Interview mit Alexander Drechsel, Geschäftsführer und Chefredakteur des Hamburgischer Bürger- und Ausbildungskanals TIDE

TIDE, Hamburgs Bürgersender und Ausbildungskanal, fördert Kinder- und Jugendprojekte sowie Projekte der Regional- und Stadtteilkultur und Integration. Angeboten werden zudem Praktika in der Ausbildungsredaktion, im Radio sowie Plätze für medienpädagogische Pflichtpraktika im Rahmen eines Studiums. Tide ist auch Einsatzstelle für Bundesfreiwilligendienstleistende (BFD) und bildet Mediengestalter Bild und Ton sowie Volontäre aus. Wir sprachen mit Alexander Drechsel, dem Geschäftsführer und Chefredakteur.

HdP: Sehen Sie in Deutschland die Pressefreiheit aktuell als gefährdet oder zumindest eingeschränkt an?

Drechsel: In Deutschland steht die Pressefreiheit unter einem immensen Druck – und damit auch die Demokratie. Das Kernproblem sind US-Tech-Konzerne, die mit ihren "Sozialen Netzwerken" und profitoptimierten Algorithmen seit rund zwei Jahrzehnten die Geschäftsmodelle der Verlage zerstören. Davon ist insbesondere das Kerngeschäft der Verlage betroffen: der Lokaljournalismus.

Diese Entwicklung gefährdet die unbedingte Freiheit der journalistischen Berichterstattung auf zwei Ebenen. Erstens: Redaktionen, die unter wirtschaftlichem Druck stehen, lassen sich in der Themenfindung leicht von ökonomischer Effizienz leiten. Zweitens: Personalkürzungen bei gleichzeitig steigenden Aufgaben führen dazu, dass fundierte, recherchierte Berichterstattung vor Ort zurückgeht. Weniger lokale Reportagen bedeuten für Medienkonsument:innen weniger Einsichten in das eigene unmittelbare gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Umfeld.

Diese doppelte redaktionelle Unfreiheit gefährdet Demokratie, weil der öffentliche Aushandlungsprozess an Perspektivenvielfalt verliert. Wenn Journalist:innen nicht frei agieren können, können sie die freie Meinungsbildung als wesentliche Säule der Demokratie nicht stützen. 

Alexander Drechsel (Copyright Emily Dakers)

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HdP: Worin sehen Sie für unsere freie Gesellschaft und Demokratie die größte Gefahr: in mangelnder Medienkompetenz der Mediennutzer oder in zunehmender Desinformation durch Soziale Medien?

Drechsel: Gerüchte und Lügen begleiten die Menschen seit jeher. Aber im Laufe der Jahrhunderte hat die technische Entwicklung die Verbreitungsmöglichkeiten kontinuierlich verändert. Deshalb bestand die Herausforderung immer darin, in der Gesellschaft Mechanismen anzupassen und zu verankern, mit denen die Wahrheit eine Chance bekommt. Dabei ist der Mensch selbst das eigentliche Regulativ und die Kernfrage lautet: Wem oder was trauen Menschen verlässliche Informationen zu?

Selbstverständlich muss allen Menschen ein Grundverständnis für mediale Wirkungsweisen vermittelt werden, um Nachrichten- und Informationskompetenz zu stärken. Das ist die unverrückbare Basis. Aber angesichts einer ungebändigten Onlinewelt mit unterschiedlichsten Informationssphären samt einer exponentiell wachsenden Flut von KI-generierten Inhalten, wäre es mindestens eine zeitliche Überforderung, von allen Menschen zu verlangen, allein nach Wahrheit zu suchen. 

Wenn wir über eine Brücke gehen, machen wir vorher keinen Belastungstest; stattdessen vertrauen wir blindlings darauf, dass sie trägt. So wie es Fachleute braucht, eine tragfähige Brücke zu bauen, braucht es auch Expert:innen, die Fakten sammeln, sie zu Informationen zusammenführen und zielgruppengerecht aufbereiten. Deshalb muss unsere Frage jetzt lauten: Welche Mechanismen müssen wir entwickeln und verankern, damit Vertrauen in journalistische Angebote wächst?

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HdP: Was ist für Sie das Hauptmotiv, sich für die Woche der Pressefreiheit zu engagieren?

Drechsel: Bei TIDE sind wir der festen Überzeugung, dass ein öffentlicher Aushandlungsprozess die Grundfeste für die Demokratie ist. Basis dafür ist eine freie Meinungsbildung, die von der Pressefreiheit wesentlich gestützt wird. TIDE lädt alle Hamburger:innen ein, selbst Teil dieses Prozesses zu werden: Ohne jegliche Eingangsvoraussetzungen können alle Altersgruppen ungeachtet ihrer Herkunft in einem geschützten Umfeld bei TIDE Programm gestalten und die Meinungsvielfalt um mindestens die eigene Perspektive erweitern. Diese Idee wollen wir noch weiter in die Stadt tragen. Deshalb beteiligen wir uns an der Hamburger Woche der Pressefreiheit.

HdP: Wie könnte Ihrer Meinung nach das Bewusstsein für den Wert der Pressefreiheit in der breiten Öffentlichkeit besser geschärft werden?

Drechsel: Der Schlüssel liegt beim einzelnen Menschen. Wenn sich Menschen gesehen und wertgeschätzt fühlen, entsteht Empathie, Offenheit und Toleranz. Der subjektive Wert von Pressefreiheit würde gesteigert, wenn mehr Menschen sich von Redaktionen gesehen und wertgeschätzt fühlen. Diese "Beziehungsarbeit" wäre sinnvoll flankiert, wenn Journalismus viel häufiger besonnen gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen fundiert begleitete.

Zur Person

Alexander Drechsel ist Geschäftsführer und Chefredakteur von TIDE. Er ist seit 25 Jahren Journalist und sammelte Erfahrungen bei NDR, RSH und shz,  volontierte bei Spiegel Online und arbeitete dann bei Reuters, tagesschau.de/ARD-aktuell, Deutscher Welle und der SWR-Hörfunkredaktion Reporter und Recherche.