Joseph Roth gehört zweifellos zu den bedeutendsten Erzählern des 20. Jahrhunderts. Sein journalistisches Gesamtwerk ist dabei umfangreicher als sein erzählerisches – denn neben seinen literarischen Werken und Romanen verfasste er mehr als 1.300 Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften. Journalismus war sein „Bread-and-Butter-Job“ – damit hielt er sich anfangs über Wasser, später lebte er sehr gut davon, als Starjournalist der einflussreichen Frankfurter Zeitung.
Geboren wurde Joseph Roth am 2. September 1894 in Brody, einem „Schtetl“ in Ostgalizien, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Er wuchs vaterlos in seiner dort ansässigen jüdischen Kaufmannsfamilie auf. Zunächst besuchte er die Volksschule des Philanthropen Moritz Hirsch und ab 1905 das ebenfalls deutschsprachige Kronprinz-Rudolf-Gymnasium in Brody. 1913 legte er die Matura ab und übersiedelte nach Lemberg, wo er sich in der Universität immatrikulierte. Das Problem: Dort war Polnisch die Unterrichtssprache, weshalb er bereits zum Sommersemester 1914 zur Wiener Universität wechselte und dort ein Germanistik-Studium begann.
Joseph Roth war pazifistisch eingestellt und daher zunächst nicht unglücklich, als er zu Beginn des Ersten Weltkriegs als kriegsuntauglich gemustert worden war. 1916 erschienen erste Erzählungen und Gedichte von ihm; doch er spürte eine gewisse Isolation als Daheimgebliebener. Also meldete er sich im Mai 1916 als Einjährig-Freiwilliger zur Ausbildung bei einem Jägerbataillon in Wien. Offenbar in der Hoffnung, sein Studium nebenher fortsetzen zu können.
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Den Krieg erlebte er dann als Kriegsberichterstatter für eine Zeitung der 32. Infanterie-Division. Am Tag der Beisetzung von Kaiser Franz Joseph I. musste er mit anderen Soldaten entlang des Beerdigungszuges Spalier stehen. Die Niederlage und als Folge der Untergang seines Vaterlandes - die kontinuierliche Zerstückelung der einstigen K.u.K.-Doppelmonarchie der Habsburger – waren prägend für ihn und fanden später Widerhall in seinen Romanen.
Schon während seines Militärdienstes hatte Roth begonnen, auch Beiträge und Gedichte für die Zeitschriften Der Abend und Der Friede zu schreiben. Nach Kriegsende musste er sein Studium abbrechen und selbst für seinen Unterhalt sorgen. So veröffentlichte er journalistische Texte in der AZ am Abend oder in Die Filmwelt. Im April 1919 wurde er Redakteur bei der gerade gegründeten Wiener Tageszeitung Der Neue Tag, für die auch ►Alfred Polgar, ►Anton Kuh und ►Egon Erwin Kisch arbeiteten.
Ein Blatt, das „am Aufbau einer neuen Ordnung mitarbeiten wollte, im Dienste der Republik, der Demokratie, der sozialen Reform, der Erneuerung unseres öffentlichen Lebens.“ Dort schrieb Roth aber nicht über große Politik, sondern in der Rubrik „Wiener Symptome“ über den neuen Alltag im Nachkriegs-Wien: über Not und Elend und das Schicksal der Hungernden und Kriegsversehrten.
Als Der Neue Tag nach nur 15 Monaten sein Erscheinen einstellen musste, zog es Roth nach Berlin, in die deutsche Pressemetropole, wo damals mehr als 20 Tageszeitungen erschienen. Dort konnte er seine Artikel bald bei einigen Medien gegen Zeilenhonorar unterbringen: etwa in der Neue Berliner Zeitung, die 1922 zur sehr erfolgreichen Boulevardzeitung 12-Uhr-Blatt mutierte. Oder im linksliberalen Berliner Börsen-Courier. Auch schrieb er einige scharfe Glossen gegen aufkommende reaktionäre Tendenzen für den Vorwärts.
Ab Jahresbeginn 1923 wurde er Korrespondent für die Frankfurter Zeitung sowie für mehrere Wiener Zeitungen, für das Prager Tageblatt und den deutschsprachigen Pester Lloyd. Und sein erstes Romanfragment – „Das Spinnennetz“ – wurde in Fortsetzungen von der Wiener Arbeiter-Zeitung abgedruckt.
