Irmgard Keun

Als Schriftstellerin war Irmgard Keun eine wichtige Vertreterin der „Neuen Sachlichkeit“ und zudem eine selbstbewusste Journalistin. Als junge Autorin veröffentlichte sie gegen Ende der Weimarer Republik gleich zwei Bestseller, die allerdings nach der NS-Machtübernahme als „Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz“ verboten wurden. Nach Kriegsende arbeitete sie als Journalistin, schrieb Hörfunk-Beiträge und Feuilleton-Artikel sowie Texte fürs Kabarett.

Irmgard Charlotte Keun wurde am 6. Februar 1905 als Tochter eines Kaufmanns in Berlin-Charlottenburg geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie zunächst in Berlin. 1913 zog die Familie nach Köln, wo ihr Vater Teilhaber und Geschäftsführer der Cölner Benzin-Raffinerie geworden war. Dort besuchte sie das evangelische Mädchenlyzeum Teschner in Köln-Lindenthal und wechselte 1921 nach ihrer Mittleren Reife auf eine Handelsschule. Und lernte außerdem Stenographie sowie Maschineschreiben in der Berlitz School. Danach arbeitete sie kurzzeitig – wie viele der nach Selbständigkeit strebenden jungen Frauen – als Stenotypistin.

Von 1927 bis 1927 nahm sie Schauspielunterricht und bekam kurze Engagements in Greifswald und am Hamburger Thalia-Theater. Doch schon 1929 beendete sie die Schauspielerei und begann – ermutigt von Alfred Döblin, den sie bei einer Lesung kennengelernt hatte – literarische Texte zu schreiben.

Schon ihr erstes Buch – „‚Gilgi, eine von uns“ – über die damals beginnende weibliche Angestelltenkultur, über Liebe und Emanzipation wurde sofort ein Erfolg und machte sie auf Anhieb bekannt. Im Februar 1932 lobte Kurt Tucholsky alias Peter Panter die Autorin und ihr Buch in der Weltbühne: „Eine schreibende Frau mit Humor, sieh mal an! Irmgard Keun „Gilgi, eine von uns“. Ungleich, aber sehr vielversprechend. Am besten alle Szenen, in denen ein Mann vor einer Frau, die dieses aber gar nicht gern hat, balzt. Hier ist ein Talent. Wenn die noch arbeitet, reist, eine große Liebe hinter sich und eine mittlere bei sich hat – aus dieser Frau kann einmal etwas werden.“

Im April 1932 griff sie das Thema des bis dato noch von Männern gewohnten „Anbaggerns“, nun aber in einer Zeit des Geschlechterwandels, erneut voller Ironie auf, im Themenheft „Junge Mädchen heute“ der Zeitschrift Querschnitt. Ihren ► Artikel über das „System des Männerfangs“ kann man auszugsweise in dem Feature von Eva Pfister im Deutschlandfunk nachlesen:

1932 dann „Das kunstseidene Mädchen“ – auf Anhieb wieder ein Bestseller und überschwänglich gelobt. Wieder hatte sie darin gesellschaftskritisch und voller Ironie über Frauen geschrieben, die sich emanzipieren wollten und darum dem national-konservativen Frauenbild widersprachen. Nach der NS-Machtergreifung wurden ihre Bücher daraufhin als Asphaltliteratur verboten, auf die schwarze Liste gesetzt, beschlagnahmt und vernichtet. Keuns gewünschte Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer wurde 1936 endgültig abgelehnt, was einem Schreibverbot gleichkam.

So ging sie ins Exil, zunächst nach Ostende in Belgien und dann in die Niederlande. In dieser Zeit schrieb sie weitere Romane: 1936 „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ oder im Jahr darauf „Nach Mitternacht“ – eine satirische Beschreibung des Alltags voller Angst und Denunziationen im Nationalsozialismus. Diese neuen Bücher erschienen alle in deutschen Exilverlagen.

