Der aus Luxemburg stammender Journalist, Fotograf und Filmemacher Gordian Troeller machte zusammen mit seiner Kollegin Marie-Claude Deffarge ab Ende der 50er Jahre für den Stern außergewöhnliche Text- und Fotoreportagen aus aller Welt machte: Außerdem produzierte er zahlreiche Dokumentarfilme für Fernsehanstalten in Europa– später allein für die ARD im Auftrag von Radio Bremen drei Serien mit insgesamt 70 Dokumentarfilmen.
Charles Gordian Troeller wurde am 16. März 1917 als Sohn luxemburgischer Eltern in Pierrevilliers/Lothringen geboren. Er besuchte die Grundschule in Frankreich, danach das Gymnasium in Luxemburg und begann anschließend eine kaufmännische Lehre. Vor deren Abschluss verließ er 1937 Luxemburg, um auf Seiten der Republikaner im spanischen Bürgerkrieg zu kämpfen; kam dort aber nicht zum Einsatz.
Aufgrund seiner Erfahrungen in diesen Jahren wandte er sich vom „real existierenden Sozialismus“ ab, den er von da an genauso kritisierte wie den „real existierenden Kapitalismus“. 1940 floh er zusammen mit seiner jüdischen Frau vor den Deutschen durch Frankreich nach Portugal. In Lissabon baute er eine geheime Organisation auf, vor allem um von dort Fluchtwege für rassisch Verfolgte und Nazi-Gegner nach Portugal und England zu schaffen.
Nach dem Krieg kehrte er kurzzeitig ins Großherzogtum zurück und wurde Mitherausgeber der Wochenzeitung L’Indépendant, einem Kampforgan, das die Verfehlungen der Luxemburger Exilregierung anprangerte. Was dazu führte, dass das Blatt nach mehreren Presseprozessen eingestellt werden musste. Daraufhin verließ Troeller Luxemburg endgültig.
In Indien 60er Jahre
Copyright: Ingrid Becker-Ross-Troeller
Als freier Journalist schrieb er von nun an für mehrere europäische und kanadische Zeitungen Auslandsreportagen aus den befreiten Gebieten in Europa oder über die Nürnberger Prozesse.
In Amsterdam lernte er 1948 seine spätere Kollegin und Lebensgefährtin ► Marie-Claude Deffarge kennen, mit der er bald ein ständig um die Welt reisendes Reporterteam bildete. In den 50er Jahren produzierten die beiden Bildreportagen zunächst aus dem Iran und dem Nahen Osten. Sie arbeiteten anfangs unter anderem für die Münchner Zeitschrift Revue und machten dann ab 1959 zahlreiche Reportagen aus rund 70 Ländern für den STERN. Ihre Themen waren zum Beispiel „Spanien unter Franco“, „die Mafia in Sizilien“, „der Schah im Iran“, „der Umsturz im Jemen“ und natürlich die Kolonialkriege in Algerien oder Vietnam.
Überall recherchierten die beiden im Team die gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Strukturen in den von ihnen besuchten Ländern, meist im verarmten Globalen Süden. Ihre Reportagen waren kritisch zugespitzt – sie berichteten über Revolutionen, Kulturkämpfe und Menschenrechtsverletzungen, über Konflikte im Iran, in Palästina, Somalia oder Eritrea. Beide suchten nach den Ursachen solcher Krisen, schilderten die interkulturellen Spannungen und die Unterdrückung von Frauen. Viele dieser Länder waren in der Kolonialzeit wirtschaftlich ausgebeutet worden. Ihre wohl erfolgreichste Reportage-Serie für den STERN hieß „Frauen dieser Welt“ – zu Beginn der damaligen sexuellen Revolution ein großer Verkaufserfolg für das Magazin.
Ab 1963 hatte Troeller begonnen, seine Erlebnisse und Erkenntnisse auch filmisch festzuhalten – so entstanden bis 1974 18 Dokumentarfilme, die von Fernsehanstalten in Deutschland, Frankreich, Schweden, Holland und Großbritannien ausgestrahlt wurden.
