Stefan Großmann, österreichischer Journalist und Publizist, bekannte sich als überzeugter Pazifist zum Sozialismus und kämpfte für Meinungsfreiheit. Er arbeitete für verschiedene Zeitungen in Wien und in Berlin, wo er dann 1920 zusammen mit Ernst Rowohlt die überparteiliche politische Zeitschrift Das Tage-Buch gründete und sie in der Weimarer Republik zu einem einflussreichen radikaldemokratischen Magazin neben der Weltbühne machte.
Stefan Großmann wurde am 18. Mai 1875 in Wien als Sohn verarmter Bürger geboren. Darum musste er morgens vor dem Schulbesuch der Mutter in ihrem Alkoholausschank helfen, die Gäste zu bewirten. So kam er schon früh mit einfachen Arbeitern und armen Leuten in Kontakt, lernte deren Sorgen kennen und verstehen. In seiner Autobiographie „Ich war begeistert“ notierte er dazu: „Niemals hätte ich jene natürliche Beziehung zu den einfachen Leuten, die mir mein ganzes Leben lang treu geblieben ist, ohne diese Morgenstunden im Schnapsladen erreichen können. Niemals hätte ich die Verbundenheit mit den Arbeitern aus Büchern lernen, und nie hätte ich den Irrsinn der Mechanisierung des erotischen Lebens so deutlich fassen können als damals, als diese vom Nachttrabe erschöpften Freudenmädchen bescheiden sich auf das Bänkchen hockten, wohin ich ihnen Vanillelikör brachte.“
Als 17jähriger und ein halbes Jahr vor der Matura verließ er ohne Wissen seiner Eltern die Realschule und zog im Jahr danach für zwei Jahre nach Paris. Dort hielt er sich mit dem Handel von antiquarischen Büchern und mit Übersetzungsarbeiten über Wasser. Begeistert verfolgte er damals die Reden des Sozialistenführers Jean Jaurès während der Dreyfus-Affäre.
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Wegen des schlechten Gesundheitszustands seines Vaters kehrte er nach Wien zurück und begann erste Texte im radikalen Arbeiternachrichtenblatt Die Zukunft zu veröffentlichen. Er musste einen Presseprozess durchstehen, der allerdings mit einem Freispruch für ihn endete.
In Berlin kam er kurz darauf mit dem Anarchisten Gustav Landauer in Verbindung und begann, für dessen Zeitschrift Der Sozialist zu arbeiten. Was den deutschen Behörden nicht gefiel – sie verwiesen ihn des Landes. Zurück in Wien übernahm er 1897 die Redaktionsleitung der Wiener Rundschau und schrieb Artikel für das Wochenblatt Die Zeit von Hermann Bahr und trat darin entschieden für Pressefreiheit ein.
Zudem arbeitete er für die Wiener Arbeiter-Zeitung, dem Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie. Dort kam er mit dem charismatischen Sozialistenführer Österreichs Victor Adler in Kontakt. 1904 wurde er Redaktionsmitglied der Arbeiter-Zeitung und erregte mit einer Artikelserie über die Zustände in österreichischen Strafanstalten Aufsehen. Daraus machte er das Theaterstück „Der Vogel im Käfig“.
Sein Theaterstück leitete auch eine berufliche Wende ein: 1906 gehörte Großmann zu den Gründern der Freien Volksbühne für Wiener Arbeiter. Die konnte nach dem Vorbild der Berliner Volksbühne mit Unterstützung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs realisiert werden und hatte bald mehr als 20.000 Mitglieder. Neben seinem Engagement für diese neue Bühne arbeitete Großmann noch als Kritiker für die Arbeiter-Zeitung und als Kulturkorrespondent für das Berliner Tageblatt. Außerdem leitete er das Witzblatt Die Glühlichter und verfasste mehrere Romane.
Andauernde Streitigkeiten unter den Mitgliedern des Wiener Theatervereins veranlassten ihn 1913, alle Tätigkeiten in Wien zu beenden und mit seiner Familie, mit seiner schwedischen Frau und den beiden Töchtern, nach Berlin zu ziehen. Denn in Berlin war er mittlerweile als renommierter Journalist anerkannt und konnte für die Schaubühne von ► Siegfried Jacobson oder die Zukunft von ► Maximilian Harden regelmäßig arbeiten. Auch Franz Ullstein gelang es, ihn für die Vossische Zeitung zu gewinnen, wo er schließlich die Feuilleton-Redaktion übernahm.
Großmann blieb gerade zum Ende des Ersten Weltkriegs seiner linksliberalen und pazifistischen Einstellung treu und geriet daraufhin mit der eher konservativen Leserschaft der Vossischen zunehmend in Konflikt. Darum gründete er zusammen mit dem Verleger Ernst Rowohlt 1920 das überparteiliche Wochenblatt Das Tage-Buch. In der ersten Ausgabe des Tage-Buchs erläuterte Großmann sein Konzept:
„Diese Zeitschrift rechnet mit urteilsfähigen Lesern. Das ‚Tage-Buch‘ kann und wird keiner Partei dienen, wohl aber hoffe ich auf eine Verschwörung der schöpferischen Köpfe neben, über, trotz den Parteien. […] Das ‚Tage-Buch‘ will lieber berichten als urteilen, lieber Material zur Urteilsbildung bringen als das Urteil selbst.“
Als Herausgeber sorgte Großmann für ein klares linksdemokratisches Profil. Ab 1921 stand nicht mehr ein Leitartikel im Vordergrund, sondern ein Konglomerat aus verschiedenen tagespolitischen Glossen mit immer wieder kritischen Stellungnahmen. Und man förderte die neue Sachlichkeit im Journalismus, durch Reportagen von ► Kisch, Lyrik vom jungen Bertolt Brecht und mit Texten von ► Erich Kästner.
1925 musste Großmann die Leitung der Zeitschrift aus gesundheitlichen Gründen gänzlich an Leopold Schwarzschild abgeben, der bereits 1921 als Redakteur und Mitherausgeber zum Tage-Buch hinzugekommen war. Großmann aber setzte seine publizistische Arbeit fort, nicht allein fürs Tage-Buch. Er schrieb den Roman „Chefredakteur Roth führt Krieg“, über eine fiktive Boulevardzeitung, welche die öffentliche Meinung in einer Großstadt dominieren will. Und verfasste noch seine Autobiographie „Ich war begeistert“.
Gegen Ende der Weimarer Republik zog er sich, gesundheitlich schwer angeschlagen, nach Geltow bei Potsdam zurück. Dort sollte er im März 1933 verhaftet werden, was aber angesichts seines Gesundheitszustandes unterblieb. Er wurde ausgewiesen und zog mit seiner Frau zurück nach Wien.
Dort starb Stefan Großmann am 3. Januar 1935 im Alter von 59 Jahren an Herzversagen.
(hhb)
Quellen
Grossmann, Stefan / Österreichisches Biographische Lexikon
Stefan Großmann / Wien Geschichte Wiki
Großmann, Stefan / dasrotewien.at
Stefan Großmann / in Wikibrief
Bücher
Stefan Großmann: Die Partei – ein Roman um die österr. Sozialdemokratische Partei / 1919
Stefan Großmann: Chefredakteur Roth führt Krieg / Zürich 1928
Stefan Großmann: Ich war begeistert / Berlin 1930 – Wien 2011
Das Tage-Buch – herausgegeben von Stefan Großmann / Nachdruck der Jahrgänge 1920-1926 im Athenäum Verlag, Königstein 1981
Stefan Großmann: Wir können warten (über die Arisierung des Ullstein-Verlags / VBB Verlag für Berlin-Brandenburg