Siegfried Jacobsohn

Siegfried Jacobsohn war ein berühmter deutscher Kritiker und Journalist. 1905 gründete er die Theaterzeitschrift Schaubühne, die dann 1918 in Die Weltbühne umbenannt wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich das Magazin zu einem wichtigen Sprachrohr für Politik, Kultur und Wirtschaft, unterstützt von bedeutenden Publizisten, Schriftstellern, Satirikern und Politikern.

Siegfried Jacobsohn wurde am 28. Januar 1881 in Berlin als Sohn einer mäßig begüterten jüdischen Familie geboren. Schon in seiner Schulzeit im Friedrich-Werderschen Gymnasium verbrachte er viele Abende im Theater, was in ihm den Wunsch aufkommen ließ, unbedingt Theaterkritiker zu werden. Darum verließ er bereits als Sechzehnjähriger und ohne Abitur die Schule, um ein Studium an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin zu beginnen. Was damals möglich war. Während seines Studiums hielt er Kontakt zu Schauspielern und Theatern, analysierte permanent die ihm vorbildlich erscheinenden Kritiken bekannter Journalisten und verglich sie mit eigenen Einschätzungen von Theatererlebnissen.

Schon als Student durfte er für die Berliner Wochenzeitung Die Welt am Montag arbeiten, weil ihr Theaterkritiker Hellmut von Gerlach über das umfassende Wissen von Jacobsohn tief beeindruckt war. Von Gerlach hielt Jacobsohn für ein Phänomen, weil der bereits als Jugendlicher nahezu die gesamte Bühnenliteratur kannte sowie zahlreiche Rollen in diesen Bühnenwerken. Darum erhielt er 1901 einen dreijährigen Vertrag als Redakteur.

Jacobsohn profilierte sich als scharfer Theaterkritiker. 1902 fühlte er sich durch eine Artikelserie des Schriftstellers Hermann Sudermann herausgefordert, die unter dem Titel „Die Verrohung in der Theaterkritik“ im Berliner Tageblatt erschien. Daraufhin bezeichnete er das Tageblatt als „Sitz der Kunstkorruption“. Der Mosse-Verlag, der die Zeitung herausgab, revanchierte sich kurz darauf und beschuldigte Jacobsohn eines Plagiats, weil der Texte eines anderen Theaterkritikers übernommen hatte, ohne sie als Zitate zu kennzeichnen. Worauf er von der Welt am Montag trotz Fürsprache von mehreren Persönlichkeiten wie Maximilian Harden oder dem Psychologen Carl Gustav Jung entlassen wurde.

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Aus Spemanns goldenes Buch des Theaters (1902)

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Nach einer mehrmonatigen Reise durch Europa plante er, wieder zurück in Berlin, den Start einer eigenen unabhängigen Theaterzeitschrift, die dann am 7. September 1905 als Die Schaubühne auf den Markt kam.

Die Schaubühne wurde zu seinem Geschöpf, mit dem er mutig das Kultur- und Theaterleben in Deutschland begleitete und beschrieb. Aber durchaus auch Kritik daran übte, etwa an dem Kunstpapst Richard Wagner in Bayreuth, in seinen Augen „eine Leitfigur des ornamentalen Pathos“. Oder an den später immer größeren Mammutplänen des Bühnenimperators Max Reinhardt. Dabei zeigte er auch keine Angst vor dem Thron – im Frühjahr 1913 attackierte er unter der Headline „Kaiser und Kunst“ Wilhelm II.: „Man weiß, was die Kunst diesem Kaiser verdankt. Nichts. Wer vor die Kunst tritt wie Wilhelm II., in voller Waffenzier, helmbuschumflattert, sporenklirrend, der muß die Kunstwerke schätzen, die prunkhaft, schön leichtverständlich, repräsentativ sind. Es ist die Kunst eines Mannes, der seine Widersacher ‚zerschmettert‘, wenn auch nur mit dem Munde.“ Noch aus heutiger Sicht eine durchaus treffende Zustandsbeschreibung in jener Zeit.

Nach dem verlorenen Weltkrieg wurde Die Schaubühne im April 1918 in Die Weltbühne umbenannt und von da an deutlich politischer. Die Weltbühne förderte weiterhin Autoren wie Bertolt Brecht, Arnold Bronnen oder Carl Zuckmayer, kämpfte nun aber vor allem für den Aufbau von wirklicher Demokratie in der jungen Weimarer Republik, in der noch immer die Exponenten des untergegangenen Kaiserreichs das Sagen hatten: alte Hofschranzen unter Beamten, Juristen und beim Militär. Das Blatt nahm jetzt stärker das öffentliche und staatliche Leben in seinen Fokus. Da wurde die erneute Aufrüstung etwa durch die Machenschaften der „Schwarzen Reichswehr“ aufgedeckt und angeprangert. Man wandte sich gegen soziale Ungerechtigkeiten, Rechtsbeugung und vielfältige Erniedrigungen. Siegfried Jacobsohn und seine Mitstreiter machten Die Weltbühne so zu einem ethisch-moralischen Machtfaktor in der jungen Republik und bekämpften von Anfang an alle Versuche einer Restauration zurück in alte Zeiten.

Siegfried Jacobsohn starb am 3. Dezember 1926 an einem epileptischen Anfall und wurde auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf im Süden Berlins beigesetzt.

Kurt Tucholsky, der vorübergehend als Chefredakteur sein Nachfolger wurde, schrieb wenige Tage darauf in der Weltbühne über S.J., wie er intern genannt wurde: „Wir alle, die wir unter seiner Führung gegen dieses Militär, gegen diese Richter und gegen diese Reaktion gekämpft haben, kennen seinen tiefsten Herzenswunsch: die Wahrheit zu sagen“.

(hhb)

 

Quellen:

Rolf Babenhausen: Jacobsohn, Siegfried / Deutsche Biographie

Stefan Berkholz: Siegfried Jacobsohn – Ein Leben für die Weltbühne / Deutschlandfunk 6.3.2000

Michael Bienert: Vater vieler Söhne – der Publizist Jacobsohn / Tagesspiegel 10.3.2000

Klaus Bellin: Zuinnerst freier Mann / nd aktuell Journalismus von links 21.9.2005

 

Bücher:

Axel Eggebrecht + Dietrich Pinkerneil: Das Drama der Republik / Athenäum Verlag 1979