Dem amerikanischen Journalisten und Fluchthelfer Varian Fry verdanken mehrere tausend Menschen ihr Überleben während der Nazi-Diktatur und im Zweiten Weltkrieg – darunter Künstler, Schauspieler, Schriftsteller, Widerstandskämpfer und journalistische Kollegen wie Hannah Arendt, ► Georg Bernhard, ► Konrad Heiden, ► Bertold Jacob, ► Siegfried Kracauer, Walter Mehring oder ► Alfred Polgar.
Varian Mackey Fry wurde am 15. Oktober 1907 in New York City geboren. Er besuchte zwei Highschools und studierte anschließend an der Harvard University Altphilologie.
Danach arbeitete er als Journalist. Zunächst gründete er zusammen mit einem Freund das vierteljährlich erscheinende Literaturmagazin Hound & Horn und wurde dann Autor und Lektor bei der Foreign Policy Association. 1935 besuchte er als Korrespondent für die Zeitschrift The Living Age Berlin und wurde dort Zeuge der Judenverfolgungen durch SA und Gestapo. Zurückgekehrt in die Vereinigten Staaten warnte er vor dem zunehmenden Nazi-Terror. Seine Artikel darüber erschienen unter anderem in der New York Times. Kollegen kritisierten ihn als Kassandra und meinten, die USA sollten sich lieber aus diesen Entwicklungen in Europa heraushalten.
Varian Fry poses on a balcony in Berlin, where he traveled in 1935 while serving as editor of "The Living Age"
Copyright: United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Annette Fry
Fry aber begann Geld zu sammeln, um NS-Opfern zu helfen. Am 24. Juni 1940 wurde bei einem Wohltätigkeitsdinner in New York das ERC Emergency Rescue Committee durch eine Spendenaktion gegründet, die Fry mitorganisiert hatte. Auch Eleanor Roosevelt hatte ihre Hilfe zugesagt. Die Hilfsorganisation wollte Verfolgte unterstützen, die vor dem NS-Regime nach Frankreich geflohen waren und dort nun in der Falle saßen. Denn nach dem Einmarsch der Wehrmacht kam es am 22. Juni 1940 in Compiègne zu einem deutsch-französischen Waffenstillstandsabkommen. Darin wurde in Artikel 19 vereinbart, dass die Vichy-Regierung alle in französischen Gebieten lebenden Deutschen auf Anfrage an die Nazis ausliefern müsse. Das ERC wollte nun bedrohten Intellektuellen helfen, möglichst schnell aus dem noch unbesetzten Vichy-Frankreich nach Übersee auszureisen. Was aber angesichts vieler Quotenregeln für Flüchtlinge eine rasche Flucht schwierig machte.
Varian Fry wurde deshalb mit 3.000 US-Dollar und einer Liste von 200 bedrohten Künstlern und Intellektuellen nach Marseille geschickt. Ihnen sollte er mit ihm von Eleanor Roosevelt zugesicherten Notfallvisa die Ausreise in die USA ermöglichen. Vor Ort aber stellte er fest, dass dort sehr viel mehr bedrohte Menschen lebten. Bereits vor seiner Abreise hatte er versucht, deutlich mehr Visa-Zusagen für bedrohte Flüchtlinge zu bekommen – doch die US-Politik blieb bei ihrer generellen Abschottung.
Durch Spenden aber konnte er dann doch rund 4.000 Asylanten wenigstens materiell unterstützen und Widerstandskämpfern unter ihnen mit legalen wie illegalen Mitteln zu einer Ausreise verhelfen. Er besorgte Visa, buchte Schiffsplätze oder organisierte heimliche Übertritte über die Grenze nach Spanien und bahnte ihnen dann einen Weg ins neutrale Portugal.
Seine Aktivitäten blieben natürlich nicht geheim. US-Behörden warfen Fry vor, sich besonders für Juden und Linke einzusetzen. Zusammen mit dem Vichy-Regime begannen sie, Frys Aktivitäten zu behindern. Fry wurde sogar kurzzeitig inhaftiert, kam aber wieder frei. Nach einem Hinweis der US-Botschaft wurde er von der Vichy-Polizei festgenommen und via Spanien nach Portugal abgeschoben wurde. Da hatte er innerhalb von nur 13 Monaten knapp 1.500 Menschen eine Ausreise Richtung USA ermöglicht. Andere wurden auf verschiedenen Wegen aus Frankreich herausgeschleust. Sie konnten von Portugal aus nach Südamerika fliehen, nach Mexiko oder in die französische Kolonie Martinique. Ihnen gab er für ihre Flucht diesen Rat auf den Weg: „Stellt Euch als das dar, was Ihr seid. Menschliche Wesen, die durch halb Europa getrieben wurden und jetzt mit dem Rücken zum Meer stehen.“
Und er ermutigte seine engsten Mitarbeiter wie Miriam Davenport, Mary Jayne Gold, das Ehepaar Fitko, Jean Gemähling, Stéphane Hessel oder Daniel Bénédite die Fluchthilfen so lange wie möglich fortzuführen. Als diese im Juni 1942 endgültig eingestellt werden mussten, hatte man bis zu diesem Zeitpunkt mehreren tausend Verfolgten geholfen.
Im Herbst 1941 war Fry aus Lissabon in die USA zurückgekehrt und geriet dort bald in Vergessenheit. Denn eine weitere Zusammenarbeit mit dem ERC wurde abgelehnt – wohl eine Folge seiner permanenten Kritik an der Visa-Politik des US-Außenministeriums. Darum gründete er später eine neue Hilfsorganisation und machte in seinen Publikationen immer wieder auf die Zustände in Europa aufmerksam. 1942 zum Beispiel mit dem Artikel „The Massacre of Jews in Europe“ in The New Republic.
1945 publizierte er das Buch „Surrender on Demand“ über seine Zeit in Frankreich.
In den Nachkriegsjahren, nun während des Kalten Kriegs, stand Fry unter ständiger Beobachtung des FBI. Nur noch gelegentlich konnte er als freier Journalist arbeiten, etwa für das Magazin The Nation. Lange Zeit musste er sich als Werbetexter oder als Lateinlehrer an einer Highschool durchschlagen.
Fry engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung und wurde Mitglied in der Internationalen Liga für Menschenrechte. 1967, kurz vor seinem Tod, wurde er in die französische Ehrenlegion aufgenommen.
Varian Fry starb am 13. September 1967 im Alter von nur 59 Jahren in Redding/Connecticut. Er wurde auf dem Green-Wood-Cemetery in Brooklyn in einem Familiengrab beigesetzt.
„Ohne den Mann, der Varian Fry hieß, wären wir alle in Marseille untergegangen – und Tausende mit uns“, notierte die österreichische Schauspielerin, Autorin und Journalistin Hertha Pauli 1970 in ihren Lebenserinnerungen.
1994 wurde er als erster US-Bürger in Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.
(hhb)
Quellen
Varian Fry / Holocaust Encyclopedia
Wieland Freund: Der Fluchthelfer der Dichter und Denker / WELT Kultur 22.11.2007
Die wahre Geschichte hinter Transatlantic und IRC / United States Holocaust Memorial Museum 4.4.2023
Varian Fry – Ein Amerikaner in Marseille / Internationale Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem
Bücher
Varian Fry: Surrender on Demand / Random House 1945
Varian Fry: Auslieferung auf Verlangen / Fischer-Taschenbuch 2009
Uwe Wittstock: Marseille 1940 – die große Flucht der Literatur / C.H. Beck 2024
Filme
Varian’s War – ein vergessener Held im Jahr 2001
Netflix-Filmserie "Transatlantic" im Jahr 2023