Bei der Zusammenarbeit mit der Frankfurter Zeitung kam es immer wieder zu Spannungen, speziell mit dem Feuilletonchef Benno Reifenberg. Denn Joseph Roths Feuilletons waren keinesfalls nur schöngeistige Essays – darin beschrieb er auch den gesellschaftlichen Wandel in jenen nicht unbedingt nur „goldenen 20er Jahren“. Er berichtete anschaulich über die großstädtische Lebenswirklichkeit.
In einem Brief an die Frankfurter Zeitung definierte Roth 1925 die Rolle des Feuilletons aus seiner Sicht so: „Das Feuilleton ist für die Zeitung ebenso wichtig wie die Politik und für den Leser noch wichtiger. Die moderne Zeitung wird gerade von allem anderen, nur nicht von der Politik geformt werden. Die moderne Zeitung braucht den Reporter nötiger als den Leitartikler. Ich bin nicht eine Zugabe, nicht eine Mehlspeise, sondern die Hauptmahlzeit ... Mich liest man mit Interesse. Nicht die Berichte aus dem Parlament, nicht die Telegramme ... Ich mache keine witzigen Glossen. Ich zeichne das Gesicht der Zeit. Das ist die Aufgabe einer großen Zeitung.“
Und daran hielt er sich. Mal als plaudernder Flaneur, dann als klarsichtiger Berichterstatter und Reporter. Und zwischendurch auch mal als scharfzüngiger Satiriker oder Kritiker. Das hat ihn zu einem der bestbezahlten Journalisten seiner Zeit gemacht.
Politisch festzulegen war er nicht. Sein Freund Géza von Cziffra beschreibt ihn in dem Büchlein „Der heilige Trinker“ so: „Er war Antikommunist. Aber er war auch Antifaschist, Antizionist, er war gegen die bürgerlichen Parteien, gegen die Bürokraten, gegen seine Feinde, gegen seine Freunde, und vor allem gegen sich selbst.“ Mit anderen Worten: Einfach war dieser Joseph Roth ganz sicher nicht – aber immer ein großartiger Formulierer und Fabulierer.
Für die Frankfurter Zeitung ging er dann als Korrespondent nach Paris. Als er dort von Friedrich Sieburg abgelöst wurde, arbeitete er für das Blatt als Reisereporter. Da berichtete er aus der Sowjetunion, aus Jugoslawien, Albanien, aus dem von Frankreich annektierten Saargebiet, aus Polen und zuletzt aus Italien.
Mitte 1929 kündigte er die Mitarbeit bei der FZ, angeblich um mehr Zeit zu haben für seine inzwischen erfolgreiche Arbeit als Romancier. So erschien 1929 sein Fragment „Der Stumme Prophet“ in der Literaturzeitschrift Die Neue Rundschau des Fischer Verlags. Doch zum Entsetzen von Freunden und Kollegen hatte er sich auch bei den national-konservativen Münchner Neuesten Nachrichten verdingt, wo er laut Vertrag für ein Monatsgehalt von 2.000 Mark nur zwei Artikel liefern musste. In den Medien hieß es, so sei er regelrecht vom Markt weggekauft worden, mit einem derart hohen Honorar, damit er keinesfalls noch für andere Blätter schreiben müsse.
Gegen solche Unterstellungen etwa in der Weltbühne setzte er sich zur Wehr: „Wo immer ich schreibe, wird es ‚radikal‘, das heißt: hell, klar und entschieden. Fremd und verhaßt ist mir die subalterne Anschauung, die Institution wäre stärker als der Schriftsteller.“ Und: „Niemals habe ich die ‚Weltanschauung‘ irgendeiner Zeitung, in der ich gedruckt war, geteilt oder gar repräsentiert. Der anständige Radikalismus, den in der Frankfurter Zeitung mit mir noch zwei, drei Freunde vertreten und repräsentiert haben, ist nicht der ‚Radikalismus‘ der Frankfurter Zeitung.“
Doch schon im Jahr darauf war er wieder für die FZ tätig. Seine Erklärung: „Sie ist mein einziger heimatlicher Boden und ersetzt mir so etwas wie ein Vaterland und ein Finanzamt. Ich will nur Zeit haben für meine Bücher.“ Weitere Artikel von ihm findet man damals noch im Satiremagazin Der Drache oder in Das Tagebuch.
