Der Journalist, Schriftsteller und Verleger Erik Reger trat schon zu Zeiten der Weimarer Republik für Demokratie und gegen den aufkommenden Nationalsozialismus ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte er sich für ein demokratisches, vereintes und föderalistisches Deutschland ein. Als Chefredakteur des Berliner Tagesspiegels wandte er sich gegen die Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED und lieferte sich aus West-Berlin eine heftige Presseschlacht mit Rudolf Herrnstadt, der damals im Osten der Stadt mit der Berliner Zeitung die Pläne der sowjetischen Militärregierung vertrat.
Reger wurde am 8. September 1893 als Hermann Danneberger in Bendorf am Rhein geboren. Er war Sohn einer Bergmannsfamilie und besuchte das Kaiser-Wilhelm-Realgymnasium in Koblenz. Nach seinem Abitur im Jahr 1912 studierte er Literatur und Geschichte in Bonn und München. In München verfasste er damals eine Schrift, in welcher er die Missstände in den Universitäten anprangerte und darum mehr demokratische Strukturen forderte.
1915 wurde Dannenberger eingezogen und geriet in den Stellungskrieg an der Westfront. Er wurde verwundet, kam ins Lazarett und im Juni 1917 in englische Kriegsgefangenschaft. Dort machte er sich als Dolmetscher nützlich. Nach seiner Entlassung im Herbst 1919 kehrte er nach Bendorf zurück und heiratete seine Cousine.
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Von 1920 bis 1927 arbeitete er als Pressereferent bei der Friedrich Krupp AG und gab dort ab 1925 die Betriebszeitung Kruppsche Mitteilungen heraus. Nebenher schrieb er regelmäßig für Zeitungen und Zeitschriften wie das Berliner Tageblatt, den Dortmunder Generalanzeiger, die Frankfurter Zeitung, die Vossische Zeitung oder die Weltbühne sowie für den Rundfunk – Theaterkritiken, Artikel über Kunst, Kultur und das Wirtschaftsgeschehen im Ruhrgebiet. Dafür nutzte er mehrere Pseudonyme wie Anton Dornschlag, Walter Enkenbach, Heinz Lamprecht, Fritz Schulte ten Hoevel oder Erik Reger, an welchem er schließlich als Alias festhielt.
1928 gründete Reger eine eigene polemische Wochenschrift für Städtepolitik, Kultur, Wirtschaft und Sport, den Westdeutschen Scheinwerfer, den er weitgehend allein mit seinen Beiträgen unter verschiedenen Pseudonymen füllte. Besagter Scheinwerfer erschien allerdings zwischen 1928 und 1933 nur 31mal.
1931 hatte er seinen Roman “Union der festen Hand“ herausgebracht, der heute als bedeutendster deutschsprachiger Industrieroman gilt und 1931 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde. Ein ► Schlüsselroman über die Entwicklungen im Ruhrgebiet zwischen 1917/18 bis 1930/31 – über das Machtkartell der Industriebarone und den Aufstieg Hugenbergs zum Presse-Zaren. Dazu ► Siegfried Kracauer: „Reger bildet die Epoche nicht einfach ab, er schlitzt ihr den Bauch auf und seziert sie“.
Erik Reger war ein überzeugter Demokrat; den Nationalsozialisten stand er immer kritisch gegenüber. So verfasste er zwischen dem 16. August und dem 6. September 1931 für die Sonntagsausgaben der Vossischen Zeitung eine kritische Artikelserie über den Nationalsozialismus. Sie erschien unter dem Titel „Naturgeschichte des Nationalsozialismus“ und war eine klarsichtige Analyse der damaligen politischen Situation.
Darin argumentierte er: „Einen Gegner zu unterschätzen, ist gefährlich, weil es selbstgefällig und unfruchtbar macht. Ihn zu überschätzen, ist töricht, weil es die Überlegenheit des kalten, sicheren Blickes raubt. Die Stellung, die man einzunehmen hat, ist abhängig von einer genauen Erkenntnis, welche die Gewissenhaftigkeit einer chemischen Zerlegung voraussetzt. Um so weniger darf eine vom Gefühl getragene Erscheinung wie der Nationalsozialismus mit dem Gefühl beurteilt oder mit Gründen bekämpft werden, deren verstandesmäßige Einkleidung nur mühsam den Aufruhr der Gefühle verdeckt ... Ich glaube, daß man die Sache nicht im Kern trifft, wenn man von einem Bündnis zwischen Nationalsozialismus und Industrie spricht. Man muß es eine Zweckabmachung nennen, über deren heuchlerischen Charakter beide Teile im klaren sind. Keiner der Partner täuscht sich über den anderen; aber sie sind übereingekommen, die übrige Welt zu täuschen ... Gerechtes Maß für alle, wenn die Ungerechtigkeit schon gesiegt hat. So erblicken die Industriellen im Nationalsozialismus das Instrument, mit dem man die Gewerkschaften und die Sozialdemokratische Partei zerschlagen, die übrigen Parteien einschüchtern und das Ausland düpieren kann. […] Ein ruhiger Strom hat Zeit. Eine Welle muß sich beeilen, um ans Ufer zu kommen. Der Nationalsozialismus hat keine Zeit. Er kann nicht warten. Das ist sein Gegenwartserfolg – und sein Zukunftsschicksal.“
Leider, so urteilte der Journalist und Schriftsteller ► Peter de Mendelssohn später in seinem Buch „Zeitungsstadt Berlin“, erregte Regers Artikelserie zwar Aufsehen, aber eher bei den bereits zum Nationalsozialismus Bekehrten. Denn Kleinbürger und Arbeiter, die den Nazis damals zuströmten, lasen die Vossische Zeitung kaum.
