Helge Pross

Die deutsche Soziologin Helge Pross forschte vor allem in den Bereichen Frau und Familie. Diese Forschungsergebnisse und ihre persönliche Meinung dazu teilte sie der Öffentlichkeit ideologiefrei und differenziert mit – im SPIEGEL oder in DIE ZEIT – und löste damit immer wieder Debatten aus. Außerdem verfasste sie regelmäßig Kolumnen für die Frauenzeitschrift Brigitte. Mit ihrer journalistischen Tätigkeit vermittelte sie ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse einem breiten Publikum. Darin setzte sie sich für Gleichberechtigung ein, grenzte sich aber auch von radikalen feministischen Positionen ab. Für sie waren Frauenfragen immer auch Männerfragen.

Helge Agnes Nyssen wurde am 14. Juli 1927 als Tochter einer gutbürgerlichen Familie in Düsseldorf geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in ihrer Heimatstadt begann sie 1946 ein Studium in Heidelberg, mit dem Ziel Journalistin zu werden. Sie schrieb sich dort für Soziologie ein, studierte aber auch neuere Geschichte, Staatslehre und deutsche Literaturgeschichte. Damals war sie eine der wenigen Studentinnen, denn die Studienplätze waren vor allem den Kriegsheimkehrern vorbehalten. Im Nachhinein beschrieb sie diese Situation als irgendwie unwirklich, lobte aber die Professoren, weil die den in der Diktatur aufgewachsenen und oft kriegsversehrten jungen Menschen die Werte einer Demokratie beibrachten.

Nach dem Studium musste sie erfahren, dass niemand Soziologen einstellte. Sie flüchtete in eine Ehe mit dem Sozialwissenschaftler Harry Pross, die allerdings nur vier Jahre hielt. Pross verhalf ihr aber zu einem Stipendium in den USA, wo sie in Stanford und an der Columbia University studierte und dort mehrere Wissenschaftler kennenlernte, die dort noch im Exil lehrten.

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Copyright: Werek/Süddeutsche Zeitung Photo

1954 kehrte sie nach Deutschland zurück und wurde Assistentin bei Max Horkheimer und später auch bei Theodor W. Adorno im Institut für Sozialforschung in Frankfurt/Main. Dort bot sie Seminare zu Frauenfragen an und begann, darüber auch zu publizieren. Zunehmend hielt sie Vorträge, auch im Ausland und mehrte so ihre Kontakte. 1963 habilitierte sie mit einer Studie über „Manager und Aktionäre in Deutschland“, mit Untersuchungen darin zum Verhältnis von Eigentum und Verfügungsmacht.

1965 erhielt sie einen Ruf an die Gießener Justus-Liebig-Universität für den Fachbereich Gesellschaftswissenschaften. Dort sollte sie ein Soziologisches Institut aufbauen. In ihrer Forschungstätigkeit untersuchte sie die Chancen von Mädchen in unserem Bildungssystem, die Lebenssituation von Hausfrauen oder die Geschlechterverhältnisse im Erwerbsleben.

Sie selbst hatte sich bereits am 5. Mai 1972 in ► DIE ZEIT kritisch zum geänderten hessischen Hochschulgesetz geäußert, weil es Strukturprobleme, mehr Bürokratie und sogar Machtmissbrauch ausgelöst hatte.

Am 18. Januar 1976 schrieb der ► Spiegel dann in seinem Heft4/1976: „Offene Krawalle sind an bundesdeutschen Hochschulen seltener geworden. Das Gerangel um Positionen und ideologische Ausrichtung wird heute in den Universitätsgremien ausgetragen -- verdeckt, aber effektiv: geräuschlose Gewalt gegen Andersdenkende. Kollektivem Druck im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften in Gießen weicht jetzt die sozialliberale Soziologin Helge Pross. Sie zieht sich an die Gesamthochschule Siegen zurück.“ Und lieferte Einzelheiten dafür, die ab 1976 zu Helge Pross‘ Wechsel nach Siegen geführt hatten:

Ab 1976 bis zu ihrem Tod lehrte und forschte Helge Pross daher an der Gesamthochschule Siegen in Nordrhein-Westfalen.

In der gesamten Zeit ihrer akademischen Forschungs- und Lehrtätigkeit war sie eine gefragte Journalistin und Politikberaterin. Geschickt nutzte sie ihre Medienkontakte, um ihre Themen einer breiten Öffentlichkeit näher zu bringen.

So wirkte sie 1966 in einem Dokumentarfilm von ► Thilo Koch mit, in welchem es um die Situation von Frauen in Deutschland ging. Dort übte sie einerseits Kritik an dem nicht mehr zeitgemäßen Begriff von Weiblichkeit, warnte andererseits aber auch vor übertriebener Emanzipation.

In der Brigitte veröffentlichte sie ganzseitige Kolumnen zu Themen wie „Macht Emanzipation Frauen zu Terroristinnen?“, „Was bringen die nächsten 25 Jahre den Frauen?“ oder „Im Haushalt können Männer Mut beweisen.“

Als Politikberaterin unterstützte, analysierte und kommentierte sie die ► Frauenberichte der Bundesregierung.

Rita Süssmuth, die frühere Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit, erinnerte daran, dass Helge Pross „immer auch kritisch danach gefragt hat, welchen Anteil wir Frauen selbst daran haben, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Sie hat dazu aufgerufen, nicht in alten Rollenmustern zu verharren, sondern neue Wege zu gehen.“ Darum erinnerte sie die Politiker immer wieder daran, dass eine Demokratie, in der die größere Hälfte der Bevölkerung weder in den Parlamenten noch in den Regierungen angemessen vertreten ist, bloß eine Demokratie am Anfang sei. Eine Mahnung, die langsam auf fruchtbaren Boden gefallen ist.

Helge Pross starb am 2. Oktober 1984 in Gießen im Alter von nur 57 Jahren an Krebs.

Im Gedenken an diese Pionierin der Familien- und Geschlechterforschung verleiht die Universität Siegen den mit 5.000 € dotierten „Helge-Pross-Preis“ für hervorragende Leistungen in diesem Forschungsgebiet.

 

(hhb)

 

Quellen

Dr. Susanne Hertrampf: Helge Pross in bpb Bundeszentrale für politische Bildung

Die Infamie der Wahrheit / ZEIT am 3.3.1967

Angstfreie Diskussion fast unmöglich / SPIEGEL 18.1.1976

Leben und Wirken von Helge Pross / Westfalenpost am 13.4.2018

Dagmar Klein: Keinem Zeitgeist unterworfen / Gießener Allgemeine am 13.8.2019

Eine Pionierin der Geschlechterforschung / WDR am 2.10.2024

Evelyn Tegeler: Frauenfragen sind Männerfragen / Leseprobe Springer Fachmedien

 

Bücher

Helge Pross: Was ist heute deutsch? Wertorientierungen in der Bundesrepublik / 1982

Elke Hüwel/Sabine Hering: Helge Pross. Wegbereiterin der Frauenforschung / AG Universitätsverlage

Evelyn Tegeler: Frauenfragen sind Männerfragen – Helge Pross als Vorreiterin des Gender-Mainstreaming / Springer Fachmedien Wiesbaden