Ab 1930 erschienen dann seine Erfolgsromane „Hiob“, „Radetzkymarsch“ und „Die Kapuzinergruft“. „Hiob“ über den Leidensweg eines orthodoxen Thoralehrers von Russland ins amerikanische Exil; „Radetzkymarsch“ als Requiem über den Verfall des Hauses Habsburg; „Die Kapuzinergruft“ danach schon aus dem Exil.
„Hiob“ war von September bis Oktober 1930 zunächst als Vorabdruck in der Frankfurter Zeitung erschienen; „Radetzkymarsch“ kam Ende September/Anfang Oktober 1932 auf den Markt. Beide Werke wurden nach Hitlers Machtergreifung prompt bei der Bücherverbrennung in die Flammen geworfen. „Die Kapuzinergruft“ konnte 1938 nur vom holländischen Verlag De Gemeenschaft verlegt werden. Das Schlusskapitel daraus, „Der schwarze Freitag“ wurde am 23. April 1938 von der Exilzeitschrift Das Neue Tagebuch veröffentlicht.
Joseph Roth hatte Deutschland bereits am 30. Januar 1933 verlassen, als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, nach Frankreich ins Exil, wo er schon 1925 als Auslandskorrespondent für die Frankfurter Zeitung in Paris gearbeitet hatte. An Stefan Zweig schrieb Roth im März 1933: „Machen Sie sich keine Illusionen. Die Hölle regiert.“ Ein gutes Jahr danach, am 6. Juli 1934, vertiefte er diese seine Sicht als generelle Warnung im Pariser Tageblatt:
Das Dritte Reich, die Filiale der Hölle auf Erden
Seit siebzehn Monaten sind wir nun an die Tatsache gewöhnt, daß in Deutschland mehr Blut vergossen wird, als die Zeitungen Druckerschwärze verbrauchen, um über dieses Blut zu berichten. Wahrscheinlich ist, daß der Herr der deutschen Druckerschwärze, der Minister Goebbels, mehr Leichen auf dem Gewissen hat, wenn er eines besäße, als er Journalisten zu seiner Verfügung und zu dem Zweck hat, den größten Teil der Toten totzuschweigen. Denn man weiß, daß die Aufgabe der deutschen Presse darin besteht, nicht Tatsachen zu veröffentlichen, sondern sie zu verheimlichen; Lügen nicht nur zu verbreiten, sondern auch zu suggerieren; die Welt – den kümmerlichen Rest der Welt, der noch eine öffentliche Meinung hat – nicht nur irrezuführen, sondern ihm auch noch die falschen Nachrichten mit einer verblüffenden Naivität aufzudrängen. Noch nie, seit auf dieser Erde Blut vergossen wird, hat es einen Mörder gegeben, der seine blutigen Hände in so viel Druckerschwärze gewaschen hätte. Noch nie, seitdem in dieser Welt gelogen wird, hat ein Lügner so viel mächtige Lautsprecher zur Verfügung gehabt. Noch nie, seitdem in dieser Welt Verrat begangen wird, ward ein Verräter von einem anderen, noch größeren verraten, hat man einen solchen Wettstreit der Verräter gesehen. Aber auch noch niemals ward jener Teil der Welt, der noch nicht in der Nacht der Diktaturen versunken ist, dermaßen von dem roten Höllenglanz der Lüge geblendet, dermaßen von dem Gebrüll der Lüge betäubt und schwerhörig gemacht wie jetzt. Denn seit Jahrhunderten ist man gewohnt, die Lüge auf leisen Sohlen schleichen zu hören. Die epochale Erfindung der modernen Diktaturen aber besteht darin, daß sie die lärmende Lüge geschaffen haben, in der psychologisch richtigen Voraussetzung, daß man dem Geräuschvollen Kredit gewährt, den man dem Leisen versagt. Seit dem Ausbruch des Dritten Reiches hat die Lüge, dem Sprichwort zum Trotz, lange Beine bekommen. Sie folgt nicht mehr der Wahrheit auf den Fersen, sie läuft der Wahrheit voraus. Wenn man Goebbels eine geniale Leistung anmerken soll, so diese: Er hat es vermocht, die offizielle Wahrheit genauso hinken zu lassen, wie er selber hinkt. Seinen eigenen Klumpfuß hat er der offiziellen deutschen Wahrheit verliehen. Es ist kein Zufall, sondern ein bewußter Witz der Geschichte, daß der erste deutsche Propagandaminister hinkt ...
