Jürgen Tern

Jürgen Tern war als Politikredakteur schon wegen seiner undogmatischen Haltung einer der meist beachteten deutschen Journalisten in den fünfziger und sechziger Jahren. Als er ab 1969/70 auch die sozial-liberale Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel journalistisch unterstützte, wurde er als Mitherausgeber der FAZ im Jahr 1970 mit welcher Begründung auch immer entlassen. Was damals sowohl in der Öffentlichkeit wie in Medienkreisen Irritationen und Kontroversen auslöste.

Jürgen Tern wurde am 1. Juni 1909 in Nordleda im Land Hadeln geboren. Dort besuchte er zunächst die Dorfschule, bis er nach dem Umzug der Familie ab 1918 auf das Hohenzollern-Gymnasium in Berlin-Schöneberg ging. Ab 1927 studierte er Geschichte an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität und begann 1931 als freiberuflicher Journalist zu arbeiten. 1936 wurde er in Berlin Mitarbeiter der Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Zeitung, musste dann aber von 1942 bis 1945 Kriegsdienst leisten.

Nach dem Krieg half er 1945/46 dem Bremer Weser Kurier bei seinem Start und begann ab 1946 als Redakteur bei der Deutsche Zeitung und Wirtschaftszeitung, wo er frühere Kollegen aus der Frankfurter Zeitung wiedertraf: Erich Welter oder Nikolas Benckiser zum Beispiel. Dort blieb er bis 1956 Redaktionsmitglied.

1956 wechselte er zur FAZ Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zunächst als Leiter der politischen Redaktion und ab 1960 bis 1970 als Mitherausgeber. Tern begeisterte seine Leser durch seine verständlich geschriebenen und analytisch fundierten informativen Artikel, mit denen er aber niemandem seine Meinung aufdrängen wollte. Er regte zum Nachdenken an, wollte Diskussionen auslösen.

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Copyright: F.A.Z.-Foto / Wolfgang Haut

Unter den Herausgebern war Jürgen Tern wohl am besten mit führenden Politikern vernetzt und von ihnen als Gesprächspartner sehr geschätzt. Beim Machtwechsel weg von den Unionsparteien hin zur sozial-liberalen Regierung Brandt-Scheel verfügte Tern sicherlich über gute persönliche Kontakte zu den neuen Spitzenpolitikern. So kam er an wichtige Hintergrundinformationen und konnte sich früh auf der Basis seines konkreten Wissens für die neue Ostpolitik von Willy Brandt & Co. begeistern und einsetzen – nicht unbedingt zur Freude seiner tendenziell eher konservativeren Kollegen im Herausgebergremium.

Ein wichtiges publizistisches Merkmal der FAZ besteht darin, dass die Zeitung nicht von einem Chefredakteur, sondern von mehreren Herausgebern gemeinschaftlich geführt wird. Sie verantworten jeweils eigene Ressorts wie Politik, Wirtschaft oder Feuilleton – Jürgen Tern war für den Politikteil verantwortlich. Im Unterschied zu seinen Kollegen ließ er seine Texte entgegen anderer Gepflogenheiten nicht immer von seinen Herausgeberkollegen gegenlesen und ignorierte, oft wegen aktueller Informationen aus seinem Netzwerk, gelegentlich auch Abgabetermine.

Einer der Mitherausgeber, Bruno Dechamps, hielt 1978 einen Vortrag über die Verfasstheit der FAZ und schilderte, dass es im Gremium stets darum geht, „nicht nur die Formen, sondern auch den Geist mitteleuropäischer Höflichkeit intensiver als sonst üblich zu pflegen und eine Art beinahe freundschaftlichen Zusammenhalt zu wahren." Man stimme nicht ab, sondern einige sich.

Was 1970 mit Hinblick auf den Rauswurf von Jürgen Tern offenbar nicht immer gelang. Ob es dabei um seine Haltung zur Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel ging? Oder über seine Weigerung, seine Texte nicht unbedingt gegenlesen zu lassen?

Der Rauswurf von Tern irritierte auch so manchen FAZ-Leser – einige kündigten sogar ihr Abonnement, weil sie dadurch das Vertrauen in die journalistische Unabhängigkeit des Blattes verloren hatten. Auf eine solche Kündigung in einem „Brief an die Herausgeber“ kam diese Antwort:

„Es bestand die Gefahr, daß die Meinungsfreiheit innerhalb der Redaktion erheblich beeinträchtigt wurde. Dem entgegenzuwirken war die Pflicht der Herausgeber und der Geschäftsführung. Sie hat deshalb im höherwertigen Interesse der Zeitung die sachlich notwendige Lösung des Vertragsverhältnisses vornehmen müssen. Wir sind davon überzeugt, daß nur so völlige Unabhängigkeit der FAZ gesichert werden kann.“

Nur was verstanden die Herausgeber der FAZ damals unter Meinungsfreiheit? Eine ehrliche, konkrete und angemessene Erklärung für Terns Rauswurf wurde bis heute nicht gegeben – in Kollegenkreisen wurde lediglich gemunkelt, dass Welter und Jürgen Eick dabei eine zentrale Rolle gespielt haben sollen.

Nachdem Jürgen Tern die FAZ verlassen musste, schrieb er für die Kulturzeitschrift Merkur politische Essays und wurde vom Südwestfunk beauftragt, einmal im Monat den deutschen Zeitungsmarkt kritisch zu kommentieren. Beiträge von ihm druckten weitere Zeitungen, darunter sogar der Vorwärts. Und natürlich setzte er seine Arbeit als politischer Kommentator für den Hessischen Rundfunk fort, wie schon seit 1960. Die Tatsache, dass er sowohl von konservativen wie sozialdemokratischen Medien gedruckt wurde, mag ein weiterer Hinweis dafür sein, dass es Tern stets mehr um die Vermittlung von Nachrichten und Informationen ging und weniger um – gar abgestimmten? – Meinungsjournalismus.

Tern blieb weiter in Frankfurt am Main und starb am 20. Februar 1975 unverhofft an Kreislaufversagen. Kurz zuvor soll er sich noch mit seinem früheren Herausgeberkollegen ► Erich Welter versöhnt haben.

(hhb)

 

Quellen

Reinhard Frost: Tern, Jürgen / Frankfurter Personenlexikon

Hans Gresmann: Der Handstreich – Machtkampf oder Richtungsstreit bi der FAZ? / ZEIT 23/1970 vom 5.6.1970

Verlage FAZ – Papperlapapp / SPIEGEL 24/1970 vom 7.6.1970

Text in Tern / SPIEGEL 25/1970 vom 14.6.1970

Rückblick: Auch die FAZ-Herausgeber Sethe und Tern mussten gehen / DIE WELT vom 22.2.2001

Christian Bauschke: Beben im Glashaus / WELT am Sonntag vom 28.4.2002

Fredric Schulz: Am Webstuhl der Zeit – das Politikressort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von 1949 bis 1982 / Brill 2023

 

Bücher + Schriften

Jürgen Tern: Der kritische Zeitungsleser / C.H. Beck Verlag 1982