Der britische Journalist Hugh Greene berichtete ab 1933 als Auslandskorrespondent für verschiedene Londoner Zeitungen aus München, Berlin und Wien. Während des Zweiten Weltkriegs organisierte er die deutschsprachige Welle im BBC und baute nach dem Krieg den NWDR als öffentlich-rechtlichen Rundfunk für die britische Besatzungszone auf. Zurück in England arbeitete er wieder für den BBC und war von 1960 bis März 1969 dessen Generaldirektor.
Hugh Carleton Greene wurde am 15. November 1910 in Berkhamsted im Westen von Hertfordshire als Sohn einer vermögenden Familie geboren. Sein älterer Bruder war der Schriftsteller Graham Greene.
Hugh Greene besuchte die Berkhamsted Public School, die sein Vater leitete. Ende 1928 erhielt Hugh ein Stipendium für das Merton College in Oxford, ging aber vor Studienbeginn noch einige Zeit nach Marburg, weil man sich damals in der englischen Mittelschicht ganz besonders für die deutsche Kultur interessierte. Dort lernte er als Gast in einer Adelsfamilie Deutsch und deutsche Umgangsformen.
Im Merton College studierte er englische Literaturgeschichte. Statt wie eigentlich geplant als Lehrer an einer Universität zu arbeiten, entschied er sich Journalist zu werden. 1932 ging er als freier Mitarbeiter für den New Statesman und den Daily Herald nach München.
v.l.n.r.: Hugh C. Greene, Generaldirektor Adolf Grimme und Emil Dovifat, Vorsitzender des Verwaltungsrates
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Ab 1933 segelte er unter falscher Flagge. Er arbeitete nun angeblich für die konservativere Detroit Daily News und erhielt so die Genehmigung für einen Besuch im gerade eingerichteten Konzentrationslager Dachau – das er in seinem Artikel als „das Böse am helllichten Tag, kein schattenhafter Albtraum“ beschrieb. Außerdem interviewte er den berühmten Schweizer Clown Grock, der mit den Nazis sympathisierte oder glossierte die Auftritte von Hitler und Goebbels in München.
Anfang 1934 begann er als Assistent des Auslandskorrespondenten vom Daily Telegraph in Berlin zu arbeiten. Er wertete die deutsche Presse aus und schuf Kontakte zu Regierungsvertretern, aber auch zu Oppositionellen.
Als nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich der dortige Telegraph-Korrespondent ausgewiesen wurde, weil er die Umstände darüber wahrheitsgemäß und sehr eindringlich beschrieben hatte, wurde er von Hugh Greene ersetzt. Im Mai 1938 wurde Greene dann Chefkorrespondent für ganz Deutschland und setzte seine kritischen Beurteilungen über die Lage hier fort. Voller Ekel berichtete er am 11. November 1938 im Daily Telegraph über die so genannte „Kristallnacht“: „Rassenhass und Hysterie scheinen ein ansonsten anständiges Volk voll und ganz ergriffen zu haben. Ich habe modisch gekleidete Frauen gesehen, die klatschten und jubelten, und achtbare Mütter aus der Mittelschicht, die ihre kleinen Kinder hochhielten, damit sie den ‚Spaß‘ mitverfolgen konnten.“
Was natürlich im Propagandaministerium negativ vermerkt wurde. So gehörte Greene zusammen mit fünf weiteren Kollegen zu einer Gruppe Journalisten, die im Mai 1939 ausgewiesen wurden – als Reaktion auf die Ausweisung des Korrespondenten Dr. Rösel von der National-Zeitung Organ der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei aus London.
Greene ging nach Warschau, wo er zusammen mit seiner Kollegin ► Clare Hollingworth den Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen beobachtete und darüber berichtete. Als dann am 17. September 1939 – so wie das in einem geheimen Zusatz des Vertrags zwischen Deutschland und der Sowjetunion vereinbart war – die Rote Armee in Polen einmarschierte, floh Greene nach Rumänien und setzte seine Tätigkeit von Bukarest aus fort; berichtete zum Beispiel Ende September 1939 über die Ermordung des rumänischen Ministerpräsidenten Calinescu, der der polnischen Armee den Rückzug auf rumänisches Staatsgebiet erlaubt hatte.
