Fritz Pleitgen

Fritz Pleitgen war von 1963 bis 1993 Fernsehjournalist beim WDR und arbeitete dort zunächst als Auslandskorrespondent. Ab 1988 wurde er Chefredakteur für den TV-Programmbereich „Politik und Zeitgeschehen“. 1994 wechselte er zum Radio als Hörfunkdirektor des WDR, bis er schon im Jahr darauf zum Intendanten des WDR ernannt wurde. Pleitgen hat bei den öffentlich-rechtlichen Medien in allen Bereichen von der Pike auf gelernt, als Journalist wie später als Manager. Immer und überall war er ein engagierter Medienmacher und pragmatischer Visionär, ein Stratege der schnell erkannte, wo und wie es zu handeln galt. Als Reporter und Interviewer wurde er zum Vorbild für viele Kollegen. Und er war ein leidenschaftlicher Kämpfer für den unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, auf nationaler wie internationaler Ebene.

Fritz Pleitgen wurde am 21. März 1938 in Duisburg-Meiderich geboren. Schon als 14-jähriger Schüler berichtete er über regionale Sportereignisse in der Lokalausgabe der Freien Presse Bielefeld im ostwestfälischen Bünde. Das Gymnasium verließ er vor dem Abitur und begann ein Volontariat bei besagter Bielefelder Freien Presse und arbeitete dort ab 1961 als Redakteur.

1963 wechselte er zum WDR nach Köln, wo er in der Tagesschau-Redaktion für die Bereiche Politik und Wissenschaft recherchierte und informierte. Ab 1964 berichtete er als Auslandskorrespondent aus Brüssel und Paris über EWG- und Nato-Sitzungen sowie über den Zypernkrieg. Und 1967 dann über den Sechstagekrieg zwischen Israel und den arabischen Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien.

 

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2007 während des WDR-Literaturmarathons auf der Lit.Cologne

Copyright: Elke Wetzig (Elya) - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1797900

 

Sieben Jahre lang, von 1970 bis 1977, arbeitete Pleitgen als Auslandskorrespondent in Moskau und führte dort als erster Journalist aus dem Westen ein Interview mit Leonid Breschnew – baute aber auch Kontakte zu unangepassten Intellektuellen und zu Dissidenten auf. Danach wechselte er als Nachfolger von Lothar Loewe nach Ost-Berlin, wo Loewe gerade wegen seiner dezidiert kritischen Berichterstattung des Landes verwiesen worden war. Mit Fingerspitzengefühl zeigte auch Pleitgen die Missstände in der DDR auf und wurde damit für viele DDR-Bürger eine wichtige, ja vielleicht die einzige wahre Informationsquelle. Durch sein diplomatisches Geschick gelang es ihm, am 2. September 1981 zum zehnjährigen Jubiläum des Berliner Viermächteabkommens eine Live-Diskussion zwischen den Unterzeichnern von damals zustande zu bringen. Insgesamt berichtete er fünf Jahre aus Ost-Berlin.

1982 wechselte er als Leiter des ARD-Studios zunächst nach Washington und verfolgte dort Reagans Politik durchaus kritisch, schon weil er von der durch Willy Brandt eingeleiteten deutschen Ost-Politik überzeugt war. Reagan zeigte selbst für Pleitgens harte Fragen Verständnis: „He just did his job,“, so wiegelte er den Unmut seines Presseteams ab. 1987 ging Pleitgen dann in gleicher Position nach New York.

Friedrich Nowottny rief Fritz Pleitgen kurz darauf zurück ins Kölner WDR-Mutterhaus und ernannte ihn 1988 zum Chefredakteur des TV-Programmbereichs „Politik und Zeitgeschehen“. Vor allem in der Zeit des Mauerfalls und der Wiedervereinigung leitete Pleitgen mehrere Brennpunkt-Sendungen und mahnte seine Kollegen zu einer angemessenen Berichterstattung und Tonalität: Dies ist eine explosive Zeit, der wir nicht noch eine zusätzliche Dramatik oder gar Zunder geben sollten.“

Nach drei Jahrzehnten Fernsehen wechselte er Anfang 1994 zum Radio als Hörfunkdirektor des WDR. Dort reformierte er die Programm- und Organisationsstruktur und startete den Sender Eins Live als Nachfolger von WDR 1, um den privaten Lokalsendern erfolgreich Paroli zu bieten.

Am 17. März 1995 wählte der Rundfunkrat Fritz Pleitgen als Nachfolger von Friedrich Nowottny zum Intendanten des WDR. Auch als Intendant setzte Pleitgen die Regionalisierung des WDR fort und gründete Lokalstudios in Köln und Dortmund. Außerdem setzte er sich für die Schaffung des Ereigniskanals PHOENIX in Kooperation mit dem ZDF ein. Pleitgen blieb auch als Intendant journalistisch tätig: Er drehte Dokumentarfilme und moderierte im Dezember 2006 zum letzten Mal nach fast 300 Folgen den „ARD-Presseclub“.

Darüber hinaus engagierte sich Pleitgen in der Europäischen Rundfunkunion, wo er 2002 deren Vizepräsident und von September 2006 bis 2008 ihr Präsident wurde. Seine Amtszeit als WDR-Intendant endete im Juli 2007.

Als Pensionär lebte er in einem Unruhestand: Er wurde Vorsitzender der Geschäftsführung für das Projekt „Kulturhauptstadt Ruhr 2010“. Als dort bei der Loveparade-Katastrophe 21 Menschen zu Tode kamen, eilte Pleitgen als einer von wenigen sofort zur Unglücksstelle und räumte öffentlich seine moralische Mitverantwortung ein. Außerdem war er langjähriger Präsident der Deutschen Krebshilfe. Wie auch deren Gründerin Mildred Scheel erkrankte Pleitgen an Krebs. Er starb am 15. September 2022 an den Folgen dieser Krebserkrankung.

Der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow über diese Symbolfigur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und einen Garanten für glaubwürdigen Qualitätsjournalismus:

"Fritz Pleitgen war ein kluger Stratege, der sich dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk voll und ganz verpflichtet fühlte und sich energisch und leidenschaftlich für ihn einsetzte. Vorbild, Ratgeber, Mentor war er für viele, auch für mich. Wir haben ihm sehr viel zu verdanken. Ihm gebührt ein ganz besonderer Platz in der WDR-Geschichte."

(hhb)

 

Nachruf von Prof. Dr. Heribert Prantl, Autor und Kolumnist der Süddeutschen Zeitung

Nachruf von Jochen Rausch, bis Ende 2021 Leiter des Bereiches Breitenprogramme (1Live, WDR 2 und WDR 4), Programmchef von WDR 2 und WDR 4 und stv. Hörfunkdirektor des WDR

Nachruf von Ulrich Deppendorf, bis 2015 Leiter und Chefredakteur des ARD-Hauptstadtstudios und Moderator von „Bericht aus Berlin“