Der austro-französische Illustrator und Karikaturist Bil Spira musste in unruhigen Zeiten immer wieder unter Zensurmaßnahmen leiden. Nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland wurde er inhaftiert, konnte aber nach Frankreich fliehen. Dort engagierte er sich als Widerstandskämpfer, wurde an NS-Deutschland ausgeliefert, überlebte aber mehrere Konzentrationslager.
Wilhelm Bil Spira wurde am 25. Juni 1913 als Sohn eines Beamten in Wien geboren. Nach dem Abitur studierte er von 1932 bis 1935 an der Kunstgewerbeschule in Wien. Schon während des Studiums fertigte er Illustrationen und Karikaturen an, für die damals erfolgreiche Zeitung Das Kleine Blatt, für die sozialdemokratische Arbeiter-Zeitung und den Jugendlichen Arbeiter. Und wirkte an einem Zeichenfilm mit, an einer Carmen-Parodie.
Nach Beendigung seines Studiums zeichnete er für den Wiener Tag, für Der Sonntag und das Boulevardblatt Die Stunde, das einen hohen Bildanteil hatte. Beim Wiener Tag gestaltete er „als zeichnender Reporter“ gemeinsam mit Jura Soyfer Text-Bild-Reportagen und fungierte dort auch als Umbruchredakteur. In der Mittagsausgabe des Neuen Wiener Tagblatts hatte er seine eigene Rubrik „Der bissige Bleistift“. Mit seinen Karikaturen machte er sich schon damals über seinen Landsmann Adolf Hitler lustig.
1935 reiste er nach Frankreich, um dort an einem Zeichentrickfilm mitzuarbeiten: „Der falsche Mustapha“. Außerdem war Spira immer wieder als Bühnenbildner in der Brettl-Szene tätig, für das Cabaret ABC und für Literatur am Naschmarkt.
Bil Spira beim Porträtieren von Fans im Böhmischen Prater, 1938
Copyright: Robert Haas, Wien Museum
Nach dem Anschluss Österreichs im Jahr 1938 wurden viele Medien verboten bzw. zu Linientreue verpflichtet. Und Wilhelm Spira wurde vier Wochen lang von den Nationalsozialisten im Lager der Wiener Karajangasse interniert, bevor ihm die Flucht nach Frankreich gelang.
Dort zeichnete er unter dem Pseudonym Willi Bill Freier für Le Rire und den Nebelspalter in Basel. Oft traf er sich mit anderen österreichischen Exilanten wie ► Joseph Roth oder ► Egon Erwin Kisch. Und mit Friedrich Torberg arbeitete er an der Exilzeitschrift Österreichische Post.
Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde Spira 1939 sofort als feindlicher Ausländer interniert und musste in einer Waffenfabrik arbeiten. Auch dort dokumentierte er mit bitterem Humor das triste Lagerleben in Zeichnungen. 1940 konnte er fliehen, nach Frankreichs Kapitulation in das vorübergehend noch relativ freie Südfrankreich – nach Marseille.
In Marseille kam er 1940 mit ► Varian Fry in Kontakt und begann als Dokumentenfälscher für das ERC Emergency Rescue Committee zu arbeiten. Im Waffenstillstandsabkommen mit der Wehrmacht hatte sich Pétains Marionetten-Regierung dazu verpflichtet, alle in Frankreich sowie in den französischen Besitzungen lebenden Deutschen auf Verlangen auszuliefern. In § 19 des besagten Abkommens hieß es: „Die französische Regierung ist verpflichtet, alle in Frankreich befindlichen Deutschen, die von der deutschen Reichsregierung namhaft gemacht werden, auf Verlangen auszuliefern.“
Auch Marseille war damit für tausende Emigranten, die sich nach Südfrankreich hatten retten können, zur Falle geworden. Sie konnten nur noch auf ein rettendes Visum hoffen, das ihnen die Flucht aus Europa ermöglichen würde. Nur verhielten sich andere Staaten in Sachen Asylgewährung recht zurückhaltend und vergaben wenn überhaupt nur zögerlich Einreise-Visa. Das ERC versuchte daher, besonders gefährdeten Flüchtlingen auf legale oder illegale Weise zur Flucht zu verhelfen.
Spira fälschte darum Vichy-Ausweispapiere, Pässe und andere Identitätspapiere für die vom ERC betreuten NS-Verfolgten, bis er 1941 von einem Spitzel verraten wurde. Das Vichy-Regime inhaftierte ihn – er kam ins berüchtigte Lager Le Vernet. Im Jahr darauf lieferte man ihn nach Deutschland aus.
Dort begann eine Odyssee durch verschiedene Konzentrationslager, zunächst ins Außenlager von Auschwitz und schließlich nach Theresienstadt, wo er bei Kriegsende befreit wurde.
Er kehrte nach Frankreich zurück, wo er als Widerstandskämpfer anerkannt und geehrt wurde. Später nahm er die französische Staatsbürgerschaft an. Er arbeitete wieder als Cartoonist, nun unter dem Pseudonym „bil“, für Medien wie Combat-Le Journal de Paris, das Boulevard-Magazin ici Paris, für Action und auch wieder für den Schweizer Nebelspalter. Bei dem meldete er sich mit einem Brief zurück: „Lieber Nebelspalter, bitte entschuldige die lange Pause in meiner Mitarbeit. Ich war deportiert. Hier bin ich wieder und sende in der Beilage mein erstes Blatt seit der tausendjährigen Unterbrechung."
Schließlich wurde er Layouter und Umbruchredakteur bei Jour de France und illustrierte Bücher für den Wiener Zsolnay-Verlag sowie andere Buchverlage.
Bil Spira starb am 1. August 1999 in Puteaux nahe Paris.
Im Dezember 2019 wurde in Wien ein Park nach Bil Spira benannt.
(hhb)
Quellen
Bil Spira / Wien Geschichte wiki
Ulrike Diethardt: Bil Spira – Die Legende vom Zeichner / Literaturhaus Wien 1997
Oliver Bentz: Zeichenkunst und Humanität / Wiener Zeitung 22./23. Juni 2013
The Story of a Survivor / Holocaust Museum auf Youtube
Bücher
Bil Spira: Die Legende vom Zeichner – Ridiculum vitae (Autobiographie) / 1997
Bil Spira: Pariser Impressionen – Zeichnungen und Karikaturen / Edition Kappa 1998
Oliver Bentz: Bil Spira - Künstler, Fälscher, Menschenretter / Edition Palatina 2013
Claude Bessone: Vom Roten Wien zu den französischen Internierungslagern / 2016
Uwe Wittstock: Marseille 1940 / C.H. Beck 2024