Willy Haas

Willy Haas war der legendäre Gründer und Herausgeber der „Literarischen Welt“, zudem Filmkritiker und Drehbuchautor. Und ein persönlicher Freund vieler Dichter und Denker sowie Brückenbauer zwischen den unterschiedlichen Kulturen und Religionen.

Geboren wurde er in Prag, am 7. Juni 1891, als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts. Seine wohlhabende Familie gehörte dort zur deutsch-jüdischen Enklave, die damals das kulturelle Leben in Prag prägte. Seine Eltern besaßen eine außergewöhnlich umfangreiche Bibliothek. Als Schüler war er mit Franz Werfel befreundet. Sie beide verkehrten im Literaten-Café Arco, wo sie mit Max Brod und Franz Kafka in Kontakt kamen, die in den beiden Schülern das Interesse für Literatur vertieften.

Nach seiner Schulzeit studierte Willy Haas Rechtswissenschaft und engagierte sich in einer jüdischen Studentenvereinigung. Für die Johann-Gottfried-Herder-Vereinigung gab er zwischen 1911 und 1912 in Prag die Herder-Blätter heraus, die deutschsprachige und tschechische Literatur kommentierten, aber auch zwischen Juden und Christen vermitteln sollten. Den Ersten Weltkrieg überstand er unverletzt als Soldat in der K.u.K.-Armee.

 

article picture

Copyright: ullstein bild - ullstein bild

Die dann folgenden 20er Jahre beschrieb er „als das Glück seines Lebens“: da arbeitete er ab 1920 in Berlin als Filmkritiker für den Film-Kurier und verfasste mehrere Drehbücher. 1925 bot ihm Ernst Rowohlt die Chefredaktion der Literaturzeitung Literarische Welt an. Haas hatte sie mit erdacht, nach dem Vorbild der französischen Nouvelles Littéraires: wöchentliches Erscheinen mit ausführlichen Essays und Nachrichten aus Literatur, Theater und Kunst – immer in einer oft chaotisch anmutenden Vielfalt aus seriösen und unterhaltsamen Beiträgen, die neugierig machten. Die Literarische Welt wurde zu seinem Lebensmittelpunkt, bis er 1933 von den Nazis abgesetzt wurde und zurück musste in seine Heimatstadt Prag. Die Literarische Welt wurde gleichgeschaltet und ging 1935 in Das deutsche Wort auf.

Im Prager Exil versuchte er sich erneut als Herausgeber einer Literaturzeitschrift, der Welt im Wort. Die aber galt bei vielen anderen Exilanten als zu unpolitisch und überlebte nur kurze Zeit.

Nach dem Münchner Abkommen von 1938 und der Annexion der Tschechoslowakei durch Hitler-Deutschland floh Willy Haas nach Frankreich und von dort 1939 weiter nach Indien. Zuvor hatte er sich mit Hilfe des PEN-Clubs vergebens um eine Ausreise in die USA oder nach Großbritannien bemüht. In Bombay aber konnte er sofort für die Filmproduktionsfirma Mohan Bhavnani Productions tätig werden und Drehbücher schreiben. Franz Werfel, vor seiner Ausreise in die USA in Sanary-sur-Mer als „feindlicher Ausländer“ interniert, schrieb im Januar 1940 von dort an seinen Freund Willy Haas: „Liebster Willy – endlich ein Zeichen von Dir! Ich bin sehr glücklich Dich in Bombay zu wissen und zu hören, daß Du das rechte getroffen hast und Dich wohl fühlst und mit der Arbeit zufrieden bist.“ Die beiden haben sich nie wiedergesehen, denn Werfel starb bekanntlich 1945 in Beverly Hills.

Da lebte Willy Haas bereits in Großbritannien und war britischer Staatsbürger geworden. In Indien hatte er zuletzt als Zensor in einem Gefangenenlager der britisch-indischen Armee gearbeitet. 1948 kehrte Haas nach Deutschland zurück. Nach Hamburg, als Kontroll-Offizier im Range eines Captains. Dort am Gänsemarkt, im früheren Verlagshaus des Hamburger Generalanzeigers, half er beim Neuaufbau einer freien Presse in der englischen Besatzungszone. Als Modellzeitung für ihre gesamte Besatzungszone hatten die Briten im April 1946 DIE WELT gegründet – nach englischem Vorbild mit klarer Trennung zwischen Nachrichten aus dem besiegten Deutschland und aller Welt und den Kommentaren dazu.

Haas arbeitete damals auch für den NWDR, den Nordwestdeutschen Rundfunk. Dort sprach er als unabhängiger Rundfunk-Kommentator nicht nur über Literatur. Der Rundfunk war seit der Weimarer Zeit und mehr noch im „Dritten Reich“ zu einem wichtigen Massenmedium geworden. Und bis weit in die 50er Jahre zum wichtigsten Freizeit-Medium, bis er diese Rolle an ein neues Leitmedium abgeben musste, an das Fernsehen.

1953 wurden DIE WELT und Welt am Sonntag an Axel Springer verkauft. Willy Haas schrieb zunächst als freier Journalist für beide Blätter, bis er 1955 als Redakteur zur besonderen Verwendung fest angestellt wurde, an kein Ressort gebunden, sondern direkt dem Chefredakteur zugeordnet. Er arbeitete als Kritiker und Kolumnist und verfasste unter seinem Pseudonym „Caliban“ jeden Montag für DIE WELT eine Kolumne über Gott und die Welt. Als „altväterliche Erbauungsspalte und gern gelesen von Frauen“, wie der Spiegel darüber im November 1960 ätzte.

Vor allem aber hatte er nach wie vor die Literatur im Fokus: Siegfried Lenz, der damals als Volontär bei der WELT arbeitete, wurde von Haas zum Schreiben ermuntert. Und in dieser Zeit der jungen Bundesrepublik errichtete Willy Haas immer wieder Brücken der Erinnerung an die Literatur der 20er Jahre. Stets setzte er sich unmissverständlich mit dem Nationalsozialismus auseinander. Und warb für Diskussion an Stelle von Harmoniesucht in diesen Zeiten des Wirtschaftswunders. 1962 notierte er in einem Jubiläumsband der WELT: „Eine Zeitung sei nur lebendig, wenn sie sich echte Freunde und absolute Feinde mache.“

Willy Haas starb am 4. September 1973 in Hamburg und wurde auf dem Ohlsdorfer Friedhof begraben.

(hhb)