Der Publizist, Schriftsteller und Herausgeber Walther Victor begann als Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen und schrieb auch für Die Weltbühne. Nach der NS-Machtergreifung floh er nach einer Verhaftung in die Schweiz, nach Luxemburg und in die USA. Nach Kriegsende ging er in die DDR. Dort gründete er die Buchreihe „Lesebücher für unsere Zeit“ und gehörte zu den Gründern der Wochenpost, deren Beiträge wegen ihres hohen und weitgehend neutralen Niveaus sich großer Beliebtheit erfreuten.
Walther Victor wurde am 21. April 1895 in Bad Oeynhausen als Sohn eines jüdischen Ziegelei-Fabrikanten geboren. Seine Eltern wurden später in Theresienstadt umgebracht. Als Walther sechs Jahre alt war, zog seine Familie nach Posen. Dort besuchte er die Volksschule und anschließend das Gymnasium. Ab 1913 studierte er Rechtswissenschaften in Freiburg/Breisgau, aber auch Germanistik und Literaturgeschichte. Von 1914 bis 1918 leistete er Kriegsdienst und wurde 1918 Mitglied eines Soldatenrats. Sein Studium setzte in Halle fort, wo er 1919 Vorsitzender einer sozialistischen Studentengruppe und SPD-Mitglied wurde und für das SPD-Organ Volksstimme zu arbeiten begann.
Ab 1919 konzentrierte er sich ganz auf den Journalismus und wurde von da an bis 1923 Redakteur beim Hamburger Echo. Von 1923 bis 1931 arbeitete er beim Sächsischen Volksblatt in Zwickau, ab 1924 in der Feuilleton-Redaktion. Als SPD-Mitglied war er in Zwickau von 1926 bis 1931 Mitglied im dortigen Stadtrat. Nebenher schrieb er schon seit 1919 auch für Die Weltbühne. 1930 wurde er wegen angeblicher Gotteslästerung zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, aber nach einer Intervention von ► Kurt Tucholsky amnestiert.
Pressekonferenz am 28.4.52 im Steinsaal des Amtes für Information. V.l.n.r: Walther Victor, Willi Bredel, Heinz Kahlau und Kuba im Gespräch.
Copyright: Bundesarchiv Bild 183-14474-0005
Wegen antisemitischer Bedrohungen verließ er 1931 Zwickau und zog nach Berlin, wo er von 1932 bis 1933 Feuilletonchef des 8-Uhr-Abendblatts war. Nach der NS-Machtergreifung erhielt er Berufsverbot, lebte illegal unter dem Namen Werner Voigt weiter in Berlin, zog dann aber an den Bodensee auf die Insel Reichenau, von wo aus er nach einer Verhaftung in die Schweiz floh.
In seinem Schweizer Exil durfte er – Victor war schon nach seiner Schulzeit der Wandervogel-Bewegung beigetreten – von 1936 bis 1938 für die in Zürich erscheinende Zeitschrift Der Naturfreund arbeiten. Er lieferte gelegentlich aber auch Beiträge für Radio Beromünster, ein Sender in der neutralen Schweiz, der von Goebbels aber bald als Feindsender eingestuft wurde. Und publizierte zudem in der Thurgauer Arbeiterzeitung, in den Luzerner Neuesten Nachrichten, in der Basler-National-Zeitung und auch in der Prager Volksillustrierten oder in der Exilzeitung Das Wort, die in Moskau erschien. Unter seinem Pseudonym C. Redo kritisierte er immer wieder das Hitler-Regime. Wegen solcher politischen Betätigungen wurde er 1938 aus der Schweiz ausgewiesen.
Auf Einladung seines Kollegen Hubert Clement übersiedelte er im Sommer 1938 mit seiner Frau nach Luxemburg und arbeitete dort für das Escher Tageblatt – Journal d‘Esch, die Zeitung für Letzebuerg. Von Luxemburg zog das Ehepaar im Juli 1939 nach Paris und wurde dort nach Kriegsbeginn verhaftet und in den Lagern Colombes, Buffalo und La Braconne interniert. Von dort gelang ihnen die Flucht über die Pyrenäen und durch Spanien nach Lissabon und weiter bis nach New York.
