Als überzeugter Demokrat setzte sich der Journalist und Schriftsteller Stefan Heym zeitlebens für Freiheit und Toleranz ein. Darum wurde er von den Nazis verfolgt, geriet während der McCarthy-Ära in den USA unter Druck und kehrte so 1952 endgültig wieder nach Deutschland zurück, in die DDR. Aber auch dort wurde der "Amerikaner" Heym misstrauisch observiert und drangsaliert.
Helmut Flieg wurde am 10. April 1913 als ältester Sohn eines wohlhabenden jüdischen Kaufmanns in Chemnitz geboren. Dort besuchte er das Staatsgymnasium und hatte schon früh damit begonnen, politische und gesellschaftskritische Gedichte zu schreiben. Im August 1931 erweckte ein Bericht über die Beschlagnahme eines mit Waffen beladenen deutschen Frachters in China seine Aufmerksamkeit und animierte ihn zum Spottgedicht ► "Exportgeschäft".
Besagtes Gedicht erschien dann am 7. September 1931 in der sozialdemokratischen Volksstimme. Auf Druck der Nationalsozialisten wurde Flieg deswegen von der Schule verwiesen, noch vor seinem Abitur.
Die Reifeprüfung holte er im Jahr darauf im Berliner Heinrich-Schliemann-Gymnasium nach und begann anschließend ein Studium in Philosophie, Germanistik und Zeitungswissenschaften. Schon da hatte er begonnen, für verschiedene Zeitschriften in Berlin zu schreiben, unter anderen für die Weltbühne von ► Ossietzky.
Nach dem Reichstagsbrand floh er vor den Nazis zunächst nach Prag. Dort wählte er, zum Schutz seiner in Deutschland verbliebenen Familie, als Pseudonym Stefan Heym und veröffentlichte von nun an unter diesem Namen seine Artikel für deutschsprachige und tschechoslowakische Zeitungen.
Stefan Heym 1982 auf dem "Haagse Treffen", einer europäischen Konferenz für Schriftsteller im Kurhaus in Scheveningen
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Als dann die NS-Gefahr auch in Prag näherkam, akzeptierte er 1935 das Angebot für ein Stipendium in den USA und konnte sich so in Sicherheit bringen. 1936 beendete er sein Studium an der Universität von Chicago mit einer Magisterarbeit über ► Heinrich Heines "Atta Troll" und nahm endgültig den Namen Stefan Heym an.
Von 1937 bis 1939 arbeitete er als Chefredakteur für die antifaschistische Wochenzeitung Deutsches Volksecho in New York. Am 20. Februar 1937 stellte er das Blatt seinem Lesepublikum vor – mit einem Text, der ihm später noch zum Verhängnis werden sollte: „Diese Zeitung stellt sich in den Dienst der Volksfront. Das bedeutet: Sie nimmt Partei auf der Seite des Volkes. Sie will das Echo und der Ruf des Volkes sein. Sie will alle aufrufen, alle um sich scharen: Arbeiter, Bauern, Handwerker, Mittelständler, Intellektuelle, Deutsche in aller Welt, Deutsche in Amerika ... In dieser Zeit, wo die Schicksale von kommenden Generationen geformt werden – in Fabriken und Schützengräben, in Warenhäusern und Wohlfahrtsämtern, auf den Straßen der Städte und den Feldern der Farmer, in dieser Zeit müssen wir Deutsche uns unserer Tradition und Aufgabe voll bewusst werden ... Einig, einig für Freiheit und Fortschritt, für Frieden, und das Recht auf unser Leben zu kämpfen – eine große Volksfront, in Deutschland, in Amerika – überall."
1942 wurde sein Debütroman "Hostages" ein Bestseller (später in deutscher Sprache als "Fall Glasenapp" erschienen).
1943 wurde er Soldat in der US-Army und nahm im Jahr darauf an der Invasion in der Normandie teil. Im Rahmen der psychologischen Kriegsführung forderte er deutsche Soldaten mit Flugblättern zur Kapitulation auf und machte mehrere Rundfunksendungen, die über Radio Luxemburg ausgestrahlt wurden.
Nach Kriegsende leitete er kurzzeitig die Ruhr-Zeitung und wurde dann im Oktober 1945 zusammen mit Hans Habe, ► Hans Wallenberg, ► Erich Kästner, ► Robert Lembke und Hildegard Brücher Redakteur bei der in München erscheinenden ► Neuen Zeitung, die von der amerikanischen Besatzungsbehörde herausgegeben wurde. Dort war er für das Ressort Außenpolitik verantwortlich, mokierte sich aber zunehmend auch darüber, dass sich die amerikanische Militärregierung weiterhin auf ehemalige NS-Eliten stützte und schrieb dazu für die Londoner Times den provokanten Artikel „Hitler lebt weiter“. Außerdem griff er die Kirche an, die ihre schützenden Hände ebenfalls über so manchen alten Nazi hielt.
Wegen dieser Einstellung wurde er in die USA zurückversetzt und verließ daraufhin die Army. 1948 erschien sein Kriegsroman "The Crusaders" (Kreuzfahrer von heute), der zum Welt-Bestseller wurde.