Ab November 1939 berichtete er aus Amsterdam in den Niederlanden. Als sich die Lage im Mai 1940 spürbar verschlechterte, ging er nach Brüssel und reiste von dort einen Tag vor dem deutschen Einmarsch zurück nach England.
Dort meldete er sich sofort zum Dienst bei der Air Force, wurde aber bald wegen seiner guten Sprachkenntnisse Chefredakteur des deutschsprachigen Programms „German Service“ beim Europadienst der BBC. Eine Stimme der Wahrheit aus der freien Welt während des Zweiten Weltkriegs, die zu einer wichtigen Informationsquelle für all jene Deutschen wurde, die nicht mehr an Goebbels Lügen glaubten. Obwohl das Abhören von Feindsendern damals streng bestraft wurde. Dazu ein kurzes Statement von Hugh Greene, ausgestrahlt in ►Medienwelt spezial des Saarländischen Fernsehens.
Nach dem Krieg, im April 1945 besuchte Greene erneut das KZ Dachau und traf dort inhaftierte Kollegen aus Frankreich. Ab Juli 1945 berichtete er zunächst als Korrespondent aus Paris, auch für den BBC. Im September 1945 begann Hugh Greene im besetzten Deutschland zunächst mit einem lokalen Sender Radio Hamburg. Mit dem folgenden NWDR Nordwestdeutscher Rundfunk sorgte er Schritt für Schritt für eine Hörfunkversorgung in der gesamten britischen Besatzungszone, für Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Greene orientierte sich dabei am Vorbild der BBC – der NWDR als Anstalt des öffentlichen Rechts mit einer staatsfernen Trägerschaft und finanziert durch Gebühren seiner Hörer. 1948 wurde der Sender dann in deutsche Hände gegeben – erster Intendant wurde ► Adolf Grimme.
Bei seiner Übergabe am 15. November 1948 an seine Nachfolger wandte er sich noch einmal an seine anwesenden Mitarbeiter und wiederholte seine mehrfach geäußerten Mahnungen, dass „der öffentlich-rechtliche Rundfunk staatlichen und parteipolitischen Zwängen so weit wie möglich entzogen sein müsse.“ Eine Haltung, die bei manchem deutschen ► Politiker nicht immer auf Zustimmung führte.
Hugh Greene kehrte 1949 zur BBC zurück und übernahm dort die Leitung des Osteuropa-Dienstes – zuständig für Sendungen in die Sowjetunion, nach Rumänien, Bulgarien. Jugoslawien, Albanien und Griechenland. Von 1950 bis 1951 arbeitete er vorübergehend in Malaysia, wo damals ein Guerillakrieg gegen die Briten stattfand. Anschließend begann er als Co-Chef im Überseedienst der BBC zu arbeiten, wurde bald ihr Chef und übernahm auch leitende Funktionen etwa als Director of Administration für den gesamten Sender. Ab Jahresbeginn 1960 wurde er Generaldirektor des BBC und blieb das bis März 1969. Unter seiner Leitung gab es wichtige Veränderungen in der Programmplanung für Hörfunk wie Fernsehen.
In diesen Jahren war Hugh Greene mit der deutschen Schauspielerin und Kabarettistin Tatjana Sais verheiratet. Beide lebten bis Tatjana Sais‘ Tod im Februar 1981 in London. Greene starb dort sechs Jahre später am 19. Februar 1987.
(hhb)
Quellen
Greene, Hugh Carleton / Fernsehmuseum Hamburg
Tise Vahimagi: Greene, Sir Hugh /screenonline
Hans-Ulrich Wagner: Hugh Carleton Greene – ein Glücksfall für den Rundfunk / NDR am 10.10.2017
Michael Tracey: Sir Hugh Greene – mit dem Rundfunk Geschichte gemacht / Quadriga Berlin 1984
Judith Mackrell: Frauen an der Front / Insel Verlag 2023