Der deutsch-amerikanische Journalist und Schriftsteller Konrad Heiden setzte sich von Beginn der Weimarer Republik an intensiv mit dem aufkommenden Nationalsozialismus auseinander. Er hatte frühzeitig die Gefährlichkeit der NS-Bewegung erkannt. Heiden analysierte Hitlers Reden, seine ideologischen Schriften und berichtete darüber ausführlich. Ab 1932 warnte er in mehreren Büchern vor Hitler.
Konrad Heiden wurde am 7. August 1901 in München geboren. Sein Vater war Berufsfunktionär der SPD. Nach dem frühen Tod seiner Mutter, die später nach NS-Gesetzen als „Halbjüdin“ eingestuft wurde, wuchs er bei seinem Vater in Frankfurt am Main auf. Er besuchte die Mittelschule und von 1911 bis 1919 das humanistische Lessing-Gymnasium.
Im Mai 1920 begann er in München Jura und Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Er wurde SPD-Mitglied und 1922 Vorsitzender der Republikanischen Studentenunion, deren Republikanische Hochschulzeitung er herausgab. Schon als junger Student hatte Heiden die damals beginnenden Spaltungen in der Gesellschaft erkannt. Eine führende Kraft dafür war die völkisch-reaktionäre NS-Bewegung – Anfang der 20er Jahre zwar noch eine Splitterpartei, doch eine durch den Versailler- Vertrag desillusionierte Bevölkerung wandte sich ihr mehr und mehr zu.
Copyright: Zentralbibliothek Zürich Handschriftenabteilung - Nachlass Konrad Heiden, K. Heiden 5a, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=797187
1923 wurde Heiden neben seinem Studium Mitarbeiter von Otto Groth, dem bayerischen Korrespondenten der FZ Frankfurter Zeitung. Groth wurde sein Mentor und vermittelte ihm das Basiswissen zum Journalismus: „Die Nachricht muss wahr sein, den Tatsachen entsprechend, sie muss möglichst frei von persönlichen Auffassungen und Gefühlen des Berichtenden, von Werturteil und Zwecksetzungen sein, sie muss sich auf tatsächliche Vorgänge beschränken.“
Groth ermutigte Heiden, als Reporter intensiv über die in München besonders virulente Nazi-Bewegung und deren Führer Hitler zu recherchieren und zu berichten. Was dieser tat – erstmals in der FZ-Ausgabe vom 22. August 1923 beschrieb Heiden einen Auftritt Hitlers: „Gestern hat er im Circus Krone seine alten Schimpfereien über die Reichsregierung, wie sie auch heißen mag, über ihre Judenknechtschaft und über den abgewirtschafteten Parlamentarismus hinausgeschrien. Seinen Anhängern genügt das zur Begeisterung.“
Damit hatte er nun auch sein generelles Thema gefunden – Hitlers Auftreten und Reden wurden zum Mittelpunkt seiner Reportagen. Er beobachtete Hitlers Putsch im November 1923 und berichtete über den Hochverratsprozess gegen die Putschisten im Jahr darauf – als Hitler zu lächerlichen 5 Jahren Festungshaft verurteilt wurde, man ihn aber bereits nach neun Monaten begnadigte.
1925 brach er sein Studium ab und begann als fest angestellter Journalist für die FZ weiter aus München zu berichten. Von dort baute er sich ein Netzwerk mit Informanten aus der NSDAP auf, zu dem die Hitler kritisch gegenüberstehenden Brüder Strasser gehörten und anfangs wohl auch sein früherer Kommilitone Rudolf Hess. 1929 wurde er dann Mitglied der FZ-Zentralredaktion in Frankfurt; allerdings nicht wie erhofft im Politik-Ressort, sondern er sollte sich als Allroundreporter um das der FZ beigefügte Illustrierte Blatt, die Frauenbeilage und das Reiseblatt kümmern. Für seine Reportage-Themen musste er sich zudem vorab die Zustimmung der Geschäftsführung einholen, was seiner Vorstellung von freiem Journalismus widersprach.
Darum bewarb er sich beim der SPD nahestehende Hamburger Echo, das ihn auch gern eingestellt hätte – wo er aber nach einem Vorstellungsgespräch noch weniger Spielraum für seine Art zu arbeiten vermutete. Also blieb er weiter bei der FZ und arbeitete als eine Art „Fliegender Holländer“ zwischen Berlin und Frankfurt pendelnd. Ende September 1930 kündigte er endgültig bei der Frankfurter Zeitung, arbeitete fortan als freier Journalist und konzentrierte sich von nun auf seine Buchprojekte. Ende Dezember 1932 erschien das Buch „Geschichte des Nationalsozialismus – Die Karriere einer Idee“ bei Rowohlt und wurde in Teilen von der Vossischen Zeitung abgedruckt. In diesem Buch beschrieb Heinen den Nationalsozialismus als einen „Marsch ohne Ziel, Taumel ohne Rausch, Glauben ohne Gott und selbst in seinem Blutdurst ohne Genuss.“
Natürlich wurde das Buch nach der Machtergreifung beschlagnahmt.
