Hanns-Erich Kaminski

Der deutsche Journalist und Schriftsteller Hanns-Erich Kaminski erkannte sehr früh, welche Gefahr vom Faschismus ausging. Darum plädierte er für ein Zusammengehen der beiden Linksparteien SPD und KPD gegen die drohende Machtübernahme durch die Nationalsozialisten.

Hanns-Erich Kaminski wurde als Sohn jüdischer Kaufleute am 29. November 1899 in Labiau/Ostpreußen geboren, im heutigen Oblast Kaliningrad. Er besuchte das Gymnasium in Königsberg und machte dort 1917 sein Abitur. Nach Ende des Ersten Weltkriegs studierte er Volkswirtschaft, Sozialwissenschaften, Philosophie und Literatur in Königsberg, Freiburg, Berlin, Frankfurt/Main und Heidelberg, wo er 1922 mit einer Arbeit zur „Theorie des Dumpings“ promoviert wurde.

Nach dem Studium arbeitete Kaminski als Journalist und verfasste bis 1933 allein für die Weltbühne bis 1933 101 Beiträge. Kaminski sprach fließend Französisch und außerdem Italienisch und Spanisch. So bereiste er zwischen 1922 und 1926 Italien, Spanien und Spanisch-Marokko, berichtete von dort und hielt sich lange in Paris auf, wo er sich mit ► Kurt Tucholsky austauschte und darüber berichtete.

Ab 1926 arbeitete er zudem als Redakteur für die sozialdemokratische Volksstimme in Frankfurt am Main und schrieb von 1928 bis zur NS-Machtergreifung zahlreiche Artikel und Essays für das Berliner Tageblatt, die Volkszeitung, die Vossische Zeitung, für Die Dame, die Berliner Illustrierte Zeitung, die BZ am Mittag, das 8-Uhr-Abendblatt oder die Welt am Montag – in seinen Urteilen unabhängig, mit viel Sinn für Humor und immer auf Basis eines engagierten und sauberen Journalismus.

Im Juni 1932 gehörte Kaminski vor der Reichstagswahl zu den Unterzeichnern eines „Dringenden Appells“ des ISK Internationaler Sozialistischer Kampfbunds an die beiden großen deutschen Links-Parteien SPD und KPD – sie sollten einen Machtantritt Hitlers durch Zusammenarbeit verhindern: „Schafft Einheit gegen den Faschismus!“ lautete die Forderung. Mitunterzeichner waren unter anderen Albert Einstein, Erich Kästner, Käthe Kollwitz, Heinrich Mann, Ernst Toller oder Stefan Zweig – SPD und KPD aber blieben uneinsichtig und agierten weiter als politische Gegner. Die ultralinke „Alles-oder-nichts-Politik“ der KPD wurde von Kaminski scharf abgelehnt, weil es auf diese Weise zu keinem Aufbau einer einheitlichen Arbeiterfront kommen konnte, etwa durch sinnvolle Listenverbindungen. So kam die erhoffte Dynamik zum Antifaschismus durch mehr Sozialismus nicht zustande.

Folge war die NS-Machtergreifung. Gerade freiheitlich gesinnte, liberale Journalisten schauten nun plötzlich erschrocken und „mit Neid auf gefahrlose Berufe wie Seiltänzer oder Dachdecker“, wie Kaminski am 21. Februar 1933 süffisant in der Weltbühne ► anmerkte.

Zwei Tage nach dem Reichstagsbrand am 25. Februar verließ Kaminski Deutschland und ging nach Paris. Auch im Exil arbeitete er weiter als Journalist, schrieb für den Petit Nicois, für das Journal des Vivants, den Mercure de France und für die in Paris und Wien herausgegebene Exilzeitschrift Das blaue Heft. Von dort unterstützte er zudem Volksfrontbündnisse und wurde Mitglied im von Heinrich Mann geführten „Lutetia-Kreis“‘ deutscher Antifaschisten. Er kritisierte die Exil-Führung der SPD, die SOPADE, und hoffte vergebens auf eine gemeinsame sozialistische Revolution zur Beseitigung der NS-Diktatur.

Von 1936 bis 1937 hielt er sich in der Zeit des spanischen Bürgerkriegs in Katalonien auf, kehrte dann aber nach Frankreich zurück und veröffentlichte dort mehrere Bücher in französischer Sprache.

Ab September 1939 wurden nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs deutsche und österreichische Emigranten in mehreren Wellen interniert, auch Kaminski und seine Lebensgefährtin Anita Karfunkel. Es gelang ihnen, sich aus dem Lager bei Tours zu befreien und mit falschen Papieren vorübergehend in Avignon und Marseille unterzutauchen. Von dort gelang ihnen 1940 die Flucht nach Portugal, aber nicht weiter in die USA. Mit ihrem französischen Decknamen Lenoir gelangten die beiden nach Argentinien und lebten von da an in Buenos Aires. Als Noel-Pierre Lenoir arbeitete Kaminski dort als Lehrer an einem Gymnasium, publizierte aber auch weiter.

Kaminski soll am 17. Juli 1963 in Buenos Aires gestorben sein.

(hhb)

 

Quellen

Sabine Bétoulaud: Hanns-Erich Kaminski – Eine biographische Skizze

 

Bücher

Hanns-Erich Kaminski: Fascismus in Italien. Grundlagen, Aufstieg, Niedergang / Verlag Sozialwissenschaft Berlin, 1925

Hanns-Erich Kaminski: Barcelona: Ein Tag und seine Folgen / Walter Frey 2004 (Original: Ceux de Barcelone / Editions Denoel,1937)

Hanns-Erich Kaminski: Bakounine – La vie d’un révolutionnaire / La Table Ronde 2017 – Original 1938