Adolf Glaßbrenner

Glaßbrenner ist als Humorist und Satiriker bekannt geworden – durch seine humorvollen Beschreibungen querköpfiger und herumnörgelnder Berliner Typen, wie etwa den Eckensteher Nante. Und als „Vater des Berliner Witzes“. Weniger bekannt ist, dass Adolf Glaßbrenner auch ein politisch engagierter Journalist und Herausgeber mehrerer Zeitschriften war, ein Mann, der für Presse- und Meinungsfreiheit eintrat und immer wieder mit der Zensur zu kämpften hatte. Er erhielt mehrfach Berufsverbot und wurde einmal sogar des Landes verwiesen.

Geboren wurde Georg Adolph Theodor Glaßbrenner am 27. März 1810 als Sohn eines Schneidermeisters in der Leipziger Straße zu Berlin. Dort besuchte er das Friedrich-Werdersche Gymnasium. Im Alter von 14 Jahren musste er die Lehranstalt verlassen, weil der Vater das Schulgeld nicht mehr aufbringen konnte. Er absolvierte stattdessen eine kaufmännische Lehre.

Im Sommer 1827 veröffentlichte Glaßbrenner im Alter von gerade 17 Jahren seine erste Rätselgeschichte im Berliner Courier, in der Rubrik „Damen-Sphynx“. Danach verfasste er für den Courier auch Gedichte und Nachrufe in Gedichtform.

1829 begann seine regelmäßige Mitarbeit beim neu gegründeten Berliner Eulenspiegel, der sich kritisch gegen Preußen positioniert hatte. Dort veröffentlichte Glaßbrenner unter dem Pseudonym „Brennglas“ seine kritischen Texte und Satiren. Als der Eulenspiegel trotz zweifacher Umbenennung verboten wurde, beschloss er freiberuflich als Journalist und Schriftsteller tätig zu werden.

 

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Copyright: Von unbekannt - Scan aus dem Buch Adolf Glaßbrenner von Ingrid Heinrich-Jost, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4036957

1831 erhielt er die Erlaubnis, ein unpolitisches Blatt zu publizieren, das dann im Jahr darauf als Berliner Don Quixote erschien. Ein Unterhaltungsmagazin für die gebildeten Stände, das zunächst zweimal in der Woche herauskam, bald darauf dann viermal. Aber natürlich gab es in seinem Blatt auch politische Anspielungen, womit er sich zunächst Verwarnungen einhandelte und 1833 schließlich ein fünfjähriges Berufsverbot als Journalist.

Daraufhin begann er sehr erfolgreiche Groschenhefte zu verfassen, meist im Berliner Jargon. Aber selbst die wurden immer wieder zensiert, aus angeblich sittlichen oder politischen Gründen.

1840 heiratete er die österreichische Schauspielerin Adele Peroni und zog mit ihr nach Neustrelitz in Mecklenburg, wo Adele bald zum Ensemble des Hoftheaters gehörte. In Neustrelitz verfasste Glaßbrenner seine volkstümlichen „Taschenhefte“ – darunter „Berlin wie es ist und – trinkt“ oder „Buntes Berliner Leben“.

1846 im Vormärz erschien dann sein ►„Neuer Reineke Fuchs“, ein satirisches Gedicht gegen Institutionen wie Monarchie und Kirche, gegen Fürsten, Adel, Militär, Bürokratie, gegen Papst, Priester und Mönche. Ein Werk, das natürlich sofort verboten wurde und sich erst später durchsetzen konnte.

In Mecklenburg-Strelitz war Glaßbrenner 1848 Führer der demokratischen Partei, hielt sich aber von allen kommunistischen oder anarchistischen Bestrebungen fern. Dennoch wurde er 1850 des Landes verwiesen. Sicher nicht nur, weil er die Lage des damaligen „Nachmärz“ in seinem März-Almanach so bespöttelt hatte:

„Immer’n bisken zurück, immer’n bisken zurück
Zu det alten Unterthanenjlück!“

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Von 1850 bis 1858 lebte und arbeitete Glaßbrenner in Hamburg, wo er mehrere kurzlebige humoristische Zeitschriften herausgab, darunter auch einen Komischen Volks-Kalender. Darin veröffentlichte er 1854 seinen oft zitierten Text gegen die nach 1848 einsetzende Restauration, als humorvollen Neujahrswunsch für das Jahr 1854.

