Sigrid Schultz

Die amerikanische Journalistin Sigrid Schultz berichete von 1919 bis 1940 als Auslandskorrespondentin aus Deutschland für The Chicago Tribune. Ab 1926 wurde sie von ihrem Verlag mit der Leitung des mitteleuropäischen Korrespondentennetzes beauftragt. Immer wieder gelang es ihr, während der Nazi-Diktatur die Pressezensur auszutricksen und so die ungeschminkte Wahrheit über die Lage in und die Absichten von Deutschland zu verbreiten.

Sigrid Lilian Schultz wurde am 5. Januar 1893 in Chicago als Tochter eines aus Norwegen stammenden Vaters geboren, einem Kunstmaler. Ihre frühe Kindheit verbrachte sie in Summerdale/Chicago und wuchs dort in einer dreisprachigen Familie (Englisch, Deutsch, Französisch) auf, denn ihre Mutter stammte aus Wiesbaden. 1901 zog ihre Familie zurück nach Europa, weil ihr Vater als Porträtist vom Württembergischen Königshof engagiert worden war. Diese Zeit verbrachten Sigrid und ihre Mutter bei deren Familie in Wiesbaden – Sigrid aber musste in München eine Internatsschule besuchen. Danach übersiedelte die Familie nach Paris, wo ihr Vater ein Atelier am Place Pigalle eröffnete.

In Paris beendete sie ihre Ausbildung an verschiedenen Lyzeen mit Auszeichnung und studierte ab 1912 an der Sorbonne Geschichte und Internationales Recht. 1914 wurde sie dort graduiert, setzte ihr Studium nach dem Umzug ihrer Familie nach Berlin aber an der Berliner Universität fort. Doch in der beginnenden Zeit des Ersten Weltkriegs ging es der Familie zunehmend schlechter, darum steuerte sie als private Sprachlehrerin ihr Scherflein zum Unterhalt bei. Was nach dem Eintritt der USA in den Krieg zunehmend komplizierter wurde, denn nun gehörte die Familie zu den feindlichen Ausländern und stand unter strikter Beobachtung. Ihr Glück war, dass sie von dem in Berlin lebenden irakischen Politiker Réouf Bey Chadirchi als Dolmetscherin engagiert worden war.

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Studio portrait of Sigrid Schultz in her U.S. War Correspondent uniform

Copyright: Wisconsin Historical Society Archives, Madison, Wisconsin

1919 lernte Sigrid Schultz Henry Little kennen, den Berliner Korrespondenten der Chicago Tribune, und wurde im Jahr darauf seine Assistentin und Dolmetscherin. In Berlin entwickelte sie sich dank ihrer Sprachkenntnisse, ihrer Kommunikationsfähigkeit und ihres Wissens um die deutsche Geschichte und die hiesige Lebensart schnell zu einer exzellenten Journalistin. Ihr stets freundliches Auftreten, ihr Charme und ihre Schlagfertigkeit ermöglichten es, ihre Berichte fast immer mit Insider-Informationen anzureichern.

Zur Zeit der Weimarer Republik berichtete sie über wichtige politische wie gesellschaftliche Ereignisse – etwa über den Kapp-Putsch im März 1920. Oder im Februar 1925 vor anderen Mitbewerbern über den Tod von Friedrich Ebert. 1926 ernannte man sie daraufhin zur Büroleiterin der The Chicago Tribune in Zentral-Europa. Damals war sie sicherlich die erste Frau in einer solchen Position.

Das Redaktionsbüro der Chicago Tribune befand sich im Hotel Adlon, wo sich nach Feierabend ihre meist männlichen Kollegen von anderen Zeitungen, aber auch Berliner Bürger gern zu einem oder mehreren Drinks an der Hotel-Bar trafen. Bei denen war sie als Frau gern gesehen und gesellte sich darum häufig dazu. Als Cocktail bestellte sie sich augenzwinkernd stets einen "Schultz", den der Barkeeper ihr ohne viel Gin servierte. So konnte sie, ein zartes Persönchen von etwa 50 Kilogramm Gewicht, mit den trinkfesteren Männern mithalten – denen der Alkohol dann die Zungen lockerte und die ihr so oft noch unbekannte Infos lieferten.

Denn gerade in der Zeit des Dritten Reichs hielt Sigrid Schultz es für ihre Pflicht, die USA über die Verwandlung Deutschlands in einen totalitären Staat laufend und detailliert zu unterrichten: „Ich will den Lesern alle verfügbaren Informationen liefern“, schrieb sie dem Telegraphenredakteur der Tribune, „man kann erstaunlich unheimliches Zeug über die Hitler-Anhänger berichten.“

Das bestätigt auch Professor Norman Domeier, der in der Universität Stuttgart über die Arbeitsbedingungen für ausländische Journalisten zur NS-Zeit forscht: "US-Korrespondentinnen wie Sigrid Schultz von der Chicago Tribune berichteten aus Berlin bis 1941 in gnadenloser Offenheit über die dunklen Seiten des Regimes. Nicht einmal den Ausdruck 'Nazi', der auch im Englischen sehr abfällig klang, ließen sich die US-Korrespondenten verbieten. Im Gegenteil: Sie gebrauchten ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit, wodurch selbst die schönsten Propaganda-Meldungen konterkariert wurden.“

