Paul Senn

Der Fotograf Paul Senn gehörte in der Schweiz zur Generation der großen Bild-Reporter in der Zeit zwischen den dreißiger und fünfziger Jahren. Mit seiner neuen Bildsprache schilderte er vor allem den Alltag ganz normaler Menschen – bei ihrer bäuerlichen Tätigkeit oder in ihren meist handwerklichen Arbeitswelten. Senn fotografierte für viele Zeitungen und Magazine der Schweiz. Bekannt wurde er durch seine Zusammenarbeit mit ► Alfred Kübler für die Zürcher Illustrierte und das Kulturmagazin du sowie später für seine Sozialreportagen, die er zusammen mit seinem Freund, dem Journalisten ► Peter Surava, in Die Nation veröffentlichte.

Paul Senn wurde am 14. August 1901 im aargauischen Rothrist als Sohn eines schweizerischen Bahnbeamten geboren. 1908 zog die Familie nach Bern, wo Paul Senn die Primar- und die Sekundarschule besuchte. Paul interessierte sich früh für die bildende Kunst – aber die Eltern rieten ihm von einer künstlerischen Karriere ab. So erlernte er ab 1917 den Beruf des Reklamezeichners und Retuscheurs. Nach seiner Ausbildung verließ er das Elternhaus und begab sich auf Wanderschaft, um sich auf diese Weise in Europa umzuschauen. 1922 wurde er vorübergehend in Lyon als Grafiker sesshaft. Doch bereits 1924 kehrte er in die Schweiz zurück – nach Basel, als Bildredakteur bei den Basler Nachrichten. Nun begann er auch selber zu fotografieren.

Ab 1927 bereiste er als freiberuflicher Fotograf Norditalien, Deutschland, Belgien, Frankreich und Spanien. Ab 1930 arbeitete er als Fotoreporter vor allem für Alfred Kübler und die Zürcher Illustrierte. Aber auch für die Berner Illustrierte, die Schweizer Illustrierte oder die Tat.

Zusammen mit Kübler entwickelte er Ideen für neuartige Fotostrecken, etwa über die Kultur und Wirtschaft in Spanien. Mitte der 30er Jahre war er auf dem Balkan, in Athen, Istanbul oder Bukarest. Als in Spanien der Bürgerkrieg ausbrach, berichtete er aus dem Kriegsgebiet für die Zürcher Illustrierte, die daraus eine Sondernummer machte.

 

Während des Zweiten Weltkriegs war Senn beim Armeefotodienst. Er dokumentierte die Schweizer Mobilmachung, den Bau des „Schweizer Réduit“, wie die Verteidigungsanlagen in den Alpen genannt wurden. Im Juni 1940 fotografiert er den Grenzübertritt des 45. französischen Armeekorps über die Schweizer Grenze.

Nachdem die Zürcher Illustrierte 1941 ihr Erscheinen eingestellt hatte, arbeitete Senn nun für die Schweizer Illustrierte, die Berner Woche, für die Wochenzeitung Die Nation, für den Aufstieg und Ringiers Magazin Sie und Er.

Zusammen mit seinem Freund Peter Surava entwickelten er für Die Nation neue Reportage-Formate, gut recherchierte kritische Sozialreportagen. Dabei deckten die beiden 1944 menschenunwürdige Missstände in der christlichen Erziehungsanstalt Sonnenberg bei Kriens nähe Luzern auf, wo Essensentzug, körperliche Züchtigung und härteste Arbeit zum Tagesablauf gehörten. Ähnliche Enthüllungen über die Zustände im Gefängnis Thorberg bei Bern oder in der psychiatrischen Klinik Waldau wurden ebenfalls von Die Nation veröffentlicht. Genauso wie eine ► Fotoreportage über die so bezeichneten „Verdingkinder“ aus armen Familien, die von den Behörden Bauernfamilien anvertraut wurden und dort häufig wie Sklaven missbraucht wurden.

Alles gut recherchierte Reportagen – darum nicht unbedingt eine Freude für die eher konservativen Eliten im Land.

Ein frühes Beispiel dafür ist der ► Bericht „Das gibt es noch in der Schweiz – Kein Lohn, ein Hohn“, in Die Nation am 11. März 1943 erschienen:

Und dann die Reaktionen darauf in den Ausgaben vom ► 18. März und ► 25. März 1945.

Unmittelbar nach Kriegsende war Senn zunächst in den befreiten Gebieten unterwegs, etwa in Lyon oder Paris. Er berichtete über die Aufräumarbeiten dort oder über die Exhumierung französischer Partisanen und Widerstandskämpfer. Und fotografierte für das Rote Kreuz und die Schweizer Spende später den Wiederaufbau in München oder im Ruhrgebiet. Und als Peter Surava 1945 zum Schweizer Vorwärts wechselte, arbeitete Senn auch dort mit seinem Freund zusammen.

1951 gehörte er mit ► Werner Bischof, Gotthard Schuh und anderen zu den Gründern des Kollegiums Schweizer Fotografen und wandte sich nun dem amerikanischen Kontinent zu. Fotografierte zunächst in Südamerika, dann in Mexiko und Texas, reiste durch die US-Südstaaten bis nach Kanada. Senns Lebenswerk soll knapp 1.500 Fotoberichte und -reportagen umfassen; sie sind mittlerweile gemeinfrei und als PDF beim ►„Paul Senn-Projekt“ abrufbar.

Paul Senn kam von seiner Amerika-Tour gesundheitlich angeschlagen zurück. Er war an Krebs erkrankt und starb bald darauf am 25. April 1953 im Alter von nur 51 Jahren in einem Berner Spital.

Im Jahr 2007 widmete ihm das Kunstmuseum Bern eine umfangreiche Retrospektive.

 

(hhb)

 

Quellen

Paul Senn-Projekt / Kunstmuseum Bern (unter Reportagen können alle oben erwähnten Artikel abgerufen werden)

Guido Magnaguagno: Paul Senn / Historisches Lexikon der Schweiz 2012

Sandra Monika Ziegler: KRIENS: Gedenktafel erinnert an Kinderleid / Luzerner Zeitung 18.10.2017

René Wüthrich: Der dicke Metzger von Bern / Der Bund 29.11.2023

 

Bücher

Arnold Kübler, Paul Senn: Bauer und Arbeiter / Büchergilde Gutenberg Zürich 1943

Paul Senn: Photographien aus den Jahren 1930-1953 / Bentell Verlag Bern 1981

Markus Schürpf, Matthias Frehner Hrsg.: Paul Senn - Fotoreporter / Scheidegger & Spiess 2007