Eugen Prager

Der sozialdemokratische Publizist Eugen Prager arbeitete als Journalist, Redakteur und Chefredakteur für mehrere Zeitungen und beteiligte sich dabei stets an den innerparteilichen Diskussionen über Partei-Reformen. Was schließlich zur Gründung einer Opposition in der SPD führte, zur links orientierten U.S.P.D. Über die er später eine erste Geschichte verfasste.

Eugen Prager wurde am 31. Mai 1876 in Bosatz bei Ratibor in Oberschlesien geboren, wo seine jüdisch-liberale Familie an einer Herrenkonfektions-Firma beteiligt war. Er besuchte die Mittelschule und absolvierte eine Lehre zum Handlungsgehilfen.

Nach seiner Militärzeit schloss er sich der Arbeiterbewegung an und trat in die SPD ein. Er wurde Mitglied des Zentralverbands der Handlungsgehilfen, trat dort als Referent auf und wurde bald zum Vorsitzenden der Ortsgruppe Breslau gewählt. Nach einer ersten Theaterkritik für die Breslauer Parteizeitung Volkswacht animierte man ihn, freier Mitarbeiter für das Parteiorgan zu werden. Prager, der sich immer autodidaktisch weitergebildet hatte, schrieb für die Volkswacht von nun an Artikel zu kulturellen Themen – Rezensionen über Theateraufführungen, über neue Bücher oder Ausstellungen.

1906 heiratete Prager die aus Hamburg stammende Frieda Orchudesch, die sich damals engagiert für Frauenrechte einsetzte und dem Zionismus nahestand. Nun wechselte Eugen Prager als festangestellter Redakteur zur sozialdemokratischen Zeitung Offenbacher Abendblatt. Das Abendblatt war neben der Nürnberger Parteizeitung das einzige Parteiorgan, das schon 1874 gegründet worden war, also noch vor dem Sozialistengesetz. Das eher sozial-konservative Blatt wurde damals von Carl Ulrich geleitet, dem späteren Staatspräsidenten von Hessen.

 

Durch seine Frau lernte Prager in dieser Zeit Clara Zetkin und August Bebel kennen. Im Oktober 1907 wechselte er erneut, nun zum SPD-Blatt Rheinische Zeitung in Köln, wo er die Ressorts Gewerkschaften, Soziales und Gerichtsreports leitete. In Köln gehörte er ab 1910 dem Bildungsausschuss im Parteivorstand an und organisierte zusammen mit den Gewerkschaften Kulturveranstaltungen.

Wegen eines Pressevergehens – zwei Offiziere hatten sich durch einen Artikel in der Rheinischen beleidigt gefühlt – wurde er 1911 zu einem Monat Haft verurteilt. Besagter Artikel stammte zwar nicht aus seiner Feder, er aber war für besagte Ausgabe laut Impressum verantwortlich und wurde so zum „Sitzredakteur“.

Prager hatte sich im streng katholischen Köln – im Volksmund gern als „deutsches Rom“ bezeichnet – nie so richtig zuhause gefühlt und bewarb sich daher als Chefredakteur bei der Erfurter Parteizeitung Tribüne. Dort lebte er wieder allein, denn seine Frau hatte sich wegen politischer Meinungsverschiedenheiten von ihm scheiden lassen – er sei halt nur Sozialdemokrat, sie aber wurde bald Kommunistin.  

Prager sorgte bei der Tribüne für eine Modernisierung des Layouts sowie für mehr Aktualität und erhöhte die Zahl der Leit- und Meinungsartikel. Zur freien Mitarbeit gewann er Persönlichkeiten wie Karl Kautsky, aber auch ► Rosa Luxemburg oder Franz Mehring, die eher für das linke Parteispektrum standen.

Der nächste Wechsel erfolgte im April 1914. Da hatte ihn der gelegentlich kränkelnde Chefredakteur Hans Block als Stellvertreter zur Leipziger Volkszeitung gelockt, damals ein auflagenstarkes und wichtiges Organ in der sozialdemokratischen Parteipresse. Für Prager ein klarer Aufstieg.

Dem beginnenden Ersten Weltkrieg stand man in der Redaktion kritisch gegenüber. Man lehnte vor allem die Kriegskredite ab, die vom SPD-Parteivorstand mitgetragen wurden. Denn auch für Block und Prager handelte es sich keinesfalls um einen Verteidigungs- sondern um einen Angriffskrieg. Am 24. Juli 1914 war im Blatt diese Warnung zu lesen: „Ein Weltkrieg ist die Entfesselung der Hölle für die Völker Europas, insbesondere aber für die Ausgebeuteten und Unterdrückten.“ Beide Chefredakteure gehörten dann mit weiteren Redakteuren des Blattes zu den Unterzeichnern eines Aufrufs, den ► Karl Liebknecht im Juni 1915 an die Reichstagsfraktion der SPD richtete – mit der Forderung, sie möge ihre sog. „Burgfriedenspolitik“ beenden und über ein annexionsloses Kriegsende verhandeln. Dieser Aufruf wurde als „Gebot der Stunde“ im Blatt veröffentlicht – so unterstützte man in der Volkszeitung die Opposition an der aktuellen Parteilinie.

