Der österreichische Reporter, Journalist, Schriftsteller und Politiker Max Winter gilt im deutschen Sprachraum als ein Schöpfer der Sozialreportage. In Österreich bezeichnet man ihn wegen seiner realitätstreuen Reportagen voller Aufdeckungen und Aufklärungen gern als den „Wallraff der k.u.k-Monarchie“.
Max Winter wurde am 9. Januar 1870 in Tárnok/Österreich-Ungarn geboren. 1873 zog seine Familie nach Wien, wo sein Vater als Beamter bei den k.k. Staatsbahnen tätig war. Nach Abschluss seiner Schulzeit im Untergymnasium und in einer Handelsschule absolvierte Max Winter eine kaufmännische Lehre und studierte anschließend in Wien Nationalökonomie, Geschichte und Philosophie, allerdings ohne Abschluss.
Bereits mit 23 begann er als Journalist beim gerade gegründeten Neuen Wiener Journal zu arbeiten, einem unparteiischen Tageblatt. 1895 holte ihn Victor Adler, der Gründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei SDAP, zur Arbeiter-Zeitung, dem Zentralorgan seiner Partei. Dort begann Winter als Gerichtsreporter und lernte durch diese Tätigkeit die Bedeutung von klaren Beweisen und überprüfbaren Fakten kennen und schätzen. Sie wurden zur Grundlage seiner späteren Reportagen.
Mit seinen Reportagen wollte er auf die erbärmlichen Lebensbedingungen vieler Menschen hinweisen und ihnen dabei helfen, sie zu verbessern. Als Obdachloser verkleidet ließ er sich zum Beispiel ins Gefängnis einweisen und berichtete dann aus eigener Anschauung über das Leben von Strafgefangenen. 1902 erschien seine Reportage „Ein Strottgang durch Wiener Kanäle“ – über die als „Strotter“ bezeichneten Ärmsten der Armen, die in der Wiener Kanalisation nach Resten von Fett und Knochen suchten und diese dann an die Seifenhersteller verkauften.
Copyright: Autor/-in unbekannt - http://www.dasrotewien.at/seite/winter-max/galerie/fotos--107, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=519661
Seine Reportagen fasste er in Büchern zusammen, was ► Alfred Polgar lobte: „Der Journalist hat sich sozusagen zum Schriftsteller summiert, aus Journalbeiträgen ist ein Buch geworden“. Insgesamt soll Max Winter in rund 1.500 Reportagen vor allem Missstände aufgezeigt, die Öffentlichkeit dadurch aufgerüttelt und so die Verantwortlichen zum Handeln gedrängt haben. Dazu der Historiker Hannes Haas: „Weil er einfach so sehr an die Kraft der Aufklärung geglaubt hat: In dem Moment, wo ich alles beweisen kann, bis ins letzte Detail, wo ich Zahlen, Namen, Fakten habe, müssen die für sich so einen starken Druck ausüben, dass das politische System oder wer immer darauf reagieren muss.“
Darum beteiligte sich Max Winter auch an dem Projekt „Großstadt-Dokumente“ des Berliner Autoren und Journalisten Hans Ostwald. Zwei Bücher in diesem Werk mit insgesamt 50 Bänden stammten aus seiner Feder: „Das goldene Wiener Herz“ und „Im unterirdischen Wien“, beide 1905 erschienen.
Und zusammen mit seinem Kollegen ► Stefan Grossmann verfasste er 1905 noch das Bühnenstück „Eine g’sunde Person“, welches mehrere Wiener Theater in ihre Spielplänen aufnahmen.
Seine Haupttätigkeit aber war und blieb der Journalismus: während des Ersten Weltkriegs war Winter von 1914 bis 1918 Chefredakteur der AZ am Abend, die allerdings nur während dieser Kriegsjahre erschien und sich überhaupt entschieden gegen den Krieg gewandt hatte.
