Gerhard Mauz

Der Journalist Gerhard Mauz wurde zum Vorbild für eine neue Generation von Gerichtsreportern. Nach Jahren des NS-Unrechts setzte er sich in der Bundesrepublik für reflektierte Gerichtsreportagen ein. Kritisch berichtete er über immer noch vorkommende „Hauruck-Methoden“ in so manchen Verfahren. Als Psychologe wollte er wissen, warum ein Angeklagter schuldig wurde und plädierte darum für die Suche nach Gründen bei Tätern wie Opfern. Seine Gerichtsreportagen spiegelten Prozessabläufe und wiesen gegebenenfalls auf Mängel hin. Auf diese Weise hat er das Justizwesen mitgeprägt.

Gerhard Mauz wurde als Sohn eines Psychiaters am 29. November 1925 in Tübingen geboren. Noch vor dem Abitur wurde er von der Wehrmacht eingezogen. Als er zwei Polen erschießen sollte und zögerte, nahm ihm sein Hauptmann die Pistole aus der Hand und erledigte das für ihn.

Nach dem Abitur studierte er Psychologie, Psychopathologie und Philosophie auch in Hamburg. Dabei erwarb er sich die Grundkenntnisse für seine sensiblen psychologischen Analysen, die zum Markenzeichen seiner Berichterstattung wurden. Neben seinem Studium arbeitete er damals schon freiberuflich als Journalist.

Seine journalistische Laufbahn begann er dann beim Rundfunk und als Mitarbeiter und Redakteur für DIE WELT. Seine Reportage über das Grubenunglück in Lengede war ein Glanzstück – acht Tage lang blieb er von Ende Oktober bis Anfang November 1963 vor Ort, übernachtete in seinem Auto und konnte so aktuell und detailliert aus großer Nähe über das „Wunder von Lengede“ berichten, als noch nach 14 Tagen die letzten elf verschütteten Bergleute lebendig geborgen werden konnten.

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Prozess gegen Mitglieder der terroristischen Vereinigung Bewegung 2. Juni vor dem Kriminalgericht Moabit; bei der Sicherheitskontrolle vor dem Gerichtssaal - 28.01.1971

Copyright: ullstein bild - Klaus Mehner

Auf diese Berichte war ► Rudolf Augstein aufmerksam geworden und holte Gerhard Mauz ab Mai 1964 als Reporter zum SPIEGEL. Dort wurde Mauz bald zum viel und gern gelesenen Gerichtsreporter, der ein Vierteljahrhundert lang fast wöchentlich über die spektakulären Prozesse im Lande berichtete: 1965 über den Auschwitz-Prozess in Frankfurt; 1971 über den jugendlichen Sexualmörder Jürgen Bartsch, der selber missbraucht worden war; Ende 1976 über die Oetker-Entführung und den Serienmörder Honka; 1988 über die ungeklärten Widersprüche in den Prozessen um Monika Weimar oder 1990 über die Verhandlung gegen den Attentäter auf Wolfgang Schäuble. Damit setzte er die Tradition einfühlsam verfasster Berichte fort, die von ► Paul Schlesinger – Pseudonym Sling – in der Weimarer Zeit für die Vossische Zeitung begonnen worden war.

In seinen Berichten über Strafprozesse setzte er sich auch mit der Lage der Angeklagten auseinander, die für ihn oft auch zu den Schwachen gehörten und es weiter blieben. Wie zum Beispiel die RAF-Gründer, die Mitte der 70er Jahre in Stuttgart-Stammheim vor Gericht standen. Er hielt sie für vorverurteilt und kritisierte dafür den Staat und die Richter.

Dazu muss man wissen, Mauz war im autoritären NS-Regime aufgewachsen, was seine kritischen Blicke geschärft hatte. Sein Vater war der Psychiater Friedrich Mauz, der zur Zeit des Nationalsozialismus als „T4-Gutachter“ in der Berliner Tiergartenstraße 4 darüber entscheiden musste, welcher Behinderte der Euthanasie zum Opfer fallen sollte.

