Egon Erwin Kisch

Egon Erwin Kisch war als Schriftsteller, Journalist und investigativer Reporter immer auf der Suche nach Wahrheit und den Hintergründen der Affären, die er aufgedeckt hatte. Aber beileibe kein oberflächlicher Klatschreporter, sondern ein so engagierter wie mobiler Rechercheur. Als „rasender Reporter“ wurde er auf diese Weise zum Vorbild für spätere Generationen. Auch wegen seiner Reisereportagen mit eindrucksvollen Milieuschilderungen oder wegen seiner zeitgeschichtlichen Ermittlungen und Berichte.

Kisch wurde am 29. April 1885 in Prag geboren. 1903 begann er ein Studium an der Technischen Hochschule Prag, wechselte aber bereits nach einem Semester zur deutschsprachigen Karl-Ferdinand-Universität, wo er Literaturgeschichte und mittelalterliche Philosophie studierte.

1904 wurde er zum Militärdienst einberufen, den er aufgrund von Konflikten mit seinen Vorgesetzten großenteils im Arrest absolvierte. Dort kam er auch erstmals mit sozialistischen Gegnern des Kaiserreichs in Kontakt. In „Das tätowierte Porträt“ beschrieb er seine dort ebenfalls eingebuchteten Kameraden so: Das waren „Freiheitsfanatiker, Antiautoritäre, Gleichheitsschwärmer, voller Hass gegen Duckmäuser und Streber und Militarismus, wenn auch nicht aus politischer Überzeugung oder aus sozial bewussten Gründen.“ Durch sie bekam er erste Einblicke in dieses Protest-Milieu.

Nach dem Militärdienst studierte er ein Semester an der privaten Wredesche Journalisten-Hochschule in Berlin, kehrte aber bald nach Prag zurück und wurde zunächst Volontär beim deutschsprachigen Prager Tagblatt. Nach wenigen Wochen engagierte ihn die führende Tageszeitung Bohemia als Lokalredakteur und Lokalreporter. Dort hatte er bald eine ständige Rubrik: „Prager Streifzüge“ und kam bei seinen Streifzügen auch mit der Prager Halb- und Unterwelt in Kontakt.

 

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Egon Erwin Kisch in Melbourne (1934)

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Kisch gehörte bald zur Prager Bohème um Kafka, Brod, Rilke oder Hasek. 1913 deckte er die Hintergründe um den Selbstmord des Obersten Alfred Redl auf. Als der Generalstab die Spionagetätigkeit Redls für Russland zu vertuschen suchte, machte Kisch Einzelheiten dieser Affäre bekannt.

Danach wechselte er nach Berlin zum Berliner Tageblatt, musste aber am Beginn des Ersten Weltkriegs zurück in sein Prager Regiment und an die serbische, später an die russische Front. Zuletzt war er Presseoffizier beim Oberkommando in Wien. In dieser Kriegszeit entstand sein Tagebuch „Schreib das auf, Kisch!“.

Nach Ende des Weltkriegs und dem Zusammenbruch der Monarchie war er als Mitglied illegaler Soldatenräte an der Ausrufung der „Republik Deutschösterreich“ beteiligt und wurde Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs. Ab 1919 arbeitete er aber wieder als Journalist, zunächst bei Der Neue Tag in Wien, wo er seinem lebenslangen Freund Joseph Roth begegnete. 1920 wurde er dort des Landes verwiesen und kehrte nach Prag zurück.

1921 zog er erneut nach Berlin, u.a. als Korrespondent der Brünner Tageszeitung und als Reporter für den Berliner Börsen-Courier, Die Weltbühne, die Rote Fahne sowie die Arbeiter-Illustrierte. Für seine Reportagen reiste er durch ganz Europa, in die Sowjetunion, in die USA oder nach Nordafrika. Dabei entstand sein Buch „Der rasende Reporter“.

Nach der Machtübernahme durch die Nazis wurde er verhaftet, aber auf Protest der Tschechoslowakei freigelassen und nach Prag abgeschoben. Fortan unterstützte er den Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Gemeinsam mit Heinrich Mann war er bei verschiedenen Schriftstellerkongressen aktiv sowie als Kriegsreporter und Agitator der Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg.

Ende 1939 floh er zunächst nach New York und im Jahr darauf mit seiner Frau nach Mexiko. Dort gründete er mit seinen im Exil lebenden Schriftstellerkollegen wie Anna Seghers, Alexander Abusch oder Ludwig Renn den „Heinrich-Heine-Club“ und verfasste Beiträge für deren Exilzeitung Freies Deutschland.

1946 kehrte er nach Prag zurück und engagierte sich erneut in der kommunistischen Partei. Kisch gilt heute als einer der bedeutendsten Journalisten, ein investigativer Reporter, der gefundene Informationen mit für den ihn typischen Milieuschilderungen verband.

Kisch starb am 31. März 1948 in Prag.

(hhb)