Peter (Hirsch) Surava

Peter Surava war das Pseudonym des Schweizer Journalisten Hans Werner Hirsch, der sich zwischen 1940 und 1944 als leitender Redakteur und Geschäftsführer der Zeitung Die Nation gegen die Pressezensur des Schweizer Bundesrats zu Gunsten des NS-Staates wehrte. Die Schweiz hatte in jenen Jahren Angst vor einem deutschen Einmarsch auch in ihr Land und versuchte daher, gut recherchierte Berichte über Gräueltaten im Nachbarland zu verbieten. Surava führte daraufhin einen erbitterten Kampf gegen diese Pressezensur, die er als große Gefahr für das freiheitliche Wort und die Demokratie ansah. Er war überzeugt, „schweigen hieße mitschuldig werden.“

Hans Werner Hirsch wurde am 25. April 1912 als Sohn des Filialleiters einer deutschen Glas- und Spiegelfabrik in Zürich geboren. Nach der Schulzeit absolvierte er eine kaufmännische Lehre und ließ sich danach zum Grafiker ausbilden. Von 1936 bis 1939 arbeitete er als Hausvater einer Jugendherberge und als Leiter der Skischule in Valbella. Dort verfasste er seine Bestseller „Tagebuch eines Skilehrers“. Sein Verleger riet ihm zu einem Pseudonym, um dem Werk etwas Lokalkolorit zu geben. Man einigte sich auf den Namen des Bündnerdorfes Surava.

1939 begann er als Journalist bei der Wochenzeitung Die Nation, die von Sozialdemokraten und Gewerkschaftlern gegründet worden war. Er blieb bei dem Pseudonym, weil er mit dem Namen Hirsch mit dem latenten Antisemitismus in der Schweiz ungute Erfahrungen gemacht hatte, obwohl er Katholik war. Die Namensänderung wurde vom Regierungsrat des Kantons Zürich ohne Probleme genehmigt.

1940 wurde er Chefredakteur und Geschäftsführer von Die Nation, die bei seinem Eintritt eine Auflage von gerade mal 8.000 Exemplaren auswies und die er nun zu einer Bastion innerhalb der geistigen Landesverteidigung machte. Er druckte ungeschminkte Tatsachenberichte sowie Aufsehen erregende Reportagen und erhöhte damit die Auflage in den folgenden Jahren auf bis zu 120.000. 

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Prozess gegen Peter Hirsch Surava, angeklagt des Betrugs, Hirsch mit seinem Anwalt, Bern 1949

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Denn trotz dauernder Konflikte mit der Zensurbehörde berichtete er konsequent über die Verbrechen in Nazi-Deutschland und den Faschismus in Italien. Außerdem griff er die restriktive Asylpolitik des Bundes an und dessen Leisetreterei gegenüber den benachbarten autoritären Regimen. Auch die anpasserischen und antisemitischen Tendenzen nannte er deutlich beim Namen, weil die in der Schweiz deutlich zunahmen und zu spüren waren.

Großes Aufsehen erregten seine Sozialreportagen, die er zusammen mit seinem Freund, dem Fotoreporter ► Paul Senn verfasste und die unter dem Stichwort ►„Reportagen“ beim Paul Senn-Projekt des Kunstmuseums Bern abrufbar sind.

Peter Surava wurde daraufhin genau wie seine Wochenzeitung von der Schweizer Regierung als linksorientiert eingestuft und vom Staatsschutz überwacht, was erst 1990 in der so genannten „Fichen-Affäre“ aufgedeckt wurde. Denn zwischen 1900 und 1990 war die Schweiz zu einem Schnüffelstaat verkommen – die kantonalen Polizeibehörden hatten in dieser Zeit rund 900.000 Überwachungsdokumente zusammengetragen. Mehr als 700.000 Personen wurden ohne gesetzliche Grundlage bespitzelt:  Sozialisten, Gewerkschaftler, Nonkonformisten, Flüchtlinge, Ausländer und andere. Zu den Verdächtigen zählten die Gesinnungsschnüffler auch Peter Surava, der nun wegen seiner kritischen Artikel immer häufiger angegangen wurde. Die Pressekontrollen der Zensurbehörden gegen ihn und gegen Die Nation wurden eigenmächtiger – es gab sogar mehrere Erscheinungsverbote für das Blatt. So wurden etwa Fotos aus Polen mit Leichen von Juden vom zuständigen Bundesrat in der Zensurbehörde, einem ehemaligen Anwalt der Deutschen, als polnische Propaganda abgetan.

