Margret Boveri war eine so kluge wie umstrittene Ausnahme-Journalistin. Ihre journalistische Karriere begann nach dem Studium in der Nazi-Zeit 1934 als Volontärin beim Berliner Tageblatt. Von 1939 bis zu deren Verbot im Jahr 1943 arbeitete sie als Auslandskorrespondentin für die Frankfurter Zeitung und nach deren Verbot für die NS-Wochenzeitung Das Reich. Das Leben dieser Pionierin im Männerberuf Journalismus war durch zahlreiche Brüche gekennzeichnet.
Margret Boveri wurde am 14. August 1900 in Würzburg geboren, als Tochter einer aus Amerika stammenden Biologin und eines deutschen Zoologen. Als sie 15 Jahre alt war, starb ihr Vater, was ihr Leben in vielerlei Hinsicht veränderte. Ab 1917 besuchte sie eine höhere Mädchenschule und legte 1920 ihr Abitur als Externe ab. Danach immatrikulierte sie sich an der Würzburger Universität in den Fächern Anglistik, Italienisch, Germanistik und Geschichte und machte 1924 ihr Staatsexamen für den Lehrberuf. Da sie aber an einer Lehrtätigkeit kein Interesse hatte, setzte sie ab 1925 ihr Geschichtsstudium in München fort.
1927 unterbrach sie ihr Studium, um vorübergehend als Sekretärin am Zoologischen Institut in Neapel zu arbeiten. 1929 kehrte sie nach Berlin zurück, um das Studium an der Friedrich-Wilhelm-Universität fortzusetzen. Ihr Wunsch war es, danach im Außenministerium oder beim Völkerbund arbeiten zu können. Diese Pläne zerschlugen sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten.
Margret Boveri [1900 - 1975], Aufnahmedatum: 1960er Jahre
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Ihr Interesse hatte schon immer fremden Ländern gegolten, weil ihre Eltern sie als Kind bei ihren Auslandsaufenthalten oft mitgenommen hatten. 1933 bereiste sie Algerien, Marokko und Tunesien und schrieb darüber ihre ersten Berichte. 1934 begann sie daraufhin ein Volontariat in der außenpolitischen Redaktion des Berliner Tageblatts und erlebte dort als Redakteurin die schwierige Gratwanderung zwischen NS-Propaganda und Qualitätsjournalismus. 1936 verließ sie das Tageblatt, nachdem deren Chefredakteur, ihr Mentor ► Paul Scheffer, abgelöst worden war und begann vorübergehend freiberuflich zu arbeiten. 1938 fuhr sie im Auftrag der Schweizer Zeitschrift Atlantis, aber auch mitfinanziert von der Frankfurter Zeitung, im Auto quer durch Vorderasien bis in den Iran. Auch über diese Reise entstanden zahlreiche Artikel.
So wurde Margret Boveri 1939 Korrespondentin der Frankfurter Zeitung, zunächst in Stockholm und ab 1940 in New York, wohin sie eine abenteuerliche Reise mit der transsibirischen Eisenbahn bis Korea und nach der Überfahrt quer durch die USA per Auto unternehmen musste. Obwohl ihre Mutter wieder in den USA lebte und in Yale lehrte, kehrte Margret 1942 mitten im Krieg via Lissabon nach Europa zurück und arbeitete wieder bis zu deren Einstellung im Jahr 1943 für die FZ, wo sie nun auch antisemitische Artikel verfasste, etwa „Landschaft mit doppeltem Boden“. Danach schrieb sie bis Kriegsende für die Wochenzeitung Das Reich. Carl Linfert, der ebenfalls für Das Reich als Korrespondent tätig war, stellte später selbstkritisch fest, dass die Journalisten „einen nicht geringen Beitrag zur Aufwertung und Stabilisierung des Hitler-Staates (...) geleistet haben.“
Mit der Teilung im Nachkriegsdeutschland hatte sie lange Zeit Probleme und lehnte Adenauers strikte Westbindung entschieden ab. Darum stand sie als Publizistin zunächst etwas im Abseits. Das änderte sich erst nach dem Mauerbau und nach Willy Brandts Ostpolitik.
In der Viersektoren-Stadt vertrat sie anfangs die Badische Zeitung und arbeitete von dort als freie Journalistin auch für den Kurier, die Frankfurter Allgemeine, DIE WELT und die ZEIT. Und schrieb mehrere Bücher.
Über die Brüche in ihrem Leben sagte die passionierte Journalistin: „Sie habe als Untertan, Bürger und Beobachter die bayerische Monarchie, die Weimarer Republik, die Diktatur Hitlers und das Besatzungsregime im besiegten Deutschland miterlebt.“ In Berlin war sie 1935 von der Gestapo verhaftet worden, musste später dennoch für die Propaganda-Zeitschrift Das Reich schreiben – in den USA wurde sie als feindliche Ausländerin interniert. Was ihren Anti-Amerikanismus ausgelöst haben dürfte. Als Chronistin hat Margret Boveri über alle diese Epochen und Ereignisse berichtet.
Margret Boveri starb am 6. Juli 1975 in Berlin und wurde in der Grabstätte der Boveris auf dem Hauptfriedhof in Bamberg beigesetzt.
(hhb/ms)
Quellen:
Roland H. Wiegenstein: Eine kathegorische Patriotin / Die Berliner Literaturkritik vom 6.9.2006
Titus Arnu: Wir lügen alle - in der Serie über große Journalisten / Süddeutsche Zeitung 20.5.2010
Joachim Meißner: Korrespondentin Margret Boveri – Zeitungsreporterin im Dritten Reich / SWR Kultur am 22.2.2023
Margret Boveri: Nachruf auf ein Abendblatt – ein Stück Berliner Pressegeschichte nach 1945 / Merkur Nr. 127 im September 1958
Katharina Rutschky: Freiheit und Selbstverwirklichung – Margret Boveri und Jeanne Hersch / Deutschlandfunk 31.5.2009
WDR ZeitZeichen. 06.07.2015: Margret Boveri, Publizistin (Todestag 6.7.1975)
Bücher:
Margret Boveri: Tage des Überlebens – Berlin 1945 / wjs Verlag 2004
Margret Boveri: Verrat im 20. Jahrhundert / Rowohlt 1956
Heike B. Görtemaker: Ein deutsches Leben. Die Geschichte der Margret Boveri C.H. Beck 2005