Zu ihren Freunden gehörten in jenen Exiljahren Hermann Kesten, ► Egon Erwin Kisch, Heinrich Mann, Ernst Toller oder Stefan Zweig. Mit ► Joseph Roth hatte sie eine Liebesbeziehung, arbeitete gemeinsam mit ihm und beide unternahmen miteinander Reisen nach Paris, Brüssel, Wilna, Lemberg, Warschau, Wien oder Salzburg. Sprachen aber auch gemeinsam kräftig dem Alkohol zu.

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht entschloss sie sich, nach Deutschland zurückzukehren, allerdings unter falschem Namen und mit falschen Papieren. Dabei half ihr auch eine Falschmeldung im Daily Telegraph: Auch sie habe wie andere deutsche Exilanten Selbstmord begangen. Bis 1943 lebte sie illegal und unerkannt im später weitgehend zerstörten Elternhaus in Köln-Braunsfeld, danach in Hönningen am Rhein.

Nach dem Krieg konnte sie nicht mehr an ihre Erfolge der Vorkriegszeit anknüpfen. Darum begann sie 1947 als Journalistin zu arbeiten, war zeitweilig für den Hörfunk des NWDR tätig und schrieb vor allem Feuilleton-Beiträge, medienkritische Glossen und Satiren sowie Kabarett-Texte. Vor allem geißelte sie den damals immer noch zu erlebenden deutschen Ungeist.

Aber die Traumata des Exils und ihres illegalen Lebens in Nazideutschland hatten tiefe Spuren hinterlassen. Ziemlich verarmt bekam sie bald Depressionen, wurde alkohol- und medikamentenabhängig und musste einige Jahre in der Psychiatrie leben. Erst gegen Ende der 70er Jahre verbesserte sich ihre finanzielle Lage, nachdem der stern in der Reihe „verbrannte Dichter“ auch ein Porträt von ihr veröffentlicht hatte, von Jürgen Serke verfasst. Nun wurden auch ihre Bücher wieder neu aufgelegt.

Kurz vor ihrem Tod wurde sie 1981 mit dem „Marieluise-Fleißer-Preis“ der Stadt Ingolstadt ausgezeichnet.

Irmgard Keun starb am 5. Mai 1982 im Alter von 77 Jahren an Lungenkrebs in Köln und wurde dort auf dem Melaten-Friedhof beigesetzt.

Im Kölner Rathausturm erinnert eine Sandsteinplastik an sie und in Berlin-Charlottenburg sowie in Bonn Gedenktafeln an ihren früheren Wohnsitzen.

 

(hhb)

 

Quellen

Liane Schüller: Keun, Irmgard Charlotte / Deutsche Biographie

Heidi Krementz: Irmgard Keun / Internetportal Rheinische Geschichte

Legendenumrankte Autorin

Irmgard Keun – Der kurze Erfolg / LektüreHilfe.de

Christiane Kopka: 5.5.1982 – Todestag von Irmgard Keun / WDR am 15.3.2017

Irmgard Keun – Dichter dran! / ARD 1 WDR am 14.12.2023

Spitze Feder, unangepasste Meinung, äußerst trinkfest - Vor 20 Jahren starb die Schriftstellerin Irmgard Keun

Keine von uns und keine von ihnen / FAZ vom 4.2.2005

Eva Pfister: Eine lange Nacht über Irmgard Keun / Deutschlandfunk 18.8.2018 und 6.3.2025

Hiltrud Häntzschel: Irmgard Keun / Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2001

Volker Weidermann: Ostende 1936. Sommer der Freundschaft /

Taschenbuch btb Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014

 

Bücher

Irmgard Keun: Gilgi, eine von uns / 1931  - inzwischen ein List-Taschenbuch

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen / 1932 -

Irmgard Keun: Nach Mitternacht / Ullstein Taschenbuch Verlag, Berlin 2002 und im Classen Verlag 2022