Aber dieser sinnreiche Einfall der Weltgeschichte hat die ausländischen Berichterstatter bis jetzt nur selten überzeugt. Denn es ist falsch zu glauben, daß Journalisten aus England, aus Amerika, aus Frankreich usw. den Laut- und Lügensprechern Deutschlands nicht anheimfallen. Auch Journalisten sind Kinder ihrer Zeit. Es ist eine Illusion, daß die Welt eine richtige Vorstellung vom Dritten Reich habe. Der Berichterstatter, der auf die Tatsachen zu schwören hat, beugt sich vor dem Fait accompli andächtig wie vor einem Götzen, diesem Fait accompli, das sogar die regierenden und mächtigen Politiker, Monarchen und Weise, Philosophen, Professoren und Künstler anerkennen. Noch vor zehn Jahren wäre ein Mord, gleichgültig wo und an wem begangen, der Schrecken der Welt gewesen. Seit Kains Zeiten fand das unschuldige Blut, das zum Himmel schrie, auch auf Erden Gehör. Noch der Mord an Matteotti – es ist gar nicht so lange her! – erweckte Grauen unter den Lebendigen. Aber seitdem Deutschland mit seinen Lautsprechern den Schrei des Blutes übertönt, wird dieser nur mehr im Himmel wahrgenommen, auf Erden aber als gewöhnliche Zeitungsnachricht verbreitet. Man hat Schleicher und seine junge Frau ermordet. Man hat Ernst Röhm und viele andere ermordet. Viele unter ihnen waren Mörder. Aber nicht eine gerechte, sondern eine ungerechte Strafe hat sie ereilt! Klügere, geschwindere Mörder haben die weniger klugen und langsameren Mörder gemordet. In diesem Dritten Reich schlägt nicht nur der Kain den Abel tot; sondern auch der Über-Kain den einfachen Kain! Es ist das einzige Land dieser Welt, in dem es nicht schlechthin Mörder, sondern zur Potenz erhobene Mörder gibt. Und, wie gesagt: das vergossene Blut schreit zu jenem Himmel, in dem die Berichterstatter (irdische Wesen) nicht sitzen. Sie sitzen in den Pressekonferenzen des Goebbels. Sie sind nur Menschen. Betäubt von den Lautsprechern, verblüfft von der Geschwindigkeit, mit der plötzlich, allen natürlichen Gesetzen zum Trotz, eine hinkende Wahrheit zu laufen beginnt und die kurzen Beine der Lüge sich dermaßen verlängern, daß sie im Sturmschritt die Wahrheit überholen, berichten diese Journalisten der Welt nur das, was ihnen in Deutschland mitgeteilt wird, und viel weniger von dem, was sich in Deutschland ereignet.
Kein Berichterstatter ist einem Lande gewachsen, in dem, zum ersten Mal seit der Erschaffung der Welt, nicht nur etwa physische, sondern auch metaphysische Anomalien wirken: monströse Höllengeburten; Krüppel, die laufen; Mordbrenner, die sich selbst verbrennen; Brudermörder, die Mörderbruder sind; Teufel, die sich in den eigenen Schwanz beißen. Es ist der siebente Kreis der Hölle, dessen Filiale auf Erden den Titel trägt:
„Das Dritte Reich“. (im Pariser Tageblatt vom 6. Juli 1934)
Und er blieb weiterhin produktiv. Seine Bücher erschienen in Exilverlagen oder im christlichen Verlag De Gemeenschaft in den Niederlanden. Und als Journalist arbeitete er für die Exilzeitschrift Das neue Tage-Buch.
