Rudolf Pechel

Rudolf Pechel, Journalist, Verleger und entschiedener Gegner des Nazi-Regimes, wandte sich publizistisch in den 30er Jahren gegen die aufkommende Kriegshysterie und unterstützte die Widerstandsbewegung um Goerdeler und Olbricht. Er überlebte eine mehrjährige KZ-Haft und war im Juni 1945 einer der CDU-Gründer in der „Vier-Sektoren-Stadt“ Berlin. In seiner wieder herausgegebenen Zeitschrift Deutsche Rundschau prangerte er sofort die aufkommenden repressiven Methoden der sowjetischen Besatzungsmacht an.

Rudolf Pechel wurde am 30. Oktober 1882 in Güstrow als Sohn eines Gymnasiallehrers geboren. In seiner Heimatstadt machte er das Abitur, dann musste er den obligatorischen Militärdienst als Seekadett leisten und studierte anschließend Philosophie, Germanistik, Anglistik und Volkswirtschaft in Göttingen und Berlin, wo er 1908 zum Doktor der Philosophie promovierte. Danach arbeitete er einige Jahre am Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar und als freier Schriftsteller.

1911 leitete er vertretungsweise die Redaktion der von ► Julius Rodenberg gegründeten Deutschen Rundschau. Anschließend arbeitete er am Märkischen Museum in Berlin und als Redakteur der Halbmonatsschrift Das Literarische Echo, die einst von ► Theodor Fontane gegründet worden war.

 

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Im Ersten Weltkrieg diente er beim Marinekorps in Flandern und war Kommandeur einer Seefliegereinheit. Nach Kriegsende übernahm er 1919 die Chefredaktion der Deutschen Rundschau und wurde ab 1924 auch deren Verleger. Pechel pflegte ein großes Netzwerk mit Persönlichkeiten aus unterschiedlichen politischen Lagern; seine eigene geistige Heimat war der rechtsintellektuelle und tendenziell monarchistische „Juni-Club“ in Berlin, wo es 1922 zu einer Begegnung mit Adolf Hitler kam. Der dort allerdings niemanden für seine Partei gewinnen konnte. Als dann sein enger Freund Edgar Jung, ein Rechtsanwalt, Publizist und Politiker, während der Röhm-Affäre zunächst verhaftet und kurz darauf in einem Wald bei Oranienburg von der SS erschossen wurde, waren für Pechel die Fronten endgültig geklärt. Von da an wurde auch er von der Gestapo überwacht.

Nachdem er 1936 den Leipziger Oberbürgermeister Goerdeler und dessen Opposition zum Hitler-Regime kennengelernt hatte, schloss er sich diesen Kreisen an und gab ihnen immer wieder Platz in seiner Deutschen Rundschau für ihre verdeckt kritischen Artikel. Und aktivierte seine Kontakte zu Hitler-Gegnern beim Militär wie zu General Olbricht.

Außerdem intensivierte er seine Auslandsreisen nach Frankreich, England und in die Schweiz, wo er emigrierte Politiker und Journalisten traf und sie vor den deutschen Kriegsvorbereitungen warnte.

In seiner Deutschen Rundschau verstärkte er die als Camouflage verdeckte Kritik am NS-Regime, nachzulesen in seinem Buch „Zwischen den Zeilen“, in dem viele dieser Beiträge 1948 nochmals zusammengefasst wurden. Besonders sein Artikel mit der Überschrift „Sibirien“ erregte den Zorn von Propagandaminister Josef Goebbels, weil darin das stalinistische Terrorsystem vergleichbar mit dem Hitlerschen geschildert wurde.

Als besonders anschauliches Beispiel seiner verdeckten Kritik analysierte Heidrun Ehrke-Rotermund Pechels Buchbesprechung ► „Lob des Scharlatans“, die auch in oben erwähnten Sammelband abgedruckt wurde.

Als er 1942 dann noch einen kritischen Artikel über die Goebbelsche Auslands-Nachrichtenpolitik veröffentlichte, wurde er am 8. April 1942 von der Gestapo verhaftet. Und seine Deutsche Rundschau wurde endgültig verboten.

Pechel wurde ins KZ Sachsenhausen eingeliefert und dort zwei Monate in Einzel- und Dunkelhaft eingesperrt. 1944 wurde er ins KZ Ravensbrück überstellt, wo man ihn zu belastenden Aussagen gegen Ludwig Beck und Carl Goerdeler erpressen wollte. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 wurde der Druck nach seiner Rücküberführung in die Gestapozentrale Prinz-Albrecht-Straße weiter erhöht. Aber letztendlich musste Rudolf Pechel aufgrund mangelnder Beweise sogar vom Volksgerichtshof freigesprochen werden, denn eine Kenntnis von umstürzlerischen Plänen Goerdelers konnte man ihm nicht nachweisen. Im April 1945 wurde er freigelassen und durfte nach Güstrow reisen.

Von dort kehrte er kurz darauf in die Vier-Sektoren-Stadt Berlin zurück und gehörte im Juni 1945 zu den Gründern der Berliner CDU. Außerdem arbeitete er wieder als Journalist, zunächst als Redakteur des CDU-Parteiorgans Neue Zeit und übernahm dann als Nachfolger von Emil Dovifat deren Chefredaktion. Aber nur kurz, weil er sich mit dem politischen Kurs der CDU in der Sowjet-Zone nicht identifizieren konnte.

Im April 1946 bekam er von den Briten die Lizenz zur Herausgabe der Deutschen Rundschau in Berlin, verlegte seinen Verlag aber wegen Papiermangels in Berlin bald nach Stuttgart.

1957 vergab die Freie Universität Berlin an ihn eine Ehrenpromotion mit dieser Begründung: „Dem Schriftsteller und Publizisten, der als Leiter der Deutschen Rundschau Jahrzehnte hindurch im geistigen und politischen Geschehen Deutschlands wirkte und wachte, der in unheilvoller Zeit mit Klugheit und Kühnheit der Gewalt widerstand und damit ein Maß gesetzt hat für Amt und Würde des Publizisten."

1958 zog sich Rudolf Pechel aus gesundheitlichen Gründen in die Schweiz nach Zweisimmen im Kanton Bern zurück, wo er am 28. Dezember 1961 starb.

(hhb)

 

Quellen:

Sigrid Schneider: Rudolf Pechel / Deutsche Biographie

Bundesstiftung Aufarbeitung: Rudolf Pechel

Heidrun Ehrke-Rotermund: Hitler – ein Massenbetrüger / Bilder als Medium der "Verdeckten Schreibweise" in Rudolf Pechels Buchbesprechung ‚Lob des Scharlatans‘ / Wallstein-Verlag

 

Bücher:

Rudolf Pechel: Zwischen den Zeilen – Der Kampf einer Zeitschrift für Freiheit und Recht