Die austro-amerikanische Schriftstellerin, Politikerin, Publizistin Irene Harand war ebenfalls eine entschiedene Widerstandskämpferin gegen den Nazismus. Als Mitbegründerin einer Bewegung gegen Rassenhass und menschliche Not, der sogenannten „Harandbewegung“, wurde sie zu einer von den Nationalsozialisten gehassten Person, auf die ein hohes Kopfgeld ausgesetzt worden war.
Irene Wedl wurde am 7. September 1900 in Wien als Tochter einer toleranten christlichen Familie geboren. Ihr Vater war Katholik, ihre aus Siebenbürgen stammende Mutter gehörte zur evangelischen Kirche. Irene Wedl besuchte die Pflicht- und Mittelschule und anschließend eine zweijährige weiterbildende Schule. In Frankreich wurde sie noch in Haushaltsführung und bürgerlichen Umgangsformen unterrichtet, wie es zu jener Zeit in bürgerlichen Familien oft üblich war.
1919 heiratete sie den k.u.k. Offizier Franz Harand. Da sie durch den Ersten Weltkrieg einen großen Teil ihres ererbten Vermögens verloren hatte, arbeitete sie als Sekretärin in dem Verband der Kleinrentner und Sparer Österreichs, den der jüdische Rechtsanwalt Dr. Moriz Zalman gegründet hatte. Zalman wurde ihr Mentor und förderte sie. Erste publizistische Erfahrungen sammelte Irene Harand im Verbandsorgan Die Welt am Morgen, einer Tageszeitung, die 1927 von 80.000 Österreichern gegründet worden war und bis Oktober 1932 erschien. Die Nachfolgezeitung war für kurze Zeit die Morgenpost, deren verantwortliche Herausgeberin Irene Harand wurde.
1930 hatte sie mit Zalman und einigen Funktionären des Kleinrentnerverbands die erste Österreichische Volkspartei gegründet, mit der die heutige ÖVP allerdings nichts zu tun hat. Diese bürgerlich-freiheitliche Volkspartei setzte sich für ökonomische Sicherheit, für eine Entschädigung der Kriegsopfer und gegen Klassen- und Rassenhass ein. Ein Alleinstellungsmerkmal war zudem der Kampf gegen den gerade in Österreich verbreiteten Antisemitismus. Die Wahl 1930 verlief allerdings enttäuschend – landesweit erreichte die ÖVP nur 0,4 Prozent.
Nach Gründung der Vaterländischen Front stellte dann die ÖVP alle politischen Tätigkeiten ein. Irene Harand kämpfte weiter gegen den barbarischen „Hitlerrismus“ und dessen erkennbare Bestrebungen, Hitlers Heimatland Österreich mit dem Deutschen Reich zu vereinen.
Zalman und Harand gründeten nun in ihrem Kampf gegen das Hakenkreuz die „Weltbewegung gegen Rassenhass und Menschennot“, eine Anti Hitler Bewegung die dann als „Harandbewegung“ international bekannt wurde.
Irene Harand hatte sich in den frühen 1930er Jahren intensiv mit Antisemitismus und Rassenhass beschäftigt. 1933 publizierte sie eine Aufklärungsschrift gegen rassistische Vorurteile – „So oder So – Die Wahrheit über den Antisemitismus“. Von dieser Schrift wurden 60.000 Exemplare verteilt – um die zu drucken, hatte sie ihren ererbten Familienschmuck versetzt. Als Sprachrohr ihrer neuen Bewegung entstand die Wochenzeitschrift Gerechtigkeit, die bis 1938, also bis zum Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich erschien. Auf der Titelseite der Leitsatz von Irene Harand: „Ich bekämpfe den Antisemitismus, weil er das Christentum schändet.“
1935 erschien ihr Buch „Sein Kampf. Antwort an Hitler“. Schon im Vorwort schrieb sie: „Wir haben während der zwei Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft gesehen, daß das Hakenkreuz auch vor dem Massenmord nicht zurückschreckt.“
Und 1937, aus Protest gegen die Ausstellung „Der ewige Jude“ im Deutschen Museum München verteilte sie sogenannte Verschlussmarken zum Aufkleben als Sicherungssiegel auf Briefsendungen. Die zeigten Abbildungen von verdienstvollen jüdischen Persönlichkeiten wie Albert Ballin, ► Heinrich Heine, Giacomo Meyerbeer, Walther Rathenau oder Baruch Spinoza.
Zum Zeitpunkt des Einmarsches der deutschen Wehrmacht in Wien befand sich Irene Harand glücklicherweise auf einer Vortragsreise in London. Am 12. März 1938 um sechs Uhr morgens stürmten 30 Braunhemden ihr Büro mit dem ausdrücklichen Befehl, Irene Harand sofort zu erschießen. Da sie nicht anzutreffen war, wurde ein Kopfgeld in Höhe von 100.000 Reichsmark auf sie angesetzt.
Ihrem Mann konnte Irene Harand noch zur Flucht verhelfen. Auch Moriz Zalman hatte versucht, sich in die Schweiz zu retten, wurde aber von einem Begleiter an der Grenze verraten und dort verhaftet. Ende Mai 1940 kam er im KZ Sachsenhausen ums Leben.
Via Kanada emigrierte die Familie Harand in die USA, wo Irene Harand weiterhin Vorträge gegen Hitler hielt und in der Exilorganisation Austrian Forum dabei half, für mehrere Verfolgte die Einreise in die USA zu ermöglichen.
1969 wurde sie von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet und erhielt 1971 das Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich.
Irene Harand starb am 3. Februar 1975 in New York City. Ihre Asche wurde am 27. Juni 1975 in einem Ehrengrab im Ulmenhain der Feuerhalle Simmering beigesetzt.
(hhb)
Quellen
Irene Harand – Biographie / Wien Geschichte
Christoph Köttl: Irene Harand – Gelebte Gerechtigkeit / Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit
Hauke Friederichs: Der Kampf der Irene Harand / ZEITonline vom 31.10.2013
Bücher
Christian Klösch, Kurt Scharr, Erika Weinzierl: Gegen Rassenhass und Menschennot – Irene Harand, Leben und Werk einer ungewöhnlichen Widerstandskämpferin Studien Verlag