Den Anschluss Österreichs an Hitlers „Drittes Reich“ kommentierte Roth am 20./21. März 1938 in dem deutschsprachigen Exilblatt Pariser Tageszeitung gleichermaßen bissig wie hellsichtig: „Der apokalyptische Redner: Die Propaganda des Dritten Reiches – eine Weltgefahr.“
Am 11. März 1938 befahl Hitler den Einmarsch deutscher Truppen in Österreich, der – um bei der Wahrheit zu bleiben – damals von vielen Österreichern bejubelt wurde. Was kein Wunder war, denn besagter "Anschluss" war zuvor propagandistisch gut vorbereitet worden.
Dazu ein paar Fakten: Im Februar 1938 wollte Hitler den österreichischen Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg bei einem Treffen zwingen, die in Österreich verbotenen Nationalsozialisten wieder zuzulassen und sie darüber hinaus an seiner Regierung zu beteiligen. Sie sollten das Innenministerium und damit die Polizeigewalt übernehmen, um so die Mittel für eine Machtübernahme auch in Österreich zu haben.
Schuschnigg versuchte das zu verhindern und beraumte für den 9. März 1938 eine Volksabstimmung „Für ein freies und deutsches, unabhängiges und soziales, für ein christliches und einiges Österreich!“ an. Im darauf folgenden Ultimatum drohte Hitler mit dem Einmarsch in Österreich und verlangte die Übergabe der Regierungsgewalt an den Nationalsozialisten Arthur Seyß-Inquart.
Schuschnigg trat am 12. März zurück, nachdem sein Hilfegesuch an die europäischen Mächte ungehört blieb. Weil die noch immer an die von Hitler und Goebbels in alle Welt propagandistisch hinausposaunten Friedensversprechen glaubten. Was zu ihrer ja letztendlich gescheiterten Appeasement-Politik geführt hatte.
Mit solchen NS-Propagandalügen hat sich Joseph Roth auf bissige aber auch hellsichtige Weise in der Exilzeitung Pariser Zeitung am 20./21. März 1938 auseinandergesetzt.
Der apokalyptische Redner
Die Propaganda des Dritten Reiches – eine Weltgefahr
I. Den Deutschen blieb es vorbehalten – dank dem unerforschlichen Beschluß Gottes - das diabolische Element in die Politik einzuführen, und zwar durch jenen ihrer Minister, der in Gebärde, Antlitz und Gebrest vom Schicksal und von der Hölle gezeichnet, nicht nur über den Lautsprecher zu verfügen hat, sondern auch der personifizierte Lautsprecher ist. Die Stimme der Wahrheit ist leise, die Stimme der Lüge laut. So wenig sicher ist die Lüge ihrer selbst, daß sie gewaltig schreien muß: als wollte sie sich selbst übertönen.
Wenn es wahr ist, daß Gott demjenigen Verstand verleiht, dem er ein Amt gibt, so gibt der Teufel jenen, die er zu seinen Ministern ernennt, die übernatürliche Macht, die Wahrheit mit Erfolg zu leugnen und zu entstellen. Die Verleugnung und Entstellung der Wahrheit ist gefährlicher als die glatte Lüge, weil diese bricht, jene aber nur auf eine umständliche Weise einem Dementi begegnen kann. Die Entstellung der Wahrheit erfolgt in jüngster Zeit durch die Übertreibung oder die glatte Negierung der Wirklichkeit. Das ist das Geheimnis, die Methode des Propagandaministers Goebbels. Hier grenzt (gestehen wir es offen) das Diabolische an das Geniale.
