Rosemarie Rehahn

Die Journalistin und Filmkritikerin Rosemarie Rehahn arbeitete 40 Jahre lang als Kulturredakteurin für die Wochenpost, die ab Dezember 1953 im Berliner Verlag erschien und eine Auflage von 1.3 Millionen Exemplaren erreichte. Ihre Kritiken und Schauspielerporträts waren legendär. Kollegen nannten sie die „Grand Dame der ostdeutschen Filmpublizistik“.

Rosemarie Rehahn wurde am 22. Januar 1923 im ostpreußischen Ortelsburg als Tochter des Hotelbesitzers Wilhelm Knop geboren. Vier Jahre später übernahm der Vater ein Hotel in Pillkallen nahe Tilsit. Dort ging sie zur Schule, machte im März 1941 das Abitur. Ihre Mutter war acht Tage zuvor gestorben. Sie wurde zum Arbeitsdienst eingezogen. Beim Überfall der Wehrmacht auf Polen im September 1939 hatte sie spontan das Gymnasium verlassen und sich zum Roten Kreuz melden wollen. Doch als ihr Freund in den ersten Kriegstagen fiel, gab sie den Plan auf. Die Erfahrungen beim Arbeitsdienst waren prägend für ihr Leben. Sie hasste den ständigen Kommandoton, den verordneten Optimismus und „die ständige Singerei“. Weil sie Medizin studieren wollte, musste sie einen verlängerten „Kriegshilfdienst“ als Hilfsschwester in einer psychiatrischen Heilanstalt absolvieren. Die Klinik wurde immer mehr zum Lazarett, die Nervenkranken wurden angeblich verlegt. „Bis mir eine Pflegerin zuflüsterte, die Kranken würde alle umgebracht. Ich dachte, eine Welt bricht zusammen.“ Nach dem Lazarett-Einsatz studierte sie von 1942 bis 1944 erst Medizin, danach Germanistik und Kunstgeschichte in Breslau und Straßburg, anschließend Journalistik und Zeitungswissenschaften in Prag.

 

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Der III. Kongreß des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR nahm am 3. Mai 1977 in der Berliner Kongreßhalle seine dreitägigen Beratungen auf. In einer Pause unterhielten sich die Mitglieder des Politbüros des ZK der SED Kurt Hager (l.) und Werner Lamberz (2.v.r) mit dem Präsidenten der Akademie der Künste und Filmregisseur Konrad Wolf (3.v.l.), dem Schauspieler Erwin Geschonnek (3.v.r.), der Filmkritikerin Rosemarie Rehahn (2.v.l.) und dem Dokumentaristen Jochen Hadaschik (r.).

Copyright: Bundesarchiv Bild 183-S0503-0331, Fotograf Rainer Mittelstädt

Im Juni 1945 bekam sie eine Anstellung bei der neugegründeten Deutschen Volkszeitung in Ostberlin. Deren Chefredakteur Fritz Erpenbeck übertrug ihr die Berichterstattung über das Renaissancetheater und die „Tribüne am Knie“. Als Erpenbeck wenig später zum Berliner Verlag wechselte und die Zeitschrift Die Frau von heute übernahm, kam Rosemarie Rehahn mit. Chef des Verlages war damals Rudolf Herrnstadt, der sie für die neu zu gründende Jugendzeitschrift Start engagierte. Bei dieser Gelegenheit lernte sie auch ihren späteren Ehemann Arne Rehahn kennen, der Chefredakteur von Start wurde. Als das Blatt 1949 eingestellt wurde, nahm Herrnstadt sie als Filmkritikerin mit zum Neuen Deutschland, wo sie bis 1953 arbeitete. Nach einem Machtkampf mit SED-Chef Walter Ulbricht verlor Herrnstadt alle seine Posten, auch Rosemarie Rehahn wurde entlassen.

