Am 11. Oktober beginnt die Hamburger Woche der Pressefreiheit, eine Initiative der Körber-Stiftung und der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, getragen von 60 Partner:innen. Bis zum 17. Oktober finden in der ganzen Stadt über 80 kostenfreie Veranstaltungen statt - u.a. offene Redaktionen, Faktencheck-Workshops, Journalisten-Gespräche und vieles mehr. Das ganze Programm: www.pressefreiheit.hamburg
Die Initiative #UseTheNews erforscht die Nachrichtennutzung und -kompetenz junger Menschen und entwickelt neue Informations- und Bildungsangebote. Gemeinsam mit Partnern aus Medien, Bildung und Forschung sucht sie Antworten auf die Frage, wie sich junge Menschen informieren und wie sie besser mit journalistischen Nachrichten zu erreichen sind.
HdP: Sehen Sie in Deutschland die Pressefreiheit aktuell als gefährdet oder zumindest eingeschränkt an?
Bitter: Die Pressefreiheit in Deutschland steht sicherlich zunehmend unter Druck. Ausschlaggebend ist hier vor allem, dass Medienschaffende von zunehmenden Bedrohungen auf der Straße und im Netz, von Hass und Diffamierung berichten.
Ein konkretes Beispiel ist der Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt: Dort wurden seit Mai 2026 laut dju bereits 46 dokumentierte Fälle von Übergriffen, Einschüchterungen und massiven Behinderungen der Berichterstattung gezählt. Zum Vergleich: Für das gesamte Jahr 2025 waren dort fünf Fälle registriert worden.
Pressefreiheit muss deshalb jeden Tag praktisch verteidigt werden: durch den Schutz von Journalistinnen und Journalisten, durch unabhängige Medien und durch eine Öffentlichkeit, die den Wert verlässlicher Berichterstattung versteht.
Vanessa Bitter (Copyright #UseTheNews)
HdP: Worin sehen Sie für unsere freie Gesellschaft und Demokratie die größte Gefahr: in mangelnder Medienkompetenz der Mediennutzer oder in zunehmender Desinformation durch Soziale Medien?
Bitter: Für mich bedingen sich beide Gefahren gegenseitig. Desinformation verbreitet sich besonders leicht, wenn Menschen Schwierigkeiten haben, Quellen und Absender einzuordnen. Gleichzeitig machen soziale Medien Falschinformationen durch ihre Reichweite und Empfehlungslogiken sichtbarer und wirksamer.
Deshalb brauchen wir beides: verantwortungsvollere Plattformen und mehr Nachrichten- und Informationskompetenz. Menschen müssen lernen, Informationen zu prüfen und einzuordnen. Diese Fähigkeiten sollten so früh wie möglich vermittelt werden – idealerweise schon im Grundschulalter, wenn Kinder zunehmend mit digitalen Informationen in Berührung kommen.
HdP: Was ist für Sie das Hauptmotiv, sich für die Woche der Pressefreiheit zu engagieren?
Bitter: Pressefreiheit darf für Menschen nicht abstrakt bleiben. Wir müssen aufzeigen, wie sich Pressefreiheit auf das tägliche Leben und unsere Demokratie auswirkt. Nur wer verlässliche Informationen bekommt und sie einordnen kann, kann sich eine eigene Meinung bilden und demokratisch mitwirken.
Das wird zum Beispiel bei unserem Newscamp im Museum der Arbeit zur Hamburger Woche der Pressefreiheit erlebbar. Schülerinnen und Schüler tauchen dort in die journalistische Arbeit ein, produzieren eigene Inhalte und setzen sich in Workshops unter anderem mit Faktenchecks, Podcasts, KI und Influencing auseinander. Sie lernen also nicht nur, wie Journalismus funktioniert, sondern erfahren auch, warum verlässliche Informationen und Pressefreiheit für ihren Alltag wichtig sind.
HdP: Wie könnte Ihrer Meinung nach das Bewusstsein für den Wert der Pressefreiheit in der breiten Öffentlichkeit besser geschärft werden?
Bitter: Das Schaffen von Transparenz und Dialog ist dafür ein entscheidender Faktor. Medien sollten regelmäßig erklären, wie sie arbeiten, und zeigen, welchen konkreten Nutzen unabhängiger Journalismus im Alltag hat. Pressefreiheit sollte nicht als abstraktes Medienthema erscheinen, sondern als Voraussetzung dafür, dass Menschen sich verlässlich informieren, mitreden und demokratische Entscheidungen nachvollziehen können.
Genau dafür setzen wir uns auch bei #UseTheNews ein und entwickeln Formate, die junge Menschen in ihrer Lebenswelt erreichen, ihre Perspektiven einbeziehen und ihnen die Bedeutung von Journalismus und Pressefreiheit niedrigschwellig und auf Augenhöhe vermitteln.
Zur Person
Vanessa Bitter ist seit Juni 2026 zusammen mit René Schmidt Co-Geschäftsführerin der UseTheNews gGmbH. Sie kam 2023 von der dpa zu UseTheNews, wo sie 2025 zum COO ernannt wurde.