Die deutsch-französische Journalistin Lotte Henriette Regina Eisner wurde am 5. März 1896 in Berlin geboren. Mit ihrer Arbeit als Filmkritikerin und Filmhistorikerin hat sie hat sie Maßstäbe gesetzt. In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts engagierte sie sich insbesondere für die jungen Regisseure des neuen deutschen Films.
Die Tochter eines jüdischen Berliner Kaufmanns studierte Kunstgeschichte, Alte Geschichte und Archäologie. Die Universität Rostock verlieh ihr 1924 für ihre Arbeit über „Die Entwicklung der Komposition auf griechischen Vasenbildern“ den Doktortitel. 1927 überzeugte der Filmkritiker Hans Feld die junge Kunsthistorikerin, für den einflussreichen, täglich erscheinenden „Filmkurier“ zu arbeiten. Sie schrieb Filmkritiken und Reportagen. Neben ihren männlichen Kollegen Hans Feld, ► Willy Haas, Ernst Jäger und Felix Henseleit war sie eine der ersten Kritikerinnen und gehörte zu den wichtigen Autoren der Zeitung.
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1933 nach der Machtübernahme Adolf Hitlers emigrierte sie nach Frankreich. Von Paris aus schrieb sie für die deutschsprachige Fachzeitschrift „Die Kritik“, die von Hans Feld im Prager Exil herausgegeben wurde, außerdem für die ebenfalls in Prag erscheinende „Internationale Filmschau“. Mit dem Journalisten und Filmarchivar Henri Langlois und dem Regisseur Georges Franju, die eine Cinémathèque Francaise gründen wollten, sammelte sie Dokumente von filmhistorischer Bedeutung, Filmkopien, Plakate, Bücher. Kameras, Projektoren und Kostüme.
Als die deutsche Wehrmacht Frankreich 1940 besetzte, musste Lotte Eisner vor der Gestapo untertauchen. Sie wurde aber entdeckt und ins das südfranzösische KZ Gurs eingeliefert. Wie durch ein Wunder entging sie dem Transport in die Vernichtungslager.
1945 arbeite sie wieder mit Henri Langlois zusammen und war bis 1975 Chefkonservatorin der Cinémathèque Francaise. Insbesondere kümmerte sie sich um den Aufbau eines Filmmuseums. Weltweit sammelte sie Fotos, Drehbücher, Kostüme, Kameras und Requisiten. 1972 wurde das Museum im Palais de Chaillot eröffnet. Als Journalistin war Lotte Eisner ebenfalls wieder tätig und schrieb für die Filmzeitschriften „Cahiers du Cinéma“ und „La Revue du Cinéma“.
Auch als Buch-Autorin wurde sie bekannt. „Die Dämonische Leinwand“ war der Titel ihres Buchs über den expressionistischen deutschen Stummfilm und Max Reinhard. 1958 gab sie gemeinsam mit dem Journalisten und späteren Verleger Heinz Friedrich das Fischer-Lexikon „Film Rundfunk Fernsehen“ heraus, für das sie selbst sechs Kapitel schrieb. Sie veröffentlichte eine Monographie über den berühmten Stummfilm-Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau und schrieb ein Buch über den Schauspieler, Drehbuchautoren und Regisseur Fritz lang („Metropolis“, „M“). Texte von ihr erschienen in der Zeitschrift „Filmkritik“, deren Gründung 1957 sie befördert hatte. Junge Regisseure wie Wim Wenders oder Werner Herzog förderte sie sehr nach Kräften. Durch die Nazi-Zeit und den 2. Weltkrieg habe in der deutschen Filmgeschichte „eine Lücke von einem ganzen Vierteljahrhundert“ geklafft, schrieb Herzog 1984: „Deshalb hat uns Lotte Eisners Anteilnahme an unserem Schicksal, also an dem der Jungen, eine Brücke in einen geschichtlichen, einen kulturgeschichtlichen Zusammenhang geschlagen.“ Und Wim Wenders widmete ihr seinen 1984 mit der „Goldenen Palme“ preisgekrönten Film „Paris, Texas“.
Lotte Eisner starb am 25. November 1983 in Paris. Ihre Lebenserinnerungen mit dem Titel „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ erschien posthum 1984.
(ms)