Was schließlich drei Jahre später zur Parteispaltung führte. Der 1917 gegründeten U.S.P.D. trat Prager sofort bei, zusammen mit fast der gesamten Leipziger Sozialdemokratie. Damit wurde die Leipziger Volkszeitung gewissermaßen über Nacht zum inoffiziellen Partei-Organ der U.S.P.D. Über diese Entwicklung schrieb Prager 1921 einen zeithistorischen Bericht: „Geschichte der U.S.P.D.“. Er schilderte darin auch seine ihn selber desillusionierenden Erfahrungen mit der SPD-Politik im Ersten Weltkrieg.

Auch der 41-jährige Prager, der im Juli 1915 Gertrud Friedländer geheiratet hatte, wurde im August 1917 noch zum Militär einberufen – war aber bereits im April 1918 wieder zurück in der Redaktion. Nach der Novemberrevolution wandte er sich klar gegen die neu gegründete KPD, weil sie russische Verhältnisse auf Deutschland übertragen wolle. Er plädierte für eine sozialistische Gesellschaft, die von unten her von Arbeitern getragen wird – aber keinesfalls für ein „Leninistisches Modell“.

1919 wechselte Prager vom bisher inoffiziellen zum nun offiziellen Zentralorgan der U.S.P.D. – zur Freiheit, die in Berlin herausgegeben wurde. Auch dort blieb er seiner Überzeugung treu: kein Anschluss an die Kommunistische Internationale. Ein Streit, der schließlich auch die U.S.P.D. zerriss.

Pragers „Geschichte der U.S.P.D.“ erschien im Herbst 1921 – eine Streitschrift, die mehrere Auflagen und Nachdrucke erreichte. Am 27. März 1922 trat die Redaktion der Freiheit zurück; Prager war vorübergehend arbeitslos, blieb aber durch sein Buch ein bekannter Name in der Arbeiterbewegung. Später begann er, wie mehrere andere Redakteure der Freiheit, die einen gemäßigten Kurs vertreten hatten, beim Vorwärts.

Der veröffentlichte am 2. Oktober 1924 einen Leitartikel von Prager: „Armes Europa!“ Ein ökonomischer Vergleich zwischen den USA und den zerstrittenen europäischen Staaten. Prager plädierte für den Abbau von Zollschranken und ein politisches Zusammenwachsen der Demokratien in Europa. Und plädierte für einen Staatenbund „All-Europa“ – seine Vision eines geeinten Europas.

Ab 1925 arbeitete Prager als Parlamentsjournalist und gab bis 1933 den Sozialdemokratischen Pressedienst mit Berichten aus dem Reichstag heraus. Parallel dazu wurde er verantwortlicher Redakteur des Der Abend – Spätausgabe des Vorwärts, der ab Ende Februar 1928 erschien und sich scharf gegen den Nazismus wandte.

Das Verbot des Vorwärts nach der NS-Machtübernahme war dann auch das Aus für den Abend.

Nach dem Reichstagsbrand zertrümmerte die SA seine Wohnung und nahm alles mit, was nicht niet- und nagelfest war: seine umfangreiche Bibliothek sowie viele Einrichtungsgegenstände. Um zu überleben begann er mit einem Presseausschnitt-Büro und einem kleinen Nachrichtendienst fürs Ausland – alles unter dem Namen seiner Frau. Er schrieb unter Pseudonym Artikel für die Exilpresse. Ihre drei Kinder konnten Mitte der 30er Jahre nach Palästina auswandern, wo die Eltern sie 1937 noch besuchen konnten. Ihre eigene Auswanderung aber scheiterte an den Einreisebestimmungen der Briten. So wurden Gertrud und Eugen Prager am 25. Januar 1942 von Berlin nach Riga ins dortige Ghetto transportiert und noch im selben Jahr ermordet.

 

(hhb)

 

Quellen

Ilse Fischer + Rüdiger Zimmermann: Unsere Sehnsucht in Worte kleiden ( über das Leben von Eugen Prager)

Stolpersteine in Berlin

Lothar Pollähne: Vor 75 Jahren: Vorwärts-Redakteur Eugen Prager in Riga ermordet / vorwärts am 21.2.2017

Walter Mühlhausen: „Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten“ – woher kommt der Ruf? / vorwärts vom 16.12.2021

 

Bücher + Schriften

Eugen Prager: Geschichte der USPD / Dogma Verlag

Eugen Prager: Die ‚Parteimaschinerie‘ und die Zeitung - 1928 / Friedrich-Ebert-Stiftung

Eugen Prager : Die Legende vom Münzenberg-Konzern / zwei Artikel aus dem Jahr 1929