Besagter Bundesrat war jahrelang der Antreiber dieser Verfemung von Surava. Auf seine Anweisung hin versuchte die Bundespolizei mit allen Mitteln, Surava zu diskreditieren und ihn so mundtot zu machen. Der Staatsschutz führte ihn gar als „staatsgefährdenden Israeliten“.

Damit war man auf einer Linie mit den Schweizer „Fröntlern“, wie sich die Nazis in der Schweiz nannten. Die wussten natürlich genau, wie es in den Konzentrationslagern zuging und schickten Surava darum 1942 diese Botschaft auf einer Karte mit dem Konterfei des Führers:

„Wir Fröntler brauchen uns gar nicht anzustrengen, von den Schweizer Demokröten schwarze Listen aufzustellen; die Gestapo kennt bereits jeden von euch! Eure Pritschen in Dachau sind schon vorgewärmt. Heil Hitler!“

Surava veröffentlichte diesen Kartengruß sofort. Bleibt die Frage, ob auch besagte Fröntler damals überwacht wurden?

Plötzlich untersagte ihm das Bundesgericht sogar das Tragen des Namens Surava, angeblich auf ► Antrag der Gemeinde in Graubünden.

Als die Herausgeber der Nation ihm Ende 1944 mit Einschränkungen der inneren Redaktionsfreiheit drohten, entschloss sich Surava zum Rücktritt und wechselte trotz vieler Angebote zum 1944 gegründeten Schweizer Vorwärts, weil er hoffte, daraus eine überregionale Zeitung für unorthodoxe Linkskreise machen zu können. Eine Fehleinschätzung wie er bald merkte und das Blatt 1948 wieder verließ, weil es inzwischen von Kommunisten beherrscht wurde und moskauhörig geworden war. Obwohl er seine Gründe in Die Tat ausführlich schilderte, hielten ihn viele von nun an für einen Kommunisten.

Die neue Geschäftsführung der Nation hatte die früheren Verkaufszahlen nach Suravas Ausscheiden nicht mehr halten können und war in die roten Zahlen gerutscht. Nun warf man ihm vor, durch seine Verkaufspolitik mit zu hohen Honoraren für die Straßenverkäufer den Verlag geschädigt zu haben. Wegen dieser abstrusen Anklage wurde er verhaftet und 1949 vor Gericht gestellt: Er habe besagten Vertrag erst nach seinem Weggang ausgestellt, um den Verlag zu schaden, lautete der unsinnige Vorwurf.

Surava leitete in den 50er Jahren mehrere Fachblätter und widmete sich unter dem Pseudonym Ernst Steiger mehr der Schriftstellerei. 1991 erscheint seine Autobiografie „Er nannte sich Surava“, in der er auch die Akten des Staatsschutzes auswertete und dessen Intrigen dokumentierte.

1995 drehte Regisseur Erich Schmid auf der Basis dieser Biografie einen Film gleichen Namens und arbeitete damit ein Stück vergessener schweizerischer Pressegeschichte auf. Der Film wurde zu einem späten Denkmal für Peter Surava. Nun musste ihn auch der Schweizer Bundesrat rehabilitieren und die Gemeinde Surava in Graubünden ernannte ihn zum Ehrenbürger.

Im gleichen Jahr, am 23. November 1995 starb Peter Hirsch/Surava im Alter von 83 Jahren in seiner Wohnung in Oberrieden.

(hhb)

 

Quellen

Erich Schmid: Peter Surava / Historisches Lexikan Schweiz

Sandra Monika Ziegler, KRIENS: Gedenktafel erinnert an Kinderleid / Luzerner Zeitung 18.10.2017

Er nannte sich Surava / artfilm.ch

Annetta Bundi + Andi Jacomet: Das gibt es in der Schweiz! Sozialreportagen in der ‚Nation 1939 – 1952 / Universität Bern

Peter Kamber: Gelernt, nicht wegzusehen / Das Magazin

 

Bücher

Er nannte sich Peter Surava / Rothenhäusler Verlag 1991