Das Dritte Reich war der erste Staat, der ein ‚Propagandaministerium‘ eingeführt hat, als wäre sein Land eine Seifenfabrik. Wenn die Welt kritischer gewesen wäre und weniger wohlwollend gegenüber legalisierten Briganten, so hätte sie einfach durch die Tatsache, daß ein Staat Propaganda macht – und durch nichts anderes –, gegen diesen Staat mißtrauisch werden müssen. Heute, da die Welt dem extra Propagandaminister aller Zeiten Gehör und Glauben geschenkt hat und ihr Gehör betäubt wurde und ihr Glaube getäuscht, ist sie genötigt, ebenfalls Propaganda zu treiben. Da sie aber relativ wahrheitsliebend ist und noch keinen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, wird sie die Meisterschaft des deutschen Propagandaministers nur durch sittliche Mittel erreichen. Die Wahrheit bedarf einer Propagierung, aber keiner ‚Propaganda‘. Übrigens – es sei in Klammern gesagt – hat das von der Sprachreinigungswut befallene Dritte Reich bezeichnenderweise noch keinen adäquaten Ausdruck für das Fremdwort ‚Propaganda‘ gefunden. Und das hätte doch des Goebbels erste Aufgabe sein müssen ... Die adäqute Übersetzung hätte wohl lauten können: ‚Ministerium für Entstellung und Verleumdung‘. Aber der Teufel liebt, wie man weiß, keine Klarheit. Wir lieben sie und wollen infolgedessen versuchen, die Goebbelschen Methoden zu analysieren.
II. Die Propaganda des Ministers Goebbels erstreckt sich:
Was Propaganda im Inland betrifft, so gelten folgende Grundsätze:
Die für das Ausland bestimmte Propaganda stützt sich nicht nur auf die vier für das Inland geltenden Grundsätze, sondern auch noch auf die folgenden:
Man sieht: diese Methoden sind plump, aber wirksam. Seitdem es Heiratsschwindler gibt, haben sie den Frauen (besonders jenen im reiferen Alter) gegenüber die gleichen Methoden angewendet: Vertuschung, Leugnung, Erhitzung, Übertreibung, Schmeichelei, Drohung und unauffällige Beeinflussung. Dies sind die Kunststücke des deutschen Propagandaministeriums.
Eklatant sind die Folgen der Goebbelschen Propaganda in Österreich. Es scheint mir nicht allzu kühn, zu behaupten, daß an dem tragischen Schicksal Österreichs Goebbels ebensoviel Schuld hat wie Hitler. Man erinnere sich, daß das Juli-Abkommen von 1936 zunächst von einem sogenannten ‚Pressefrieden‘ zwischen Österreich und Deutschland eingeleitet worden ist. Es ist System darin, es ist Goebbels‘ ewige Walze: Zuerst hängt man der Presse des Landes, mit dem man verhandelt oder das man erobern will, eine Art Höflichkeitsmaulkorb an. Man erinnere sich, daß Hitler, in vielem ein eifriger Schüler seines Knechtes Goebbels, von der englischen und französischen Regierung verlangt hat, sie möchte die Presse zu Deutschlands Gunsten zensieren. Das ist Goebbels erstes Propagandageschoß. Damit pflegt er die Offensive zu eröffnen.
Unangenehme ausländische Berichterstatter bedroht er mit der Ausweisung. Es ist eines seiner infamsten Mittel. Er weiß wohl, daß die private Existenz des Journalisten oft von seiner Tätigkeit in einem bestimmten Lande abhängt und daß im sogenannten Interesse der sogenannten guten Beziehungen zwischen den Staaten die Redaktion des ausländischen Blattes versuchen wird, einen anderen, den Goebbels genehmeren Korrespondenten nach Berlin zu schicken. Noch eine andere Methode dieses wahrhaftig infamosen Propagandaministers besteht darin, daß er Korrespondenzen, Text und Photographien umsonst oder lächerlich billig an Zeitungen verschickt. Und man weiß, wieviel man mit Photos lügen kann, den sogenannte ‚dokumentarischen‘ Belegen. Man kann, wie man weiß, auch Photographien ‚retuschieren‘. So konnte man zum Beispiel vor einigen Tagen in einer Pariser Zeitung ein Photo von General Gamelin sehen, das eher einer Karikatur gleich war, und daneben ein Photo von deutschen Generälen, die ihre ganz fürchterliche Pracht sogar über den Text aller vier Zeitungsspalten verbreiteten. Kein Wunder! Die Photo-Agenturen aller Länder stehen in einem Austauschverkehr, und solange die Weltpresse die Goebbelschen Photo-Agenturen nicht boykottiert, wird es immer wieder in ausländischen Zeitungen Illustrationen geben, die ein falsches, pseudo-dokumentarisches Bild von Vorgängen und Personen liefern.