Dort schlug er sich zunächst mit verschiedenen Jobs durch, bis er von 1943 bis 1945 Produktionsleiter beim Alfred A. Knopf Verlag wurde, der Literatur aus Europa, Asien, Lateinamerika und aus der aktuellen US-Literaturszene verlegte. Begann dort aber auch für mehrere internationale Zeitungen zu arbeiten, ab 1946 etwa als UNO-Korrespondent erneut auch für das Escher Tageblatt. So erhielt er einen luxemburgischen Pass, mit dem er 1947 die USA zunächst zurück nach Luxemburg verlassen konnte. Via Hamburg ließ er sich noch im gleichen Jahr in der damaligen SBZ Sowjetische Besatzungszone nieder, der späteren DDR.
Dort begann er für die Landesregierung Sachsen zu arbeiten, zunächst als Pressechef des Ministerpräsidenten Seydewitz – bald aber als freier Schriftsteller.
1948 war er Mitbegründer des Schutzverbandes deutscher Autoren, forderte jedoch von Johannes R. Becher die Schaffung eines wirklichen Schriftstellerverbandes. Als Westemigrant und nun erkennbarer Widersacher von Becher blieben ihm fortan einflussreichere Positionen in der DDR versagt.
Ab 1949 wurde er immerhin ein bedeutender Herausgeber – etwa als literarischer Leiter der Büchergilde Gutenberg in Berlin und als Editor mehrere Sammelwerke wie des „Goethe-Lesebuchs“ oder von „Heinrich Heine. Ein Lesebuch für unsere Zeit“. Zwei Vorläufer der von ihm dann gestarteten Buchreihe „Lesebücher für unsere Zeit“ – mit internationalen Klassikern, aber auch jungen Autoren.
Gerade der literarische Nachwuchs lag Walther Victor besonders am Herzen. Zusammen mit dem Kulturfunktionär Franz Hammer entwickelte er im Arbeitskreis junger Autoren ein Modell zur Förderung junger Schriftsteller, welches vielen jungen Autoren geholfen hat.
1953 gehörte Victor mit ► Heinz Knobloch zur Gründungsredaktion der wöchentlich erscheinenden Wochenpost. Ein in der DDR überaus beliebtes Blatt, das ohne allzu großen ideologischen Ballast über Politik, Kunst und Kultur sowie Wissenschaft, Sport und Technik aus aller Welt berichtete, auch über Modetrends und Gesundheits- und Heimwerkertipps gab. Weitere gern gelesene Autoren im Blatt waren die Gerichtsreportagen von ► Rudolf Hirsch, die Filmkritiken von ► Rosemarie Rehahn und nicht zu vergessen die Karikaturen und Comic-Serien von ► Willy Moese.
Walther Victor löckte in der DDR auch weiterhin gegen den Stachel und platzierte seine Kritik durchaus auch in bundesdeutschen Medien wie dem ► SPIEGEL. Etwa wenn er die bürokratischen Verzögerungen beim Druck von etwas umstritteneren Büchern anprangerte.
Seit 1961 lebte Walther Victor in Weimar, arbeitete des Sommers über allerdings in seinem Studio in Bad Berka.
1957 hatte er den Heinrich-Heine-Preis bekommen; 1960 den Vaterländischen Verdienstorden in Silber und 1969 in Gold; 1961 erhielt er den Nationalpreis der DDR für Kunst und Kultur und 1966 wurdet er mit der Ehrendoktorwürde der Universität Greifswald ausgezeichnet.
Walther Victor starb am 19. August 1971 in Bad Berka. In Weimar wurde er in einem Ehrengrab auf dem Historischen Friedhof beigesetzt, wo sich in der dortigen Fürstengruft auch die Särge von Goethe und Schiller befinden.
(hhb)
Quellen
Walther Victor / Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren
Victor, Walther / Wer war wer in der DDR – Bundesstiftung Aufarbeitung
Victor, Walther / Thüringer Literaturrat e.V.
Walther Victor / Luxemburger Autorenlexikon