Ernst Dohm

Ernst Dohm war der geistige Motor des 1848 gegründeten politisch-satirischen Wochenblatts Kladderadatsch, mit dem er in jenen Jahren immer wieder auf die öffentliche Meinung einwirkte. Dohm vertrat dabei eine national-liberale Haltung und wurde deswegen und wegen seiner Spöttereien über die Zustände in den deutschen Landen des Öfteren angeklagt.

Ernst Dohm, 1819 in Breslau als Elias Levy geboren, war der Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie, die sich 1828 taufen ließ und den Namen Dohm annahm. Da wurde aus Elias der Rufname Ernst. Nach der Schulzeit studierte Ernst Dohm in Halle Theologie und Philosophie. Aber wechselte nach gerade einmal zwölf von ihm gehaltenen Predigten in Halle und Umgebung vom Pfarrer zum Literaturkritiker. Er schrieb für verschiedene Zeitungen und Magazine - wie Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz oder für das Magazin für die Litteratur des Auslandes. Bei der Gründung der neuartigen politisch-satirischen Zeitschrift Kladderadatsch im Revolutionsjahr 1848 wurde er einer der ersten Mitarbeiter des Blattes. Schon im Jahr darauf war er der verantwortliche Redakteur und damit der bestimmende Geist der Zeitung.

Das wöchentliche Witzblatt - „das täglich mit Ausnahme der Wochentage erschien“ - bot kultivierte politische Satire, Satire als Zeitkritik. Viele der von Ernst Dohm, Rudolf Löwenstein und dem Zeichner ► Wilhelm Scholz erfundenen Figuren – wie Müller und Schultze mit ihren ironischen Dialogen in Berliner Mundart, Karlchen Mießnick oder Zwickauer – sind im Laufe der Jahre nicht nur im Hauptverbreitungsgebiet Berlin volkstümlich geworden. Von Ernst Dohm stammt auch der Begriff Kalauer: Dohm machte mehrfach in der Kleinstadt Calau südlich von Berlin seinen Urlaub und veröffentlichte dann die dort gehörten derben Witze der Arbeiter unter der Rubrik „Aus Kalau wird berichtet“. So entstand der Begriff Kalauer für diese Art von Witzen.

 

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Copyright: Friedrich Gustav Adolf Neumann. - Die Gartenlaube, Jg. 1867 (Teil 1), S. 205., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45352047

In Kladderadatsch achtete Dohm darauf, dass nie jemand bewusst verletzend behandelt wurde, sondern durch möglichst intelligent pointierten Spott. So gelang es der Redaktion recht gut, die Klippen der Zensur gerade während der Gegenrevolution nach 1848 zu umschiffen, in den Gründungsjahren dieses gewagten Zeitungs-Unternehmens. „Denn 1848 sei für Deutschland“, so urteilte ein englischer Historiker, „ja ein Wendepunkt gewesen, der versäumt habe, sich zu wenden.

Später vertrat Kladderadatsch eine national-liberale Gesinnung und unterstützte dabei die Politik Bismarcks, auch gegen aufkommende sozialistische Strömungen. Und beeinflusste auf diese Weise natürlich die öffentliche Meinung. Gelegentlich landete Dohm als verantwortlicher Redakteur dennoch auf der Anklagebank und danach in der Stadtvogtei am Molkenmarkt. Wo er seine Unterkunft ironisch als enges Loch, neun Ellen im Geviert, kaum größer als die Großmacht von Reuß-Gera“ beschrieb. Meist aber gelang es ihm, solche Fettnäpfchen geschickt zu umschiffen, ohne dadurch Überzeugungen zu verraten. Dabei half ihm, dass Bismarck die Macht und den Einfluss vom Kladderadatsch sehr wohl erkannt hatte und dieses Dohm auch in mehreren Briefen attestierte. Was ihn aber nicht davon abhielt, 1879 gegen Dohm und den Zeichner Wilhelm Scholz wegen zweier Karikaturen Strafantrag zu stellen. Worauf die beiden zu jeweils zweihundert Mark Geldstrafe oder ersatzweise zwanzig Tage Haft verurteilt wurde. Ihre Antwort darauf war ein Gedicht mit dem Refrain: „Nein, Otto, nein, das war nicht hübsch von dir!“ Das geschah in den Jahren, in welchen Kladderadatsch den wohl größten Einfluss hatte – ein Witzblatt-Monopol.

Ernst Dohm war mit der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hedwig Schlesinger verheiratet. Beide betrieben in der Potsdamer Straße einen Literatursalon, in dem neben anderen Ferdinand Lasalle, Franz Liszt oder Cosima Wagner verkehrten. Die dortigen Montagsrunden waren wegen des humorvollen Gastgebers sehr beliebt. Ernst Dohm starb 1883 in Berlin. Nach seinem Tod führte Hedwig Dohm diesen Salon weiter.

 

(hhb)

 

Bücher:

Hans Rothfels/Liesel Hartenstein: Facsimile Querschnitt durch den Kladderadatsch; Scherz Verlag, 1965