Die Quittung für seine Haltung bekam Reger unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Nazis: er erhielt Veröffentlichungsverbot und auch sein zweites Buch, der polemische Roman „Das wachsame Hähnchen“, durfte nicht erscheinen. Da er von da an kein Einkommen mehr hatte, übersiedelte er 1934 mit seiner Familie in die Schweiz. Aber auch dort erhielt er keine Arbeitserlaubnis und wurde 1936 sogar wegen Überfremdung wieder ausgewiesen. Also musste er zurück nach Deutschland. Hier arbeitete er zunächst in der Werbeabteilung des Pharma-Konzerns C.F. Boehringer in Mannheim und ab 1938 als Lektor in der Romanabteilung des inzwischen arisierten Ullstein-Buchverlag, der sich nun Deutscher Verlag nannte.
Im September 1945 erhielt er zusammen mit drei weiteren Personen eine Lizenz für die Herausgabe einer neuen Berliner Tageszeitung: Der Tagesspiegel. Reger hatte dazu ein Memorandum verfasst: „Grundsätzliche Gedanken zum Wiederaufbau der deutschen Presse.“ Aufgrund seiner Denkschrift erhielten die Bewerber die Tagesspiegel-Lizenz und Reger wurde ihr Chefredakteur und Mitherausgeber. Der Tagesspiegel erschien erstmals am 27. September 1945. Auf der Titelseite die sensationelle Meldung, dass General Eisenhower die amerikanische Besatzungszone in drei Länder mit eigenen Landesregierungen aufteilen wolle: Bayern, Groß-Hessen und Württemberg-Baden.
Und auf Seite 3, in seinem ersten Leitartikel ► „Anfang und Zukunft“, hielt Reger seinen deprimierten Landsleuten im wahrsten Sinne des Wortes einen Spiegel vor.
Später lieferte sich der Tagesspiegel eine wahre Presseschlacht mit der sowjetisch lizensierten Berliner Zeitung, die von Rudolf Herrnstadt geleitet wurde. Reger unterstützte die Westberliner Sozialdemokraten bei ihrem Widerstand gegen die Versuche, sich wie im Osten von der KPD vereinnahmen zu lassen. Das Ergebnis der einzigen gemeinsamen Wahlen in Berlin vor der Teilung Deutschlands in zwei Staaten kommentierte er am 20. Oktober 1946: „Der Freiheit eine Gasse, so hat Berlin gewählt“.
Auf Grund seiner guten englischen Sprachkenntnisse war Reger der erste Journalist, der 1947 die Vereinigten Staaten besuchen durfte. Im selben Jahr entdeckte er ► Klaus Bölling und bot ihm ein Volontariat beim Tagesspiegel an.
Als dann die Kommunisten im Februar 1948 in einem Staatsstreich die Regierung in Prag übernahmen, schrieb er: „Mir scheint, dass die Ereignisse, die jetzt in der Tschechoslowakei vor sich gehen, vom Standpunkt der Klärung der Weltsituation aus zu begrüßen sind. Denn es wird dadurch die Illusion aufgehoben, die bisher bestand, dass es möglich sein würde, innerhalb des eisernen Ringes, der gezogen ist, einen Staat aufrechtzuerhalten, der nach außen hin noch demokratische Allüren zeigt. Da es nur Allüren waren und sein können, ist es besser, auch die Allüren werden beseitigt.”
Am 10. Mai 1954 starb er in Wien während der Generalversammlung des Internationalen Presseinstituts an einem Herzinfarkt. Das geschah derart überraschend, dass vorübergehend sogar ein Mordanschlag des SSD, der ostdeutschen Stasi vermutet wurde. Aber eine Obduktion bestätigte die Diagnose Herzversagen.
(hhb)
Quellen
Erhard Schütz: Reger, Erik / Deutsche Biographie
Erik Reger / Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren
Erik Reger – Journalist und Schriftsteller / Rheinland Pfalz
Christian Kosfeld: 8.9.1893 – Geburtstag des Schriftstellers Erik Reger / WDR 31.7.2018
Erhard Schütz: Wie die Stimmung im Ruhrpott manipuliert wurde / WELTkultur 2.9.2022
Markus Hesselmann: 70. Todestag des Tagesspiegel-Gründers Erik Reger / Tagesspiegel 10.5.2024
Bücher
Erik Reger: Union der festen Hand / Neuausgabe Schöffling & Co 2022
Erik Reger: Das wachsame Hähnchen / 1932
Erik Reger: Schiffer im Strom / 1933
Erik Reger: Kleine Schriften 1 + 2 / 1993
Erik Reger: Vom künftigen Deutschland / 1997
Erik Reger: Zeit des Überlebens – Tagebuch April bis Juni 1945 / 2014
Erhard Schütz Hrsg,: Lesebuch Erik Reger / Kleine Westfälische Bibliothek Band 124
Christian Tauschke: Vivisektion der Zeit – Erik Reger 1924-1932 / Verlag Dr. Kovac