Eberhard Wachsmuth arbeitete ab 1954 fast 30 Jahre lang als Art Director für den Spiegel. In dieser Zeit erfand er den für das Blatt noch heute charakteristischen roten Titelrahmen und entwarf die Titelbilder des Magazins. Für deren außergewöhnlich wirkungsvolle Gestaltung erhielt er 1968 den „Joseph-E.-Drexel-Preis“, den der Verleger der Nürnberger Nachrichten gestiftet hatte: „Für hervorragende Arbeiten auf dem Gebiet des Pressewesens“.
Bevor Wachsmuth zum Spiegel kam, hatte er acht Semester an der Berliner Hochschule der Künste studiert. Nach dem Krieg zeichnete er zunächst Karikaturen für die von Günter Neumann herausgegebene Zeitschrift Der Insulaner in Berlin und für die Neue Zeitung in München, bis diese 1953 eingestellt wurde. Darum ging er Anfang 1954 als Bildredakteur zum Spiegel, der gerade von Hannover nach Hamburg umgezogen war. Dort sollte er die Innenbebilderung und die Gestaltung der Titelbilder übernehmen.
Das bedeutete, jede Woche ein Fotoporträt auf dem Spiegel-Cover zu zeigen, das meist vom Hausfotografen Max Ehlert kam. Variationen waren so kaum möglich. Aber Wachsmuth war beharrlich – er wollte mehr Vielfalt auf den Titelseiten.
Ab 1955 erschien der Spiegel erstmals mit der bis heute üblichen roten Umrandung, dem Titel-Framing – und ab Heft 5/1955 durfte Wachsmuth die bis dato immer schwarz-weißen Titelfotos gelegentlich durch vierfarbig gedruckte ersetzen:
Der Spiegel Ausgabe 1/ 1955: Die Clowns sind abgemeldet, Amerikas Fernseh-Schimpanse J. Fred Muggs
Der Spiegel Ausgabe 5/1955: Vom Baumwollfeld zum Broadway - Eartha Kitt
1956 gelang es ihm erstmals, Rudolf Augstein davon zu überzeugen, an Stelle eines Titelfotos ein gezeichnetes Porträt als Cover zu verwenden. Dazu Wachsmuth: „Eine Zeichnung kann zuspitzen, überhöhen, verschärfen, auch abstraktere Zusammenhänge pointiert darstellen, liefert also das stärkere Bild.“ Augstein hatte sich lange gegen solche Vorschläge von Wachsmuth gewehrt und ihn spöttelnd als „gelernten Kunststudent“ bezeichnet.
Ein gezeichnetes Porträt erschien erstmals auf dem Titel von Heft 16/1956 und gegen Jahresende auf dem Titel von Heft 46 sogar eine Karikatur:
Der Spiegel Ausgabe 16/1956: Närrische Streiche der Barmherzigkeit - Der Bürgermeister von Florenz Giorgio La Pira
Der Spiegel Ausgabe 46/1956: Das Beileid der Partei
Danach kombinierte man des Öfteren Fotos mit Illustrationen – vorn das bewährte Porträtfoto, dahinter eine die Titelgeschichte erzählende Zeichnung. Immer wieder experimentierte Wachsmuth mit Grafik und Fotografie, wie er nach seiner Pensionierung in einem Interview einräumte. 1957 etwa mit F.J. Strauß auf dem Cover und seinen variierenden Kopfbedeckungen, die den Wandel vom „bayerischen Bauernbub“ zum Verteidigungsminister illustrieren sollte.
Oder der Kunsthändler Bernheimer vor seiner Antiquitäten-Handelsware.
Der Spiegel Ausgabe 1/1957
Der Spiegel Ausgabe 52/1957
Wachsmuth gewann weltweit bekannte Pressezeichner, Illustratoren und Karikaturisten zur Mitarbeit, vor allem, nachdem die Spiegel-Titel ab 1960 vierfarbig gedruckt wurden.
Zunächst waren das internationale Größen wie Boris Artzybasheff, aber auch bekannte Künstler wie Marc Chagall oder Bernard Buffet lieferten dem Spiegel gelegentlich Porträts fürs Titelbild. Nach dem Kanzlerwechsel von Adenauer zu Erhard malte Buffet ein Porträt von „Mr. Wirtschaftswunder“, nun als Bundeskanzler.
Später kamen bekannte deutschsprachige Künstler dazu, wie ► Loriot, ► Hermann Degkwitz, Michael Prechtl, ► Marie Marcks, Rita Mühlbauer und viele andere.
Der sich damals abzeichnende Konflikt zwischen Russland und China, zwischen Chruschtschow und Mao, wurde durch eine Spielkarte illustriert.
Der Spiegel Ausgabe 14/1963
Der Spiegel Ausgabe 42/1963
Eberhard Wachsmuth lebte seit seiner Pensionierung mit seiner Frau in Ligurien, in dem Bergdorf Evigno, das zur Gemeinde Diano Arentino gehört. Dort starb er im Jahr 2006 und wurde dort auch beigesetzt.
(hhb)
Quellen:
Spiegel-Verlag / Hausmitteilung in Heft 20/1966 vom 9. Mai 1966
Spiegel-Verlag / Hausmitteilung in Heft 32/1968 vom 5. August 1968
Spiegel-Verlag / Hausmitteilung in Heft 45/1972 vom 29. Oktober 1972
Spiegel-Verlag / Hausmitteilung in Heft 37/1984 vom 10.September 1984
Rede von Bundeskanzler Schröder bei der SPIEGEL-Ausstellung am 14.2.2005
Rainer Gries: Rezension zu "Aust, Stefan; Kiefer, Stefan (Hrsg.): Die Kunst des SPIEGEL. Titel-Illustrationen aus fünf Jahrzehnten." Kempen 2004 und zu "Schütt, Hans-Dieter; Schwarzkopf, Oliver (Hrsg.): Die SPIEGEL-Titelbilder 1947-1999." Berlin 2000
Bücher:
Stefan Aust/Stefan Kiefer: Die Kunst des SPIEGEL – Titel-Illustrationen aus fünf Jahrzehnten
Hans-Dieter Schütt/Oliver Schwarzkopf: Die SPIEGEL-Titelbilder 1947-1999 / Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2000
Jakob J.E. Vicari: Blätter machen – Bausteine zu einer Theorie journalistischer Komposition