Lange war Sigrid Schultz auf Tuchfühlung zu Hermann Göring, durch dessen Vermittlung sie andere Nazi-Größen und sogar Hitler selber interviewen konnte. Manche brachte sie dazu, ihre wirklichen Vorhaben auszuplaudern oder wenigstens anzudeuten. Was sie dann unter ihrem Pseudonym John Dickson – angeblich ein gelegentlich nach Europa reisender Kollege – mal via Paris, aus Oslo oder Kopenhagen ins Blatt brachte. Was Göring irgendwann durchschaut haben musste und sie daraufhin als den „Drachen aus Chicago“ bezeichnete. Nun bekam sie es noch stärker mit Gestapo-Spitzeln zu tun und wurde immer wieder zu Verhören einbestellt. So wurde das nazistisch verseuchte Berlin für sie langsam zu einem Kampfgebiet, zumal sie unbedingt verbergen musste, dass sie ja aus Sicht der Nazis eine Jüdin war; denn ihr mütterlicher Familienzweig hatte auch jüdische Wurzeln.

Ab 1938 begann Sigrid Schultz, zusätzlich für den Kurzwellensender MBS Mutual Broadcasting System zu arbeiten. Sie dürfte damit auch die erste Frau gewesen sein, die als Übersee-Reporterin für den Rundfunk tätig wurde. Einer ihrer Radioberichte befasste sich mit dem Münchner Abkommen und der Annexion des Sudetenlandes, dem Chamberlain und Daladier zugestimmt hatten. Natürlich war ihr Skript vorab zensiert worden, denn gesendet wurde aus dem Haus des Rundfunks in Berlin. Niemand aber konnte sie daran hindern, bei der Übertragung mit Abscheu in ihrer Stimme über den angeblich „ach so überwältigenden Sieg des Abkommens für Deutschland“ zu sprechen.

Eine Radiosendung war schließlich der Grund für ihre Ausreise. Am 25. August 1940 war die erste Bombe der Alliierten auf Berlin gefallen, sehr zum Entsetzen der Berliner. Hatte nicht Göring versprochen, dass so etwas überhaupt nicht geschehen könne? Der nächste Angriff erfolgte im September, an einem Abend, als sie wieder auf dem Weg ins Funkhaus war, um von dort einen Bericht zu übertragen. Unterwegs regnete es heiße Metallsplitter von den deutschen Flakgeschossen der Flugabwehr auf die umliegenden Straßen. Von solch einem "Schrapnell" wurde sie am Knie getroffen.

Sie nutzte ihre Verwundung für die Ausreise via Schweiz, Vichy-Frankreich, Spanien und Portugal und von dort per Schiff in die USA. In Spanien hatte sie sich mit Typhus infiziert – in der Zeit ihrer Rekonvaleszenz schrieb Sigrid Schultz ihr Buch "Germany will try it again" – womit sie beizeiten vor einer denkbaren Wiederbewaffnung warnen wollte

Als Kriegsberichterstatterin kehrte sie erst Ende 1944 nach Europa zurück und begleitete die US-Army bei ihrem Einmarsch in Deutschland. Sie gehörte zu den ersten Reportern, die das KZ Buchenwald und das zerstörte Berlin besuchten und berichtete darüber für die Chicago Tribune und McCall’s, später auch über den Nürnberger Prozess. In den Jahren 1952/1953 kehrte sie noch einmal als Reporterin nach Deutschland zurück.

Dann begann sie, ihre Erlebnisse aufzuarbeiten. Am 14. Mai 1980 starb sie und hinterließ eine nicht vollendete Autobiographie. Dieser Nachlass liegt bei der State Historical Society of Wisconsin.

 

(hhb)

 

Quellen

University of Wisconsin-Madison: Sigrid Schultz Papers 1835 - 1980

Susanne von Gotha: Die US-amerikanische Journalistin Sigrid Schultz mit Kollegen vor dem Büro der The Chicago Tribune im Hotel Adlon / Facebook

Sigrid Schultz Outsmarted Hermann Goering

Radioberichte von Sigrid Schultz / Onlinearchiv der Österreichische Mediathek

Dr. Norman Domeier: Der Holocaust hatte keine mediale Priorität / L.I.S.A. Wissenschaftsportal Gerda Henkel Stiftung

Bella Fromm: Als mir Hitler die Hand küsste /  Rowohlt Berlin 1993

Judith Mackrell: Frauen an der Front – Kriegsreporterinnen im Zweiten Weltkrieg / Insel Verlag 2023

William L. Shirer: Berliner Tagebuch 1934 – 1941 / Reclam Leipzig

 

Bücher + Schriften

Sigrid Schultz: Germany Will Try It Again / 1944