Die Mitbegründerin und Kulturchefin der Wochenpost, ► Hilde Eisler, holte sie Anfang 1954 als Filmkritikerin in die Redaktion. „Sie war meine Rettung“, sagte Rehahn später in einem Interview. Sie genoss die liberale Atmosphäre in dem Wochenblatt, das schnell zur beliebtesten Zeitschrift in der DDR aufstieg. „Die ganze Zeitung war ein einziger Freiraum.“ Dennoch kam es mit der kommunistischen Kulturbürokratie auch oftmals zu Konflikten. Etwa als 1966 ihre enthusiastische Rezension des Films „Die Spur der Steine“ von Regisseur Frank Beyer mit Manfred Krug, nicht in der Wochenpost erscheinen durfte. Wegen „antisozialistischer Tendenzen“ wurde der Streifen kurz nach der Uraufführung aus den Kinos der DDR verbannt, obwohl er zuvor das Prädikat „Besonders wertvoll“ erhalten hatte und sofort ein Publikumserfolg war.

Zwei Jahre später verhinderten Walter Ulbricht und seine Frau Lotte am Tag der Premiere, dass der Film „Abschied“ über den in der DDR gefeierten und hochdekorierten Dichter Johannes R. Becher in die Kinos kam. Rosemarie Rehahn hatte daran als Dramaturgin mitgearbeitet. Für ihre positive Rezension des gesellschaftskritischen Jugendfilms „Erscheinen ist Pflicht“, in dem der Regisseur und Drehbuchautor Helmut Dziuba den Alltag in der DDR schilderte, wurde sie ins Zentralkomitee der SED bestellte und verwarnt.

Bei den Lesern der Wochenpost war sie dagegen sehr beliebt. Ihr Kollege Ralf Schenk sagte über sie: „Rosemarie Rehahn schrieb ihre Kritiken so, als befände sie sich in einem Zwiegespräch mit dem Leser. Sie ließ uns an ihrem Nachdenken über die Filme teilhaben, näherte sich ihnen mit klugen Fragen, nie apodiktisch. Ihre Texte waren impressionistisch, wie getupft, wunderbare Feuilletons, die neben einer flotten, aber keineswegs oberflächlichen Schreibe auch eine grundsolide bürgerliche Bildung verrieten. Sie plauderte vom Film zum Leben und wieder zurück, verstand sich als Rezensentin und als Beobachterin der Wirklichkeit.“

Neben den Kritiken schrieb sie auch zahlreiche legendäre Porträts über Schauspieler und Schauspielerinnen in der DDR, „Symbiosen aus Fachsimpelei und Homestory“ (Ralf Schenk). Sie war eine der wenigen Journalisten, die internationale Filmfestivals besuchen durften und internationale Stars kennenlernten. „Ich war die erste in der DDR, die von Filmfestspielen ‚Klatsch‘ mitgebracht hat, und fühlte mich eng verbunden mit den Lesern ... Ich schrieb für eine Familienzeitung, für eine Million und mehr Leser. Ich sagte mir: Den Film kann ich möglicherweise auch später noch sehen, aber Sidney Pollack oder Henry Ford oder Rita Tushingham oder Gina Lollobrigida begegne ich nie wieder – in meinem kleinen Ländchen.“

Bis zur Einstellung der Wochenpost 1995 war sie dort als Redakteurin und Autorin tätig.

Rosemarie Rehahn starb am 11. Juli 2010 in Berlin.

(ms)

 

Quellen:

Ralf Schenk: Der Kuss des Juri Gagarin. Zum Tod der großen Filmpublizistin Rosemarie Rehahn. Berliner Zeitung, 16. August 2010

"Von der Schwierigkeit, den ersten Satz zu finden. Ralf Schenk im Gespräch mit Rosemarie Rehahn." In: Ingeborg Pietzsch und Ralf Schenk (Hrsg.): „Schlag ihn tot, den Hund …“ Film- und Theaterkritiker erinnern sich. Parthas, Berlin 2004