Die Sozialarbeiterin, Frauenrechtlerin und Journalistin Hilde Walter erhielt nach der NS-Machtergreifung als Jüdin Berufsverbot und floh nach Frankreich. Von dort engagierte sie sich wie schon zuvor im Freundeskreis Carl von Ossietzky, diesem wurde daraufhin 1936 der Friedensnobelpreis verliehen, rückwirkend für 1935. 1941 gelang es Hilde Walter, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren.
Hilde Walter wurde am 4. März 1895 in Berlin geboren. Dort besuchte sie die 1908 gegründete interkonfessionelle Soziale Frauenschule der Sozialreformerin Alice Salomon in Berlin-Schöneberg und arbeitete anschließend als Sozialarbeiterin. Später studierte sie noch Literatur- und Kunstgeschichte an der Berliner Universität.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie journalistisch tätig, zunächst bei der damals rechtskonservativen Deutschen Allgemeinen Zeitung. Von dort wechselte sie zum liberalen Berliner Tageblatt des Verlagshauses Mosse und arbeitete außerdem für die Gewerkschaftspresse. ► Kurt Tucholsky gewann sie schließlich auch für die Weltbühne.
Copyright: P. Walter Jacob Archiv in der Walter A. Berendsohn Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur Hamburg
Die für Hilde Walter wichtigsten Themen waren die Sozialpolitik und Arbeitsgesetze sowie die Probleme im Berufsleben von Frauen. Dazu schrieb sie zum Beispiel im Juli 1931 ihren Artikel ► Frauendämmerung. Schon Anfang 1930 war sie Mitglied im gerade gegründeten deutschen Ableger des Clubs Soroptimist International geworden, eine damals vom Deutschen Frauenverband ins Leben gerufene Alternative für berufstätige Frauen zu den Männerdomänen wie Rotary. Dort trafen sich Architektinnen, Ärztinnen, Journalistinnen, Juristinnen und Künstlerinnen wie Anot, Tilla Durieux oder Milly Steger – sie tauschten sich aus und halfen einander.
Als ► Carl von Ossietzky, der Herausgeber der Weltbühne, nach dem Reichstagsbrand verhaftet wurde, kümmerte sich Hilde Walter um dessen Familie und sorgte dafür, dass der inhaftierte Publizist mit Nahrung und Geld unterstützt wurde. Auch sie selber geriet in den Fokus der Gestapo, weil sie angeblich einen Witz über den Reichstagsbrand gemacht habe. Und als „Nichtarierin“ erhielt sie durch das Schriftleitergesetz vom 1. Oktober 1933 Berufsverbot als Journalistin.
Daraufhin floh sie im November 1933 nach Frankreich und wurde dort von einem Soroptimist-Mitglied aufgenommen. In Paris wurde Hilde Walter zum führenden Mitglied im Freundeskreis Carl von Ossietzky und leitete ab 1935 die internationale Kampagne für Ossietzky, in Kooperation mit Willy Brandt, der die Kampagne von Norwegen aus unterstützte. Sie führte schließlich zum Friedensnobelpreis für Ossietzky – sehr zum Ärger des NS-Regimes.
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde sie von den Franzosen in Gurs interniert, konnte aber 1941 mit einem Not-Visum für die USA via Lissabon ausreisen.
In den Vereinigten Staaten arbeitet sie wieder als Journalistin und gründete eine Agentur für Exilautoren.
1952 kehrte sie nach Deutschland zurück, als Korrespondentin des American Council on Germany, einer nichtstaatlichen Organisation (NGO), die das deutsch-amerikanische Verständnis und die Beziehungen zwischen den beiden Staaten fördern sollte.
1959 schrieb sie einen Zeitzeugenbericht für die Holocaust-Forschung der Wiener Library in London – über die frühe NS-Zeit in Deutschland und ihre Jahre in der Emigration. Der Bericht erschien 1965 als „Doch das Zeugnis lebt fort“.
Hilde Walter starb am 22. Januar 1976 in Berlin. ► Gabriele Tergit, eine Soroptimist-Schwester, erinnerte mit diesen Worten an sie: „Hilde Walter war nicht ehrgeizig und nicht eitel. Sie sprach die Wahrheit ungeachtet der Konsequenzen. Deshalb war sie manchmal harsch. Ihre Menschenkenntnis war hervorragend, besonders auch bei Politikern und Journalisten. In ihrem Kampf für eine bessere Welt folgte sie den höchsten Idealen.“
(hhb)
Quellen:
Hilde Walter – ein bewegtes Leben / Stadtverein Schöneberg e.V.
Hilde Walter: Stellungnahme zu Vorgängen bei der Gleichschaltung und Arisierung des Rudolf-Mosse-Betriebes
Bücher:
Hilde Walter: Doch das Zeugnis lebt fort – der jüdische Beitrag zu unserem Leben / Leber Verlag Berlin 1965
Hilde Walter: Die Misere des ‚neuen Mittelstandes‘ in Deutsche Wirtschaftsgeschichte der Weimarer Zeit von Heike Knortz