Er betrachtete seine Pflicht als Journalist so: „Guter Journalismus ist stets der Versuch, das, was die Menschen lesen wollen als Brücke zu dem zu benutzen, was sie auch lesen sollten.“ Seine reflektierten Reportagen auch mit Blick auf die Täter, über ihre Verstrickungen hinter der Tat, kamen nicht überall gut an. Doch er war der Ansicht, dass „ein Gerichtsreporter mitzuteilen hat, dass selbst der Böseste, selbst der die schrecklichste Tat getan hat, etwas, eine Ecke hat, wo er gar nicht so ist.“ Darum erkundete er in seinen Essays wo immer möglich gerade die Abgründe, die zu einer Tat geführt hatten – die Psychogramme von Frauenmördern, Kindermördern, Beziehungstätern oder NS-Verbrechern. Was natürlich nicht alle gut fanden, weder unter den Juristen noch bei seinen Lesern.

Doch zu seinem 60zigsten Geburtstag 1985 widmete ihm die juristische Monatszeitschrift Strafverteidiger ihre Dezember-Ausgabe und würdigte seinen Einsatz für eine humanere und rationalere Strafrechtsprechung: „Die Zahl der Leser, deren Sachverstand sich ausbildet und zu einem Faktor wird, mit dem die Justiz rechnen muss, wächst kontinuierlich“, schrieb der Rechtswissenschaftler und Rechtssoziologe Professor Klaus Lüderssen in besagtem Heft.

Und auch für Rudolf Augstein war Gerhard Mauz ein Glücksfall für den SPIEGEL. 1990, bei dessen Eintritt in den Ruhestand, sagte er über seinen Mitarbeiter: „Mauz ist kein Mann der distanzierten Darstellung eines Tatherganges, er schreibt nicht von außen nach innen. Immer ist er mitleidender Beobachter, immer auf der Seite der Geschlagenen und Getriebenen, der Opfer, die auch Täter sein können, und der Täter, die Opfer sind. Zu ihnen kann gar nicht so selten auch ein Staatsanwalt gehören. Mauz ist eingenommen, aber nicht fanatisch."

Mauzens Ruhestand wurde allerdings zum Unruhestand, denn er arbeitete weiter, schrieb nun als freier Journalist für den SPIEGEL, für SPIEGELonline, DIE WELT und den Berliner Tagesspiegel und verfasste weitere Bücher.

1993 wurde Gerhard Mauz mit dem Hamburger Alexander-Zinn-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Das Bundesverdienstkreuz am Bande war ihm bereits 1973 verliehen worden.

Gerhard Mauz starb am 15. August 2003 im Alter von 77 Jahren in Reinbek bei Hamburg.

(hhb)

 

Quellen

Gerhard Mauz – Eine Legende unter den Gerichtsreportern / NDR-Zeitzeichen

Gerhard Mauz ist tot / SPIEGEL Kultur vom 15.8.2003

15. August 2003 – Gerhard Mauz stirbt in Reinbek bei Hamburg / WDR 15.8.2003

Christian Bommarius: Der Essayist als Gerichtsreporter / Berliner Zeitung 18.8.2003

Gerichtsreporter Gerhard Mauz ist tot / Rheinische Post vom 18.8.2003

Trauerfeier für den Journalisten Gerhard Mauz / WELT vom 6.9.2003

Asmus Finzen: Nachruf Gerhard Mauz / Psychiatrische Praxis 2003

EMMA . Honka

 

Bücher

Gerhard Mauz: Die Gerechten und die Gerichteten / Ullstein 1968

Gerhard Mauz: Die Justiz vor Gericht / Bertelsmann 1990

Gisela Friedrichsen und Gerhard Mauz: Die großen Prozesse der Bundesrepublik Deutschland / zu Klampen Verlag 2005