Aus Protest gegen den Korea-Krieg und angesichts der ihm drohenden Gefahr in der McCarthy-Ära, wo man ihn des "unamerikanischen Verhaltens" beschuldigte, verließ er mit seiner amerikanischen Frau die USA und kehrte nach Deutschland zurück, in die DDR. Wo er sich allerdings bald erneut zwischen allen Stühlen wiederfand.
Im Nachhinein erkannte er, mit welcher Naivität er den Stalinismus und die Kreml-Bürokratie bis dato eingeschätzt hatte, die ihn nun auch in der DDR zu gängeln begann. In seinen Memoiren "Nachruf" schilderte er seine damalige Entscheidung so: „Man darf nicht vergessen, dass die DDR in jener Zeit noch attraktiv war, und nicht nur für ausgesprochene Kommunisten. Linke der verschiedensten Schattierungen fühlten sich von ihr angezogen, Intellektuelle besonders, hier experimentierte man mit neuen gesellschaftlichen Strukturen und suchte nach neuen Mustern menschlichen Verhaltens.“
Bald sah er sich durch politische Einflussversuche und Zensur eingeengt, als er etwa sein Buch "5 Tage im Juni" über die Ereignisse des 17. Juni 1953 veröffentlichen wollte. Zunächst gab es immer wieder Änderungsauflagen für seine Bücher, seine Kolumnen in der Berliner Zeitung wurden abgesetzt und schlussendlich erhielt er ein unausgesprochenes Publikationsverbot. Erst Anfang der 70er Jahre durften wieder einzelne Bücher von ihm erscheinen.
Als er dann aber mit anderen gegen die Ausweisung von Wolf Biermann protestierte, war es damit wieder vorbei. In den Wendejahren wurde er wieder aktiv, mischte sich ein und forderte für die DDR einen wirklich demokratischen alternativen Sozialismus.
Nach der Wiedervereinigung wurde Stefan Heym mit einem Direktmandat für die PDS in den Bundestag gewählt. Dort lancierten Unions-Politiker angebliche Spitzelvorwürfe für die Stasi, die später total ausgeräumt wurden. Als Alterspräsident durfte er am 10. November 1994 die ► Eröffnungsrede im neu gewählten Bundestag halten und rief darin zu Toleranz und Verständnis auf:
Nur die Unionsfraktion verweigerte ihm anschließend den Applaus, mit Ausnahme von Rita Süssmuth. Schon im Jahr darauf legte Heym sein Mandat nieder, aus Protest gegen eine geplante Diätenerhöhung für die Abgeordneten.
Stefan Heym starb am 16. Dezember 2001 in En Bokek während eines Kur-Aufenthalts in Israel.
Heym erhielt 1953 als erster Preisträger den "Heinrich-Mann-Preis" der Akademie der Künste in der DDR und 1959 einen Nationalpreis zweiter Klasse. Die Universitäten in Bern und Cambridge verliehen ihm die Ehrendoktor-Würde, 2001 wurde er Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Chemnitz und außerdem mehrfach mit dem "Bambi" ausgezeichnet.
(hhb)
Quellen
Stefan Heym (geboren Helmut Flieg) / Literaturlandschaft EU
Irmgard Zündorf: Stefan Heym 1913 – 2001 / in Lemo Lebendiges Museum Online
Stefan Heym: Ausführliche Biographie / autorisiert von Inge Heym
Stefan Heym / Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Stefan Heym / Internationale Stefan-Heym-Gesellschaft
Sybille Fuchs: Zum ersten Todestag von Stefan Heym (1913 – 2001) / World Socialist Web Site am 17.12.2002
Tom Thieme: Mehr als ein Weltliterat – die Sonderrolle Stefan Heyms in der Ära Honecker / bpb Bundeszentrale für politische Bildung 16.11.2011
Ralf Julke: Die sieben Leben des Stefan Heym / LZ Leipziger Zeitung vom 21.3.2024
Cornelia Geißler: Das Leben des Schriftstellers Stefan Heym in Bildern – niemals sprachlos / Berliner Zeitung vom 9.4.2024
Jutta Dohm-Heitzmann: Trotziger Schriftsteller und Grenzgänger: Stefan Heym / WDR am 22.5.2024
Bücher und Schriften
Stefan Heym: Hostages 1942 – Der Fall Glasenapp 1958
Stefan Heym: Crusaders 1948 - Die Kreuzfahrer von heute / Penguin 2022
Stefan Heym: Lasalle / C. Bertelsmann 1969
Stefan Heym: Der König David Bericht / C. Bertelsmann 1972
Stefan Heym: 5 Tage im Juni / C. Bertelsmann 1974
Stefan Heym: Collin / C. Bertelsmann 1979
Stefan Heym: Ahasver / C. Bertelsmann 1981
Stefan Heym: Schwarzenberg / 1984 – Stefan-Heym-Werkausgabe Band 13
Stefan Heym: Nachruf – Autobiografie / C. Bertelsmann 1988
Stefan Heym: Filz. Gedanken über das neueste Deutschland / Fischer Taschenbuch 1994
Stefan Heym: Radek / C. Bertelsmann 1995