Rudolf Küstermeier, deutscher Journalist und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, arbeitete 1933 als Redakteur für die Wochenzeitung Blick in die Zeit, half aber gleichzeitig, eine illegale Zeitschrift für eine neue Linke herauszubringen. Dafür wurde er vom Volksgerichtshof zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach Kriegsende arbeitete er sofort wieder als Journalist, als erster Chefredakteur von DIE WELT.
Rudolf Küstermeier wurde am 9. Februar 1903 in Bielefeld geboren und besuchte nach der Schule zunächst ein Lehrerseminar. Danach studierte er in Münster, Freiburg und in Berlin Geschichte, Volkswirtschaft, Philosophie und Zeitungswissenschaften. Schon da arbeitete er als Werkstudent für verschiedene Zeitungen und war in sozialistisch orientierten Studentenorganisationen aktiv.
In der SPD gehörte er zu den „Jungen Rechten“ und schrieb theoretische Beiträge für die Neuen Blätter für den Sozialismus und Artikel im Gewerkschaftsblatt Die Arbeit. Während der Weimarer Republik hofften viele Sozialdemokraten auf eine Proletarisierung des Mittelstandes und glaubten, so den Sozialismus verwirklichen zu können. Wie sich herausstellte, war das keine erfolgreiche Strategie, denn besagte Mittelschichten tendierten deutlich stärker in Richtung Nationalsozialismus.
So entstand im rechten Flügel der SPD ein Freundeskreis, aus dem sich nach der NS-Machtübernahme die Widerstandsgruppe „Roter Stoßtrupp“ entwickelte. Das wurde auch der Titel einer illegalen Zeitschrift, die ab April 1933 in deutschen Städten und im Ausland an Sympathisanten verteilt wurde, um so für einen Neuanfang linker Politik jenseits der zerstrittenen SPD und KPD zu werben. Offiziell aber arbeitete Küstermeier zunächst weiter als Redakteur für Wirtschaft und Sport in der Wochenzeitung Blick in die Zeit.
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Am 29. November 1933 wurde Küstermeier verhaftet und knapp ein Jahr später vom Volksgerichtshof zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Die von ihm mitgegründete Widerstandsgruppe bestand bis 1944 weiter. Als Küstermeier 1943 aus der Haft entlassen wurde, setzte er seine illegale Tätigkeit fort, wurde bald erneut verhaftet und nun in mehreren Konzentrationslagern inhaftiert. Im April 1945 wurde er von britischen Soldaten aus Bergen-Belsen befreit.
1946 wurde er der erste Chefredakteur der von der britischen Militärregierung gegründeten Zonenzeitung Die Welt, die erstmals am 2. April 1946 erschien. Der britische Presseoffizier Derrick Sington, vor dem Krieg Journalist beim Manchester Guardian, hatte als Captain bei der Befreiung von Bergen-Belsen Küstermeier kennengelernt, der sich damals nur mühsam auf zwei Stöcken bewegen konnte. Die beiden freundeten sich an und Sington setzte sich angesichts Küstermeiers Vergangenheit für ihn ein.
Das neue Zonen-Blatt trug eindeutig die Handschrift Küstermeiers. Sein erster Leitartikel begann mit dem Satz: „Das Dunkel, das über der deutschen Wirtschaft liegt, ist von einem Blitz erhellt worden: vom Industrieplan des alliierten Kontrollrats.“ Sein Hinweis darauf, dass der Kontrollrat mit einem Industrieplan die deutsche Wirtschaft wieder ankurbeln wollte.
Natürlich wurde Die WELT damals en detail von den britischen Behörden kontrolliert – denn sie sollte den Deutschen nun einen Blick auf die Welt bieten, der realistischer war als die Propaganda in den zwölf Jahren der NS-Herrschaft. Die Redaktion nahm nicht alle Anweisungen hin, sondern widersprach auch selbstbewusst dem Kontrolloffizier – etwa als das Blatt 1948 die von den Briten geplanten Werftsprengungen gutheißen sollte. Küstermeier, noch immer von der langen Haftzeit gezeichnet, ließ auch intern andere Meinungen gelten. Er galt als besonnen, legte Wert auf faktische Genauigkeit und war, als selber ein schwer gezeichnetes KZ-Opfer, frei von jeglichen Rachegedanken. Dennoch, schreibt Thomas Schmid rückblickend in DIE WELT, blieb er in der Redaktion irgendwie ein Fremder – er ein NS-Opfer, während viele andere sich in der NS-Zeit angepasst und weitergearbeitet hatten.
Ende 1949 verfasste Küstermeier ein Memorandum zur Zukunft der WELT. Dass sie noch immer im Besitz der Briten war, wurde ihr damals zum Nachteil – die Auflage ging spürbar zurück. Darum trat Küstermeier 1950 als Chefredakteur zurück. Als die WELT 1953 dann an Springer verkauft und der konservative ► Hans Zehrer Chefredakteur wurde, verließ er den Verlag endgültig.
1951 hatte er zusammen mit ► Erich Lüth die Friedensinitiative „Aktion Frieden mit Israel“ gegründet. Im selben Jahr schrieb er dazu in der WELT: „Bevor wir von Israel einen entsprechenden Schritt erwarten können, müssen wir etwas tun, was diesen Schritt erleichtert. Der Ruf, bei solchem Tun mitzuhelfen, geht nicht nur an unsere Regierung, sondern an jeden, der sich verantwortlich fühlt für die Aufgabe, auch zwischen Deutschen und Judentum wieder zu Frieden und Zusammenarbeit zu kommen.“
1957 wurde Rudolf Küstermeier als erster deutscher Journalist in Israel akkreditiert und berichtete von dort für die dpa – zum Beispiel über den Eichmann-Prozess.
1963 wurde Küstermeier mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille geehrt und erhielt im gleichen Jahr den Theodor-Wolff-Preis
Am 4. Dezember 1977 starb Küstermeier im Alter von 73 Jahren in Tel Aviv, wo man zu seinem Gedenken einen Rudolf-Küstermeier-Hain anlegte.
► Fritz Sänger in seinem Nachruf:
„Rudolf Küstermeier war einer der zähesten und aufrichtigsten unter denen, die dem Nationalsozialismus Widerstand geleistet haben. In einem seiner Beiträge in der Zeitschrift ‚Blick in die Zeit‘ nannte er 1932 die Jahre bis zum Ausbruch der Diktatur in Deutschland die ‚Zeit des beginnenden barbarischen Terrorismus, zu dem sich die traditionsbewussten Konservativen und die geschichtslosen Nationalisten nun verbündet haben.‘ Er hatte diese Entwicklung frühzeitig erkannt und gekennzeichnet.“
(hhb)
Quellen
Neue Welt-Geschichte / DER SPIEGEL 2/1950 vom 11.1.1950
Christoph Hemker: Vor 60 Jahren verboten – die Wochenzeitschrift Blick in die Zeit
Thomas Schmid: Auf dem Weg in die Republik. Ein Überlebender von Bergen-Belsen wird erster Chefredakteur der WELT
Nachruf von Fritz Sänger am 5. Dezember 1977 im Sozialdemokratischen Pressedienst
Günter Wehner: Junge Sozialdemokraten bildeten den "Roten Stoßtrupp" / antifa 24.7.2018
Bücher
Derrick Sington: Die Tore öffnen sich / LIT Verlag Münster 1995