Karl Radek war ein begabter Journalist, ein Revolutionär und ein im Sozialismus fest verankerter Pazifist. Als Publizist setzte er sich engagiert für die Bedürfnisse der Arbeiterklasse in Polen, Deutschland und in der Sowjetunion ein sowie für ein friedliches Miteinander in Europa – vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg.
Karol Sobelsohn wurde am 31. Oktober 1885 als Sohn eines jüdischen Postbeamten in Lemberg/Galizien geboren, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. In seiner Familie wurde Deutsch gesprochen, weil die Familie sich an der deutschen Kultur orientierte.
Karol war Atheist und nannte sich daher Karl Radek. Schon als Gymnasiast hatte er Kontakt zur polnischen Arbeiterbewegung und begann, für deren Zeitungen zu schreiben. 1902 bis 1903 studierte er Jura in Krakau, wurde 1904 Mitglied der SDKPiL, der sozialdemokratischen Partei im Königreich Polen und Litauen und arbeitete in diesen Jahren für sozialistische Zeitungen wie Czerwony Sztandar.
1905/06 beteiligte sich Radek an der russisch-polnischen März-Revolution in Warschau, das damals zum russischen Zarenreich gehörte, zusammen mit ► Rosa Luxemburg und Leo Jogiches. Radek wurde daraufhin von den zaristischen Behörden ein Jahr lang inhaftiert.
Überführung des in Lausanne ermordeten russischen Botschafters in Rom Worowski über Berlin nach Moskau. Die Mitglieder der Berliner russischen Botschaft hinter dem Sarg. (1) der russische Botschafter in Berlin Krestinsky, (2) Karl Radek.
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1907 emigrierte Radek nach Deutschland und trat in die SPD ein, wo er zum linken radikalen Flügel gehörte. Als Spezialist für Außenpolitik arbeitete er freiberuflich für mehrere sozialdemokratische Blätter, für den Vorwärts, die Bremer Bürgerzeitung, die Leipziger Volkszeitung, die Dortmunder Arbeiterzeitung oder die Neue Zeit. Auch mit seiner Untersuchung "Der deutsche Imperialismus und die Arbeiterfrage" fand er große Beachtung.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs hatte er sich in die Schweiz zurückgezogen und dort Kontakt zu Lenin aufgenommen, der hier im Exil lebte. 1915 versuchten die unterschiedlich radikal eingestellten Sozialdemokraten aus ganz Europa ihre bei Kriegsausbruch durch die verschiedenen Interessen gescheiterte Internationale wieder zu beleben. In einer Arbeitsgruppe, vom Schweizer Sozialdemokraten Robert Grimm zusammengetrommelt – für dessen Zeitung Berner Tagwacht hatte Radek unter dem Pseudonym "Parabellum" wiederholt geschrieben – dort versuchten u.a. Lenin, Trotzki und auch Radek im Dorf Zimmerwald wieder Einigkeit zwischen den verschiedenen Strömungen herzustellen - scheiterten damit aber.
Nach dem Ende der Zarenherrschaft im Februar 1917 wollten nun Lenin und führende seiner Bolschewiki nach Russland zurückkehren mit dem Ziel, dort die Herrschaft zu übernehmen und sofort Frieden mit Deutschland zu schließen. Radek begleitete Lenin auf der Fahrt in dem plombierten Zug durch Deutschland nach Schweden.
Zunächst blieb Radek auf Wunsch Lenins in Stockholm, wo er bis zu seiner Rückkehr nach Petersburg vorübergehend dessen Interessen im Auslandsbüro der Bolschewiki vertrat. Nach der Oktoberrevolution gab er dann die deutschsprachigen Blätter Der Völkerfriede und Die Weltrevolution in Petersburg und Moskau heraus. Beide erschienen in deutscher Sprache und setzten sich mittels Antikriegs-Propaganda für baldige Friedensverhandlungen ein. Was schließlich 1918 zum Frieden von Brest-Litowsk führte – diese Verhandlungen begleitete Radek als Deutschlandexperte und Delegierter.
Ende 1918 reiste er als Mitarbeiter einer Petersburger Telegrafen-Agentur nach Berlin, vor allem um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht beim Aufbau einer kommunistischen Partei zu helfen. Aber auch um zu sondieren, mit wem die Bolschewiki eventuell kooperieren könnten. Wegen angeblicher Hilfe zum "Spartakus-Putsch" wurde er im Februar 1919 verhaftet. Im Gefängnis von Berlin-Moabit begann er sofort wieder zu arbeiten und vollendete seine Studie"Die Entwicklung der deutschen Revolution und die Aufgaben der kommunistischen Partei". Außerdem empfing er im Gefängnis deutsche Politiker, Journalisten und Intellektuelle, um ihnen die Lage in Russland und das dortige Vorgehen der Bolschewiki zu verdeutlichen. Einer seiner Gesprächspartner war der spätere Außenminister Walter Rathenau, der nach diesen Gesprächen die durchaus gemeinsamen Interessen beider Staaten erkannte – was sicherlich dazu beigetragen haben dürfte, dass dann 1922 der Vertrag von Rapallo zustande kam. Ende Januar 1920 wurde Radek entlassen und kehrte nach Moskau zurück, wo er zunächst weiter als Deutschlandexperte und Berater tätig war.
1925 wurde er allerdings von der Sowjetpolitik zurückgestuft, weil er zur Opposition um Trotzki gehörte. Was zwei Jahre später zum Ausschluss aus der KPdSU führte und zu seiner ersten Verbannung nach Sibirien, nach Wologda im Ural. Nach "Selbstkritik" und seiner Unterwerfung zu Stalins Politik durfte er zurückkehren und von 1930 bis 1937 für die Iswestija arbeiten. Ab dieser Zeit lebte Radek mit ► Larissa Reissner zusammen.
Während Stalins Säuberungen im Jahr 1937 wurde Radek im 2. Moskauer Schauprozess erneut zu zehn Jahren Haft verurteilt und wieder in die Verbannung nach Sibirien geschickt. In den Jahren zuvor hatte er Stalin offenbar immer wieder geärgert. Wahrscheinlich wurde Karl Radek dort am 19. Mai 1939 auf Befehl von Stalin oder Berija ermordet.
(hhb)
Quellen
Karl Radek 1885-1939 / LEMO Lebendiges Museum Online
Hildegard Kochanek: Radek (eigentlich Sobelsohn), Karl Bernhardowitsch (Pseudonyme Parabellum und Arnold Struthahn) / Deutsche Biographie
Radek, Karl / Bundesarchiv
Otto Langels: Stalins Hofnarr / Deutschlandfunk vom 9.7.2012
Stefan Heym: Radek-Roman / Penguin TB 2004
Wolf-Dietrich Gutjahr: Revolution muss sein. Karl Radek – Die Biographie / Böhlau Verlag
Bücher + Schriften
Karl Radek: Der deutsche Imperialismus und die Arbeiterfrage / 1912
Karl Radek: Die Entwicklung der deutschen Revolution und die Aufgaben der kommunistischen Partei / 1919