Ab 1974 konzentrierte sich Troeller auf Dokumentarfilme, von denen er durch Vermittlung ► Gerd von Paczenskys für Radio Bremen 70 drehte, die dann von der ARD in drei Serien gesendet wurden: „Im Namen des Fortschritts“, „Frauen der Welt“ und „Kinder der Welt“. Darin ging es um den zerstörerischen Einfluss westlicher Werte in den Ländern der Dritten Welt und um unseren Umgang mit der Armut in diesen Ländern. Die beiden berichteten über die Kinderarbeit in Lateinamerika oder die zwangsweise Missionierung von Indios in Bolivien.
1989 drehte Troeller den Film „Die Nachkommen Abrahams – Israel – Palästina“ und stellte darin die Kindererziehung durch Zionisten sehr kritisch dar. Was ihm den Vorwurf von Antisemitismus und eine Klage von zwei jüdischen Gemeinden einbrachte. In den beiden Prozessen wurde er freigesprochen.
1993 kommentierte Troeller in seiner Reportage „Am Rande der Hölle“ die Situation für Kinder in den Flüchtlingslagern von Angola voll bitterer Anklage:
„In der Dritten Welt ist die Betreuung der Armen zu einem Riesengeschäft verkommen. Allein in Angola tummeln sich 70 Hilfsorganisationen. Bei vielen verschlingen Gehälter, Autos, Wohnungen und Büros bis zu 80 Prozent der verfügbaren Gelder. Nothilfe als Arbeitsbeschaffungsprogramm für arbeitslose Akademiker.“
Für seine journalistische Arbeit erhielt Gordian Troeller die Adolf-Grimme-Preise in Bronze (1984) und Silber (1985) sowie 1992 als „Besondere Ehrung“. Außerdem wurde er 1987 mit dem Deutschen Kritikerpreis und 2003 mit dem Luxemburger Filmpreis Prix d’honneur ausgezeichnet.
Gordian Troeller starb am 22. März 2003 im Alter von 86 Jahren in Hamburg und wurde auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt.
Vom 14. November 2024 bis zum 23. Februar 2025 zeigte das Museum Folkwang in Essen die Ausstellung „Deffarge & Troeller – keine Bilder zum Träumen / Stern-Reportagen und Filme“,
(hhb)
Quellen
Joachim Paschen: Troeller, Gordian / Deutsche Biographie
Tim Reuter: Gordian Troeller / Luxemburger Autorenlexikon
Gordian Troeller – Marie-Claude Deffarge / Homepage
Gordian Troeller / Enzyklopädie des Islam
Die Kamera darf nicht diktieren / taz vom 24.11.1992
Gordian Troeller ist tot / STERN am 22.3.2003
Nachruf Gordian Troeller / Der SPIEGEL 14/2003 vom 30.3.2003
Deffarge & Troeller. Stern-Reportagen und Filme. Keine Bilder zum Träumen / DGPh Deutsche Gesellschaft für Photographie e. V. zur Ausstellung im Folkwang Museum vom 15. Nov 2024 bis 23. Feb 2025
ARD: Das Archiv der Journalist*innen Deffarge & Troeller / ttt 10.11.24
Bücher
Marie-Claude Deffarge und Gordian Troeller: Persien ohne Maske / Bildband 1958
Marie-Claude Deffarge und Gordian Troeller: Frauen der Welt / Verlag Zweitausendeins 1984
Marie-Claude Deffarge und Gordian Troeller: Die Herren – ein Pamphlet gegen die Männerherrschaft / Verlag Zweitausendeins 1985
Joachim Paschen: Kein Respekt vor heiligen Kühen. Gordian Troeller und seine Filme / Edition Con, Bremen 1992
Ingrid Becker-Ross-Troeller: Gordian Troeller. Antifaschist. Anarchist. Journalist / Berlin 2009