Gerd Ruge

Der Journalist Gerd Ruge sprach fließend Englisch, Französisch und Russisch und war darum vor allem als Auslandskorrespondent und Berichterstatter für den Rundfunk, die ARD und für DIE WELT tätig.

Gerd Ruge wurde am 9. August 1928 als Sohn eines Arztes in Hamburg geboren. Nach seinem Abitur im Jahr 1946 lernte er Sprachen, was ihm drei Jahre danach den Einstieg in den Journalismus ermöglichte. Der NWDR-Generaldirektor Adolf Grimme ließ Ruge als Quereinsteiger im Institut des NWDR zum Auslandsreporter für den Rundfunk ausbilden. Danach wurde Ruge, gerade einmal 22 Jahre alt, der erste westdeutsche Journalist, der nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1950 aus Jugoslawien berichten durfte. Fünf Jahre später begleitete er Kanzler Adenauer auf dessen Reise nach Moskau, um von dort aus über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Sowjetunion zu informieren. Von 1956 bis 1959 war Ruge dann in Moskau der erste ARD-Korrespondent und von 1964 bis 1969 berichtete er aus den Vereinigten Staaten. Seine Aufgabe, beim damaligen Rundfunk für eine unabhängige journalistische Berichterstattung zu sorgen, beschrieb Ruge später so:

„In den Jahren des Kalten Krieges, des Zusammenbruchs der Sowjetunion, der vom Vietnamkrieg und der Bürgerrechtsbewegung geprägten Sechzigerjahre in den USA und schon zuvor in Titos Jugoslawien und angesichts der Spannungen des Koreakrieges – an all diesen Schauplätzen habe ich die Arbeit für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Möglichkeit gesehen, komplex und in die Tiefe gehend zu berichten.“

 

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Copyright: WDR/Fürst-Fastré

Früh hatte er sich auch dem Medium Fernsehen zugewandt und 1963 zusammen mit Klaus Bölling den ARD-„Weltspiegel“ aus der Taufe gehoben. Neben der schnellen Nachricht in der „Tagesschau“ sollte es im „Weltspiegel“ die Hintergrund-Informationen dazu geben. Nach seiner Rückkehr aus den USA übernahm er dann die Leitung des damaligen WDR-Hauptstadt-Studios in Bonn. Anschließend wechselte er vorübergehend zu den Print-Medien, als Berichterstatter aus Peking für DIE WELT. Und ging danach für ein Jahr an die Harvard-Universität, vor allem, um auch dort Material für ein geplantes China-Buch zu sammeln. Mit Erfolg:

„Hier an der Universität standen mir unendlich viel mehr Unterlagen zur Verfügung, als ich in China selbst je hätte bekommen können: Statistiken, Texte der innerparteilichen Auseinandersetzungen, Leitartikel lokaler Zeitungen, Politikerbiografien, Veröffentlichungen über wirtschaftliche Entwicklungen – es gab Unmengen detailliertesten Materials.“

Dann kehrte Ruge als Fernseh-Sonderkorrespondent wieder zum WDR zurück und moderierte ab 1981 für einige Jahre das ARD-Magazin „Monitor“.

Immer blieb er bei seiner Arbeit nah an den Ereignissen: Ob er einst über die Kriege in Korea und Indochina berichtete oder 1968 über den Mord an Robert F. Kennedy. Ab 1987 wurde Ruge Leiter des ARD-Studios in Moskau und konnte die Reformversuche Gorbatschows seinem deutschen Fernsehpublikum erläutern. 1991 berichtete er live vom Putschversuch gegen Gorbatschow – und immer beleuchtete er in seinen Reportagen nicht nur die jeweilige politische Situation, sondern auch die Lebensumstände der Bevölkerung. Er suchte stets Kontakte zu Künstlern, Wissenschaftlern und vor allem zu dem Menschen auf der Straße.

Dazu sein Fazit in der Rückschau: Neugier und gesunde Beine seien das Wichtigste im Journalistenleben – und: „Das Leben besteht aus Fragen und Antworten und Fragen und Antworten, die zur nächsten Frage führen.“

Auch nach seiner Pensionierung im Jahr 1993 blieb er in diesem Sinne aktiv und lieferte als Freiberufler Reportagen und Reiseberichte aus vielen Ländern und Regionen: aus Sibirien, China, Südafrika oder Afghanistan. Auch da brachte er die Menschen vor Ort zum Reden und hörte ihnen zu – immer der Wahrheit auf der Spur. Und um uns Deutschen die Welt zu zeigen, so wie sie ist.

Von 1997 bis 2001 lehrte er als Professor für Fernsehjournalismus an der Hochschule für Fernsehen und Film in München.

Für seine Tätigkeit als Journalist wurde Gerd Ruge mehrfach ausgezeichnet: 1964 erhielt er den Adolf-Grimme-Preis; 1970 und 1971 jeweils einen Bambi; 1991 die Goldene Kamera; 1994 den Bayerischen Fernsehpreis und 2014 den Ehrenpreis des Deutschen Fernsehpreises für sein Lebenswerk.

1961 hatte er zusammen mit seinen Kollegen ► Carola Stern und Felix Rexhausen die deutsche Sektion von Amnesty International gegründet. Mitten in der Zeit des Kalten Kriegs – weil, so seine Begründung, „Freiheit zwar nicht alles, aber ohne Freiheit alles nichts ist!“ Und für die Menschenrechte wollte man auch publizistisch kämpfen.

Gemeinsam mit der Filmstiftung NRW vergab Ruge ab 2002 das mit 100.000 € dotierte „Gerd-Ruge Stipendium“ für Dokumentarfilmer in Deutschland.

Gerd Ruge starb am 15. Oktober 2021 im Alter von 93 Jahren in München und wurde dort auf dem Nordfriedhof beigesetzt.

Der ARD-Vorsitzende und WDR-Intendant Tom Buhrow urteilte über ihn: „Gerd Ruge gehört zu den großen Reporterpersönlichkeiten der ersten Stunde. Profunde Analysen, präzise Interviews und die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge leicht verständlich zu erklären, das zeichnete ihn aus. Unvergessen bleiben seine zahlreichen Auslandsreportagen und Reiseberichte. Das Publikum hat ihn dafür geliebt.“

(hhb)

 

 

Quellen:

Gerd Ruge: Nuscheln als Markenzeichen / DIE WELT vom 29.7.2003

Otto Langels: Mit vollem Bart und charakteristischem Nuscheln / Deutschlandfunk am 29.7.2013

Gerd Ruge gestorben – Buhrow: „Große Reporterpersönlichkeit der ersten Stunde" / WSR am 16,10.2021

Hans Hoff: Gerd Ruge – der Welterklärer / Südd. Zeitung vom 16.10 2021

Früherer ARD-Korrespondent Gerd Ruge gestorben / FAZnet vom 16.10.2021

 

Bücher:

Gerd Ruge: Unterwegs. Politische Erinnerungen / Hanser Verlag

Gerd Ruge: Begegnung mit China – Eine Weltmacht im Aufbruch / Econ-Verlag

Gerd Ruge: Weites Land – Russische Erfahrungen. Russische Perspektiven