Man hat es eben schaudernd erlebt: Österreichs Untergang hat mit dem sogenannten ‚Pressefrieden‘ begonnen. Die österreichischen Zeitungen durften die Wahrheit über Deutschland nicht sagen. Aber die deutschen Zeitungen, die über die Zustände in Österreich Lügen brachten, wurden wohl in Österreich gelesen. Einige wichtige Zeitungen wollen sich „das deutsche Geschäft nicht verderben“ und wagen also nicht, die ganze Wahrheit zu berichten. Wenn man die Wahrheit über Deutschland erfahren will, so muß man – ein grotesker Zustand! – zu jenen Blättern greifen, die in Deutschland verboten sind. Und die Wahrheit schreiben – aber post festum, wenn man sich in diesem Fall zynisch ausdrücken darf – können nur jene Korrespondenten, die von Goebbels ausgewiesen sind ...
Auf die Dauer wird dieser kleinste Literat mit dem größten Lautsprecher nicht nur die Zeitungen seiner Heimat, sondern auch die vieler anderer Länder in Vertuschungsorgane umgewandelt haben.
III. Von den gröbsten Mitteln der Goebbelschen Propaganda: Kino und Rundfunk, braucht man nichts Näheres zu sagen.
Wichtiger, weil der weiteren Öffentlichkeit unbekannt, sind die sogenannten ‚kulturellen Austauschbeziehungen‘. Wenn ein fanatischer Analphabet wie Baldur von Schirach nach Paris eingeladen wird, um ausgerechnet einen Vortrag über Goethe zu halten, so ist es ebenfalls ein Pfeil aus dem Propagandaköcher des kleinen Goebbels. Er wird auch ‚Deutsche Musik-Wochen‘ in Paris und London erfinden, Bayreuth nach dem Bois de Boulogne und dem Hyde Park verlegen. Mit den Bildern geht’s leichter. Der Führer und Kunstmaler hat sie verboten ...
Bei all dem ist er gar nicht so streng, der Doktor Goebbels! Juden dürfen germanische Filme produzieren, germanische Bücher herausgeben. Non olet!
Man täusche sich nicht darüber, daß Goebbels ebenso gefährlich ist wie Hitler, Goebbels ist der Radio-Herold Hitlers. Er redet ihm sozusagen voran. (Reiten können sie alle beide nicht ...)
Habe ich früher „Non olet“ gesagt? Ja, es bezog sich auf jüdisches Geld. Nicht auf Goebbels ...
Transkript eines Artikels von Joseph Roth in der deutschsprachigen Exilzeitung Pariser Tageszeitung am 20./21. März 1938
Aber seine Gesundheit verschlechterte sich zuletzt rapide, auch infolge seiner Trunksucht. Am 27. Mai 1939 starb er an einer Lungenentzündung, verstärkt durch ein Delirium tremens. Seine Frau Friedl wurde 1940 im Zuge des Euthanasie-Projekts in der NS-Tötungsanstalt Hartheim bei Linz vergast.
(hhb)
Quellen:
Roth, Moses Joseph (Pseudonym Cuneus, Hamilkar, Christine von Kandl, Josephus, Der rote Joseph) / Neue Deutsche Biographie
Joseph Roth in LEMO Lebendiges Museum Online
Heinz Lunzer: Joseph Roth - Biographie / Literaturhaus Wien
Joseph Roth in Wien Geschichte Wiki
Petra Herczeg: Joseph Roth / Journalistikon – Wörterbuch der Journalistik
Marcel Reich-Ranicci: Diese eigenartige, wundersame Kindlichkeit / FAZ vom 6.4.2010
Beatrix Novy: Vom Untergang der alten Welt / Deutschlandfunk 2.9.2019
Bücher:
Joseph Roth: Werke in 6 Bänden – Band 1 -3 Das journalistische Werk ; Herausgeber Klaus Westermann / Kiepenheuer & Witsch 1989-91
Helmuth Nürnberger: Joseph Roth / rororo-Monographie
Günther Gillessen: Auf verlorenem Posten – Die Frankfurter Zeitung im Dritten Reich / Siedler-Verlag
Volker Weidermann: Ostende 1936. Sommer der Freundschaft / Taschenbuch btb Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014