In dieser Zeit war er allerdings auch für die damalige SDAP ein Abgeordneter im Parlament, im Reichsrat. Und nach dem Zerfall der K.u.K.-Monarchie wurde er zunächst bis Februar 1919 Mitglied der provisorischen Nationalversammlung und dann ab Mai des Jahres in den Wiener Gemeinderat gewählt, als Stadtrat für das Wohlfahrtswesen. Bis 1930 gehörte er schließlich als einer von zwölf Wiener Vertretern dem Bundesrat an, der zweiten gesamtstaatlichen Parlamentskammer der nun Republik Österreich.
Damals war er auch an der Gründung der unabhängigen Frauenzeitschrift Die Unzufriedene beteiligt, wurde ihr erster Chefredakteur und blieb bis Ende 1930 ihr Herausgeber. Der Titel war sein Vorschlag: „Die Unzufriedene will Sprachrohr und Führerin sein im Kampfe wider alles Unrecht, wider allen Unverstand, wider alle Rückständigkeit. In der Unzufriedenheit liegt der Fortschritt der Menschheit. Wenn die Frauen vorwärtskommen wollen, müssen auch sie unzufrieden sein“, hieß es dazu in der ersten Ausgabe.
Max Winter kümmerte sich zudem um die Förderung und Unterstützung von Kindern im Rahmen der Bundesorganisation „Kinderfreunde“, einer Interessenvertretung für Kinder und Familien.
Für Mitte Februar 1934 hatte Winter eine Vortragsreise in den USA vorbereitet – die ihm gelang, obwohl genau zu dieser Zeit der Aufstand von Sozialdemokraten gegen den Austrofaschismus begann und scheiterte. Die SDAP wurde daraufhin von Dollfuß verboten, was Winter veranlasste, ihn bei einem Vortrag in der Carnegie Hall als „Arbeitermörder“ zu bezeichnen. Als Folge wurde ihm die Staatsbürgerschaft von der nun austrofaschistischen Regierung entzogen.
Daraufhin blieb er in den USA und versuchte, sich allerdings ohne großen Erfolg als Drehbuchschreiber und als Korrespondent durchzuschlagen.
Am 11. Juli 1937 starb er völlig verarmt in einem Krankenhaus in Hollywood. Beigesetzt wurde seine Asche dann im September des Jahres auf dem Matzleinsdorfer Evangelischen Friedhof im Wiener Bezirk Favoriten. Wo ihm tausende Bürger das letzte Geleit gaben, was die Obrigkeit sicher gern verhindert hätte. Sein Grabstein erhielt nach1945 diese Inschrift:
Sein Wort sprach für Freiheit und Recht.
Seine Feder diente den Verkannten und Enterbten.
Sein Herz aber schlug für die Kinder.
1949 wurde der frühere Sterneckplatz in Wien-Leopoldstadt in Max-Winter-Platz umbenannt.
(hhb)
Quellen
Max Winter / Wien Geschichte Wiki
Chronisten, Reporter, Aufklärer – Max Winter / Mediathek
Winter, Max / dasrotewien
Beatrix Novy: Vor 150 Jahren wurde der Journalist Max Winter geboren / Deutschlandfunk am 9.1.2020
Quellen für Texte von Max Winter in
Bücher + Schriften
Max Winter: Im dunkelsten Wien / 1904
Max Winter: Das goldene Wiener Herz / 1905
Max Winter: Im unterirdischen Wien / 1905
Max Winter: Das schwarze Wienerherz. Sozialreportagen aus dem frühen 20. Jahrhundert / Österreichischer Bundesverlag, 1982
Max Winter: Arbeitswelt um 1900. Texte zur Alltagsgeschichte / Europa-Verlag, 1988
Max Winter: Expeditionen ins dunkelste Wien. Meisterwerke der Sozialreportage / Picus Verlag, 2006
Max Winter: Die Steigeisen der Kopflaus. Wiener Sozialreportagen aus den Anfängen des investigativen Journalismus / Edition moKKa, 2012