Der aus Wien stammende Journalist Arthur Brehmer war ein origineller Kopf. Für den Ullstein-Verlag erfand er 1898 die Berliner Morgenpost und außerdem das „mobile Büro“. Denn selbst als Chefredakteur war er so gut wie nie im Verlagshaus anzutreffen – seine journalistischen Einfälle und Neuigkeiten suchte und fand er draußen bei seinen Lesern. So wurde die von ihm erdachte und volkstümlich gestaltete Morgenpost schnell zu einem viel gelesenen Blatt.
Arthur Brehmer wurde am 8. Februar 1858 in Triest geboren. Nach seiner Schulzeit ging er nach Wien, begann dort als Journalist zu arbeiten und zeigte großes Interesse für alles Neue, wie etwa die Kinematographie und die ersten Filme. Umtriebig wie er war, kam er in der Welt herum und landete irgendwann in Berlin, beim Ullstein-Verlag. Zunächst bei der Berliner Zeitung, deren Feuilleton er bald leitete. Darin wollte er nicht nur informieren, sondern auch unterhalten, denn für ihn musste Journalismus vor allem interessant sein.
So wurde der Verlagsgründer ► Leopold Ullstein auf Brehmer aufmerksam und hielt ihn für den richtigen Kandidaten für den Chefredakteursposten eines neu geplanten Blattes: die Berliner Morgenpost – Neues Berliner Lokalblatt. Leopold Ullstein als Begründung für Brehmers Berufung zu seinem Sohn Louis: „Es gibt im ganzen Land keinen originelleren Kopf. Immer, wenn ich in sein Büro komme, ist Brehmer nicht da. Da er es dennoch schafft, ein gutes Produkt herzustellen, muss der Mann etwas Besonderes haben.“
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Innerhalb kurzer Zeit erarbeitete Brehmer ein Konzept für die geplante Zeitung: Sie sollte volkstümlich sein, unterhaltsam, verständlich und leicht zu lesen. Vor allem sollte sie über das Geschehen in der eigenen Stadt berichten, auch über das Leben in den Berliner Stadtteilen und Vororten.
In der Erstausgabe der Berliner Morgenpost vom 20. September 1898 machte Brehmer sein Konzept bekannt: Man wolle schildern „wie Berlin fühlt und denkt, wie es wacht und träumt, wie es leidet und liebt, wie es wirklich ist“. Damit hatte er auf Anhieb Erfolg: Schon zwei Monate später hatte das Blatt 40.000 Abonnenten. Nach einem Jahr übertraf sie mit 160.000 Abos das Konkurrenzblatt Berliner Lokal-Anzeiger von August Scherl und erreichte bis Mai 1900 bereits eine Viertelmillion.
Brehmers Reporter schwärmten durch die ganze Stadt, allen voran er selbst. Zu seinem Büro wurde das Café Friedrichshof in der Friedrichstraße Ecke Kochstraße. Dort konnte er den Berlinern aufs Maul schauen, mit ihnen plaudern und sie dabei aushorchen. Hier empfing er auch Mitarbeiter und Kollegen, hier schrieb er seine Artikel. Seine Maxime nicht nur für Lokalnachrichten lautete: „Erst sehen, dann darüber nachdenken, dann darüber schreiben!“ Und er animierte auch seine Leser zur Mitarbeit in der Lokalberichterstattung, schon um die Leser-Blatt-Bindung zu verbessern und mehr Informationen aus den Berliner Kiezen über all das zu bekommen, was die ganz normalen Bürger umtrieb oder ihnen Probleme bereitete. Und er sparte heikle Themen nicht aus. Seine Reporter und er selbst berichteten aus Obdachlosenquartieren, aus Kneipen mit Prostituierten und Treffpunkten von Kriminellen.
Brehmer sprühte nur so vor Ideen, mit denen er auch seine Konkurrenten vorführte. So ließ er ein Profilfoto von Kaiser Wilhelm II. seitenverkehrt kopieren und im Blatt mit dem Text versehen: „Des Kaisers Doppelgänger: ein Schuster aus Barcelona“. Was andere Zeitungen zu seinem Amüsement sofort nachdruckten.
Doch schon nach knapp drei Jahren als Chefredakteur bei der Morgenpost kehrte er nach Wien zurück. Verleger Hermann Ullstein kommentierte: „Sein Mangel an Disziplin brachte ihn zu Fall.“ Er blieb aber weiterhin als Journalist und Schriftsteller tätig. Großes Aufsehen erregte er mit einem Projekt im Jahr 1910, als er mehrere Experten für Technik, Politik, Kunst und Kultur aufforderte, sich Gedanken darüber zu machen, wie die Welt wohl in 100 Jahren aussehen könnte. Unter diesem Titel erschien dann Arthur Brehmers Zukunfts-Anthologie und wurde sofort zum Bestseller. Der Olms-Verlag hat die damaligen Zukunftsvisionen unlängst wieder aufgelegt: Brehmers damalige Experten prognostizierten ganze Zeppelin-Luftflotten; die Pazifistin Berta von Suttner hoffte auf einen Weltfrieden, ein anderer glaubte dagegen an einen Krieg zwischen Asien und Europa. Man hoffte auf ein Zeitalter ganz ohne Krankheiten, auf eine europäische Gemeinschaft und auf die Emanzipation der Frauen. Ja, man sah sogar die Handys voraus, als „Telephone in der Westentasche“.
Mit einem weiteren Clou verabschiedete Brehmer sich 1923 von den früheren Verlegern und seinen Lesern in Berlin. Da erhielt der Ullstein-Verlag ein Fernschreiben: „Gestern Morgen, nach schwerer Krankheit, verstarb Arthur Brehmer, Journalist und Schriftsteller. Einige Zeit leitete er die von ihm ins Leben gerufene Berliner Morgenpost. Sein Begräbnis fand in aller Stille auf dem Zentral-Friedhof statt.“ Ullstein druckte umgehend einen hymnischen Nachruf auf seinen ehemaligen Chefredakteur. Andere Zeitungen folgten. Dann traf ein Brief von Brehmer ein: „Habe nur wissen wollen, was die Leute von mir denken. Ich lebe noch.“
Allerdings nicht mehr lange, denn wenige Wochen später, am 1. Dezember 1923 starb er wirklich, in Eichgraben bei Wien.
(hhb)
Quellen
Lars-Broder Keil: Arthur Brehmer – der Mann, der nie im Büro war / Axel Springer Archiv, 20.9.2023
Werner von Westhafen: Von Kreuzberg nach Paris / Kreuzberger Chronik
Arthur Brehmer – Die Zukunft von gestern / Deutschlandfunk Kultur, 22.5.2010
Die Zukunft vor 100 Jahren / Rheinische Post, 5.7.2010
Felix Müller: 120 Jahre Morgenpost – eine würdige Zeitzeugin / Berliner Morgenpost, 20.9.2018
Georg Ruppelt: Vom Telephon in der Westentasche
Medien: Heute ist die Zukunft von gestern / Gedankenstrich.org 5.11.2010
Bücher
Arthur Brehmer: Die Welt in 100 Jahren / Olms Verlag Hildesheim, 2010