufmarschieren würde. Mit einem Freund fuhr sie nach Freiburg und erlebte tags darauf die Besetzung des Rheinlands durch die Wehrmacht und den Rückzug Frankreichs und das Stillhalten des mit ihm verbündeten Englands. Das brachte die Pazifistin, die sie bis dato tendenziell war, zum Nachdenken. Als sie dann nach Berlin weitergereist war, bekam sie dort die Gelegenheit, ► Carl von Ossietzky zu interviewen, der vor den Olympischen Spielen aus dem KZ ins Berliner Staatskrankenhaus verlegt worden war. Und erlebte ein Bild des Jammers: ausgeschlagene Zähne, geschwollene Augen und ein schlecht verheiltes gebrochenes Bein. Das also richtete der Totalitarismus dort sogar bei einem Nobelpreisträger an. Von da an setzte sie sich für unbedingten Widerstand gegen den um sich greifenden Faschismus ein.
Und engagierte sich in der Redaktion des wöchentlich erscheinenden Newsletters Whitehall Letters, der von ihrem engen Freund Gordon-Lennox, Korrespondent des Daily Telegraph, erdacht worden war und sich energisch gegen die Appeasement-Politik von Chamberlain & Co. wandte. Zu den Abonnenten gehörten bald Winston Churchill, Anthony Eden oder der König von Schweden. Mit Blick auf das Münchner Abkommen schrieb Helen Kirkpatrick darin: „This truce may well induce rather than prevent war – dieser Waffenstillstand dürfte den Krieg mehr vorantreiben als vor ihm schützen“. Und verfasste ihre beiden Bücher "This Terrible Peace" (1938) und "Under the British Umbrella" (1939).
Als der Zweite Weltkrieg dann ausbrach, wurde sie vom Londoner Redaktionsbüro der Chicago Daily News fest angestellt, dem Rivalen der im Isolationismus verharrenden Chicago Tribune. Als erstes befragte sie damals den Herzog von Windsor, den abgedankten König Edward VIII., der lange Zeit Sympathie für Diktatoren wie Hitler und Mussolini gezeigt hatte.
Aus London berichtete sie über die deutschen Bombenangriffe auf die Stadt. 1943 ging sie für sechs Monate nach Algier und berichtete über den Krieg in Nordafrika. Und nach dem D-Day wurde sie die erste akkreditierte Kriegsreporterin bei den freien französischen Truppen. Ihr Landsmann, Roosevelts Secretary oft he Navy, hatte sie zuvor abgewiesen: „Wir haben keine Frauen bei unseren Truppen“ – ihre Antwort damals: „Ich kann mein Geschlecht nicht ändern, sie aber könnten ihre Politik ändern.“
Nun fuhr sie im Panzer von General Leclerc am 25. August 1945 in Paris ein und de Gaulle begrüßte sie beim Te Deum in Notre Dame. In Deutschland besuchte sie später Hitlers "Adler-Nest" bei Berchtesgaden und bereitete dort in einer Bratpfanne aus der Küche das Essen für ihre Begleiter zu.
1946 verließ sie die Chicago Daily News und berichtete nun für die New York Post über die Nürnberger Prozesse und machte dann eines der ersten Interviews mit Jawaharlal Nehru, dem Premier des jetzt unabhängigen Indiens.
Dann beendete sie ihre Berichterstattung für Medien und arbeitete in Paris für den Marshallplan und von 1953 bis 1959 in Washington D.C. für Dean Acheson in der westeuropäischen Abteilung des Außenamtes – auch als Pressesprecherin.
1954 hatte sie Robbins Milbank geheiratet, einem Trustee bei ihrer alma mater, dem Smith College. In den 60er Jahren engagierte sie sich dort ebenfalls, aber auch an ihren Wohnsitzen in Kalifornien wie New Hampshire als Civic leader (Bürgerbeauftragte) für Fragen der Erziehung, des Schutzes vor Kriminalität oder der Folgen durch internationale Entwicklungen.
Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1985 zog Virginia Kirkpatrick nach Williamsburg/Virginia, wo sie am 29. Dezember 1997 im Alter von 88 Jahren starb.
(hbb)
Quellen
Kirkpatrick, Helen (1909 -1997) / Encyclopedia.com
Anne S. Kasper: Helen Kirkpatrick / Washington Press Club Foundation 1990
Leonard Miali: Obituary – Helen Kirkpatrick Milbank / Independent am 8.1.1998
Pamela D. Toler: One Final Woman War Correspondent: Helen Kirkpatrick / History in the Margins am 30.7.2024
Judith Mackrell: Frauen an der Front / Insel Verlag 1923
Bücher + Schriften
Helen Paull Kirkpatrick: This Terrible Peace (über das Münchner Abkommen) / 1938
Helen Paull Kirkpatrick: Under the British Umbrella: What the English are and how they go to War / 1939