Billy Wilder ist als stilbildender Drehbuchautor und Filmregisseur bekannt geworden. Kaum aber jemand weiß, dass er zuvor als Reporter in Wien und Berlin gearbeitet hat und erst dadurch Zugang zum Film bekam. Schon sein erster Film, „Der Teufelsreporter“, spielte im Presse-Milieu. Später kamen „Reporter des Satans“ oder „Extrablatt“ dazu und mehrere Filme mit dokumentarischem Charakter, wie „Todesmühlen“ oder „Stalag 17“.
Samuel Wilder wurde am 22. Juni 1906 als Sohn jüdischer Eltern in Sucha bei Krakau geboren, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Sein Vater war Gastronom und Hotelier und betrieb ein Hotel in Krakau sowie mehrere Bahnhofsrestaurants. Seine Mutter nannte ihn nach dem gemeinsamen Besuch einer Western-Show Billie. Den Namen wandelte er später in den USA in Billy um.
Im Verlauf des Ersten Weltkriegs zog die Familie aus Angst vor der brisanten Grenzlage Galiziens zu Russland nach Wien, wo sich Samuel mit dem gleichaltrigem späteren Hollywood-Regisseur Fred Zinnemann anfreundete. Beide besuchten dort zeitweise die gleiche Klasse eines Privatgymnasiums. In Wien entwickelt Wilder sich zum Kino- und Jazzfan. Nach seinem Abitur studierte er kurzzeitig Jura, begann aber bald als Reporter für die Wiener Boulevardzeitung Die Stunde und für Die Bühne zu arbeiten.
Gloria Swanson & Billy Wilder ca. 1950
Copyright: Studio publicity photo of Billy Wilder and Gloria Swanson
Bei einem Interview lernte er den Jazzmusiker Paul Whiteman kennen, der den begeisterten Jazzfan Wilder spontan einlud, ihn auf seiner Tournee nach Berlin zu begleiten. Kaum in Berlin wurde Wilder vom Höhepunkt des Skandals um Die Stunde überrascht: eine Affäre, die sich inzwischen zum damals größten Presseskandal im Wien entwickelt hatte. Der Verleger des Boulevardblatts hatte immer wieder Geschäftsleute und Promis mit der Drohung erpresst, reißerische Artikel über sie zu veröffentlichen.
Dabei hatte das Blatt Die Stunde stets vorgegeben, gegen die Schnüffeleien des Wiener Sittenamtes einzuschreiten, verletzte aber mit der eigenen Berichterstattung die Privatsphäre anderer. Karl Kraus hatte dazu ausführlich recherchiert – er bezeichnete das Boulevardblatt als „Inbegriff eines pornographischen Banditenblattes“ und beschuldigte den Herausgeber Imre Békessy „Bordellpublizistik“ zu betreiben.
Der Herausgeber und sein Chefredakteur mussten das Blatt daraufhin verlassen. Wilder, der davon in Berlin erfuhr, beschloss dort zu bleiben und sich Arbeit bei anderen Zeitungen zu suchen. Bald machte er Interviews für den Börsen Courier. Im Romanischen Café lernte er ► Kisch, ► Klabund und Remarque kennen.
1929 in Berlin hatte der bisher nur als Journalist tätige Wilder erste Kontakte zur Filmproduktion, etwa durch seine Mitarbeit am Drehbuch für den halbdokumentarischen Episodenfilm „Menschen am Sonntag“. Der spielte in Berlin, rund um den Bahnhof Zoo. Ein Stummfilm mit Musik und ein unerwartet großer Erfolg. 1931 schreibt er zusammen mit ► Erich Kästner das Drehbuch für dessen Kinderbuchklassiker „Emil und die Detektive“.
Noch vor dem Reichstagsbrand übersiedelte Wilder nach Paris und arbeitete dort zunächst als Ghostwriter für französische Drehbuchautoren.
Bis er dann 1934 endgültig in die USA weiter reiste und ab 1936 von der Paramount als Autor unter Vertrag genommen wurde. Von Wilder stammte laut Stefan Troller ja die richtige Einschätzung der eigentlich absehbaren zukünftigen Entwicklung: „Die Optimisten endeten in Auschwitz, die Pessimisten in Beverly Hills.“ Hier hatte Wilder sich pessimistisch und damit richtig entschieden.
Für sein großes Vorbild Ernst Lubitsch verfasste er das Skript zu „Ninotschka“. 1942 drehte er, jetzt als Regisseur, einen Film gegen die landläufige Nazi-Propaganda: „Fünf Gräber bis Kairo/Five Graves to Cairo“, mit Erich von Stroheim als Feldmarschall Rommel sowie Peter van Eyck, Franchot Tone und Akim Tamiroff. 1945 erhielt Wilder von der US-Armee den Auftrag, einen Dokumentarfilm über die deutschen Konzentrationslager zu produzieren: „Todesmühlen/Death Mills“. Unter Verwendung von noch ungeschnittenem Dokumentationsmaterial aus verschiedenen kurz zuvor befreiten KZs.
Und immer wieder schrieb er Drehbücher für Filme, die im Pressemilieu spielen: 1951 „Reporter des Satans/Ace in the Hole“ mit Kirk Douglas als gewissenloser Sensationsreporter. Oder 1974 die Komödie „Extrablatt/The Front Page“, in der Jack Lemmon den Chefreporter einer Boulevardzeitung spielt. Dazu viele Filme, die einen wahren Hintergrund hatten, wie sein berühmter Film noir „Frau ohne Gewissen/Double Indemnity“. Von Wilder stammen also nicht nur hinreißende Filmkomödien, sondern auch fesselnde nun filmische Reportagen.
Er kehrt auch wieder nach Berlin zurück, wo er 1961 vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts Molnars Bühnenstück „Eins zwei drei“ ins Nachkriegsberlin verlegte und so in seinem Film die grotesken Verhältnisse im geteilten Berlin thematisierte. Im Verlauf der Dreharbeiten wurde er vom Mauerbau überrascht. Darum musste er für ein paar letzte Drehtage das nicht mehr zugängliche Brandenburger Tor als Kulisse in den Bavaria-Studios Geiselgasteig bei München nachbauen lassen.
Wilders Stärke und Authentizität kam aus seiner permanenten Nähe zum Publikum. Wie als Reporter gelernt, hörte und schaute er genau hin und machte dann daraus seine Skripts und Filme.
Billy Wilder starb am 27. März 2002 im Alter von 95 Jahren in Los Angeles.
(hhb)
Quellen
Billy Wilder 1906 – 2002 / LeMo Lebendiges Museum online
Biographie Billy Wilder / Filmstarts
Ein Besuch beim alten Meister vom Hollywood-Boulevard / NZZ vom 17.06.2006
Regisseur Billy Wilder 95-jährig gestorben / Der Standard am 29.3.2002
Du sollst nicht langweilen / Tagesspiegel vom 11.1.2011
Josef Schnelle: Nobody’s Perfect / Deutschlandfunk am 4.8.2018