Die Journalistin, Fotografin und Filmemacherin Marie-Claude Deffarge produzierte im Team mit ihrem Kollegen und Lebensgefährten Gordian Troeller Aufsehen erregende Bildreportagen meist aus fernen Ländern für den STERN und zahlreiche Dokumentarfilme für die ARD. Darin prangerten sie den Umgang wohlhabender Industriestaaten mit den ärmeren Ländern des globalen Südens an.
Marie-Claude Deffarge wurde 1924 in Paris geboren. Nach der Schulzeit und schon während der deutschen Besatzung studierte sie an der Sorbonne in Paris Ethnologie und Archäologie. Als Hobby beschäftigte sie sich zudem mit der Kunst des Flamencos, wodurch sie mit spanischen Anarchisten und linken Widerstandsgruppen in Frankreich in Kontakt kam.
In Amsterdam, wo sie als Flamenco-Tänzerin auftrat, lernte sie 1948 den Journalisten ► Gordian Troeller kennen. Beide verstanden sich auf Anhieb und beschlossen, zusammen zu leben und zu arbeiten. Sie als Ethnologin und gemeinsam als Bildreporter wollten sie den Lebensgewohnheiten in unterentwickelten Ländern nachgehen und dann darüber berichten. Gerade die Völkerkundlerin Deffarge wollte den Industriestaaten auf diese Weise klarmachen, dass „Unterentwicklung kein natürlicher Zustand ist.“ Ihrer Meinung nach waren Länder, die sich angeblich noch auf dem Weg der Entwicklung befanden, keineswegs Länder, die auf dem Weg zum Fortschritt zurückgeblieben waren – und die sich nun anschickten, diese Verspätung aufzuholen. Für sie handelte es sich auch nicht um arme Länder, sondern um Opfer eines Weltwirtschaftssystems, das seit Jahrhunderten von den europäischen Nationen errichtet und ausgenutzt wurde.
Portrait aus den 60er Jahren
Copyright: Ingrid Becker-Ross-Troeller
In dieser Überzeugung waren sich Deffarge und Troeller einig und berichteten darüber in Form großer Bildreportagen aus mehr als 70 Ländern – etwa aus dem Iran, den der Schah Reza Pahlavi damals mit seiner „Weißen Revolution“ modernisieren wollte und dabei auf Widerstand der schiitischen Geistlichkeit stieß. Anschließend dokumentierten sie die Folgen dieser Islamischen Revolution für die iranische Bevölkerung. Immer wieder waren sie im Nahen Osten unterwegs und bereisten als überhaupt erste Journalisten den Jemen, schilderten aber auch das Leben der Menschen in Palästina oder im Libanon. Und berichteten natürlich aus Afrika sowie Mittel- und Südamerika.
In Deutschland wurden ihre Länderreportagen zunächst von der Illustrierten Revue und bald darauf ab Ende 1959 jahrelang vom Magazin STERN publiziert – für den allein sie mehr als 100 solcher Berichte verfassten. In diesen Fotoreportagen ging es ihnen keinesfalls nur darum, schöne Bilder zu verbreiten, sondern auf erkannte Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Deren Ursachen gingen sie vor Ort nach, analysierten die dortigen gesellschaftspolitischen Strukturen und konnten so ihrem Publikum die ungeschminkte Wirklichkeit vor Augen führen. Immer aus eigener Anschauung berichteten sie über Revolutionen und Kulturkämpfe in vielen Ländern.
Im Laufe dieser Jahre hatten Deffarge und Troeller begonnen, ihre Recherchen auch filmisch festzuhalten – Troeller mit einer Handkamera, während sich Deffarge weiter darauf konzentrierte, alles auch fotografisch zu dokumentieren.
1974 beendeten sie ihr Zusammenleben und Deffarge kehrte aus Hamburg nach Paris zurück. Sie arbeiteten aber weiterhin zusammen – als Völkerkundlerin beteiligte sie sich auch von Paris aus an der Konzeption neuer Filme und half bei deren Produktion. 1977 äußerte sich Marie-Claude Deffarge gegenüber der Zeitschrift cinéma so: „Das wollten wir zusammen zum Ausdruck bringen: dass die Unterentwicklung kein ‚natürlicher Zustand‘ ist.“ – „Die Unterentwicklung ist ein Prozess, der darin begründet ist, dass die reichen Länder die wirtschaftlich schwächeren Länder für ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen nutzen. Die abhängigen Länder arbeiten damit nicht mehr für ihren eigenen Profit, sondern für das Wachstum derer, die sie beherrschen. Dieser Prozess hat mit den kolonialen Eroberungen der großen europäischen Mächte begonnen und beschleunigt sich in dem Maße, in dem der ‚Fortschritt‘ in die unterdrückten Länder Einzug hält.“ – „Es wird wohl keine Lösung geben, solange die Länder, auf deren Kosten die Reichen immer reicher werden, nicht das Entwicklungsmodell in Frage stellen können, das von den Industrienationen geschaffen wurde, und solange sie nicht Nein sagen zu diesem ‚Fortschritt‘.“
Marie-Claude Deffarge starb 1984 im Alter von 60 Jahren in der Nähe von Paris.
(hhb)
Quellen
Marie-Claude Deffarge: Kurzbiographie
Deffarge & Troeller. Stern-Reportagen und Filme. Keine Bilder zum Träumen / DGPh Deutsche Gesellschaft für Photographie e. V. zur Ausstellung im Folkwang Museum vom 15. Nov 2024 bis 23. Feb 2025
ttt – titel, thesen, temperamente 10.11.2024
Bücher
Marie-Claude Deffarge + Gordian Troeller: Yemen 62-69. De la revolution ‘sauvage’ à la trêve de guerriers / Robert Laffont Paris 1969
Marie-Claude Deffarge + Gordian Troeller: Frauen der Welt / Verlag Zweitausendeins 1984