Heiden wurde verfolgt, versteckte sich vorübergehend und verließ Deutschland im Mai 1933 Richtung Schweiz. Da er dort aber nicht als Journalist tätig werden durfte, zog er ins Saargebiet, das bis 1935 Mandatsgebiet des Völkerbundes war. Dort wandte er sich gegen dessen Rückgliederung in das Deutsche Reich und verfasste unter dem Pseudonym Klaus Bredow mehrere Kampfschriften. Eine davon, „Hitler rast – Die Bluttragödie des 30. Juni 1934“, beschrieb den sogenannten Röhm-Putsch und die folgende Mordorgie der SS.
Außerdem war er Mitherausgeber der Exilzeitschrift Deutsche Freiheit und von Informationsschriften, in denen über die wahren Zustände in Hitler-Deutschland, über die ersten Konzentrationslager und die zunehmende Judenverfolgung berichtet wurde. Diese Blätter wurden dann aus dem Saargebiet ins Reichsgebiet geschmuggelt.
1935 wechselte Heiden endgültig nach Frankreich ins Exil und schloss sich dort dem „Freundeskreis Carl von Ossietzky“ an, der vom NS-Regime die Freilassung Ossietzkys forderte und sich für die Verleihung des Friedensnobelpreises einsetzte. 1934 erschien sein nächstes Buch „Geburt des Dritten Reiches“ in der Schweiz. 1936 und 1937 kam dann, ebenfalls in der Schweiz, seine zweibändige Hitler-Biographie heraus: „Band 1: Adolf Hitler: Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“ und „Band 2: Adolf Hitler: Ein Mann gegen Europa“.
Im Januar 1937 wurde Heiden von Deutschland ausgebürgert und dennoch zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Frankreich als unerwünschter Ausländer interniert. Er konnte aber mit Hilfe des International Rescue Commitee über Portugal in die USA fliehen. In einem Bostoner Verlag erschien dort sein Buch „Der Führer - Hitler’s Rise to Power“, sein wohl am weitesten verbreitetes Werk.
1950 erhielt Konrad Heiden die amerikanische Staatsbürgerschaft und besuchte im Dezember des Jahres darauf wieder Deutschland, um für Life eine Reportage über Nachkriegsdeutschland zu verfassen. Zurück in den USA produzierte er für den Süddeutschen Rundfunk von 1952 bis 1961 wöchentlich die Sendung „Streiflichter aus Amerika“ und weitere Beiträge für Radio Bremen. Und er arbeitete für US-Zeitschriften wie Life.
Konrad Heiden litt zunehmend unter Parkinson und wurde darum ab 1962 zum Pflegefall. Er starb am 18. Juni 1966 in New York und wurde auf dem Friedhof von East Orleans nahe Cape Cod in Massachusetts beigesetzt. Auf seinem Grabstein, einem einfachen Felsbrocken, stehen vier Zeilen: KONRAD HEIDEN/WRITER/FOE OF NAZIS/ 1901-1966.
(hhb)
Quellen:
Stefan Aust: Konrad Heiden – er sah alles kommen / ZEITOnline 22.9.2016
Christian Böhme: Widerstand im Dritten Reich – ein Denkmal für Hitlers Feind / Tagesspiegel vom 22.9.2016
Michael Kuhlmann: Journalist Konrad Heiden – ein scharfsinniger Beobachter des NS-Regimes / Deutschlandfunk 5.12.2016
Oliver Pfohlmann: Ein früher Feind der Nazis / NZZ Neue Zürcher Zeitung 4.1.2017
Bücher:
Konrad Heiden: Geschichte des Nationalsozialismus – Die Karriere einer Idee / Rowohlt 1932
Konrad Heiden: Geburt des Dritten Reiches / Europa Verlag Zürich 1934
Konrad Heiden: Adolf Hitler: Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit – Ein Mann gegen Europa / 1936/37 in Zürich - Neuauflage im Europaverlag 2016
Konrad Heiden: Eine Nacht im November 1938 / 1939 - deutsche Ausgabe im Wallstein Verlag erst 2013
Konrad Heiden: Der Fuehrer – Hitler’s Rise to Power / Houghton Mifflin Company + Gallancz Ltd 1944
Stefan Aust : Hitlers erster Feind: Der Kampf des Konrad Heiden / Rowohlt 2016