Neujahrswunsch

Du Jahr 1854, das du mit einem Sonntag beginnst und endigst, sei ein Jahr des Lichtes, der Wärme und des Schaffens!
Bringe den Menschen die Krone des Lebens und lasse die Kronen dieses Lebens menschlich sein.

Lasse die Reichen arbeiten und die Arbeitenden reicher werden.

Gib den Glücklichen mehr Erbarmen und nimm dagegen den Erbärmlichen das Glück.

Setze dem Überfluss Grenzen und lass die Grenzen überflüssig werden.

Verkürze die Prozesse, aber nicht das Recht.

Lasse alle deutschen Staaten in Deutschland aufgehen und nicht Deutschland in allen deutschen Staaten unter.

Lass uns in allem Willen uns einigen, und nicht Einigen allen Willen.

Nimm den Wucherern das Getreide und lasse dagegen das Getreide wuchern.

Lasse uns leichter unser Brot finden und das Brot so schwer wie die Bäcker.

Mache das Bier so stark wie unsern Durst und so nahrhaft wie die Brauereien.

Bringe den Mädchen Ehemänner und nimm dafür den Ehemännern die Mädchen.

Nimm den Ehefrauen ihr letztes Wort und erinnere dagegen die Ehemänner an ihr erstes.

Gib allem Glauben seine Freiheit und mache die Freiheit zum Glauben aller.

Gib den Schwindsüchtigen eine feste Konstitution und nimm dagegen unseren Constitutionen die Schwindsucht.

Gib, dass sich jedes wahre Verdienst als solches ausweisen kann und nicht ausgewiesen wird.

Lass unsern Willen unser Himmelreich sein, aber auch das Himmelreich unsern Willen.

Gib, dass Jeder bei Wein und Lust seinen Arzt leben lässt, und dieser ihn.

Gib den Völkern Pressefreiheit und nimm sie dafür den Gewaltigen. Verwandle unsre jetzigen Helden in Bürger und unsre Bürger in Helden. Lasse den Krieg nicht unsre Felder ruinieren und den Frieden nicht uns.

Mache aus den stolzen Kammerherren stolze Herren in den Kammern; nimm uns die einzelnen Freiherren und lass uns dagegen alle freie Herren werden; mache den Landmann zum Mann des Landes und lasse alle Gutsherren gute Herren sein.

Gib, dass wir alle an Gott glauben, und dass dieser Gott nicht an uns verzweifle.

Gib den Juristen Fleiß und dem Fleiße sein Recht.

Lasse alle Lumpen zu Papier werden, aber nicht uns durch lauter Papier zu Lumpen.

Lasse das Eigentum nie als Diebstahl gelten, aber auch den Diebstahl nicht als Eigentum.

Lasse die Leute kein falsches Geld machen, aber auch das Geld keine falschen Leute.

Gib uns für die frommen Orden ordentliche Fromme.

Lasse die Dichter volkstümlicher werden und das Volk dichter.

Gib den Regierungen ein noch besseres Deutsch und den Deutschen dafür noch bessere Regierungen.

Nimm den Rentiers die hohen Interessen und schenke ihnen dafür höhere.

Lass unsre kleinen deutschen Flecken gedeihen und blühen, und die größten deutschen Flecken dafür ausgehen.

Nimm uns die Schutzzöllner und beschütze uns dagegen vor den Pharisäern.

Lasse keine Bücher mit Beschlag belegen und sarge dafür die Zensur ein.

Lasse die Pfaffen den Weg gehen, den sie uns zeigen, oder den, den wir ihnen zeigen.

Gib den Schauspielern bessere Rollen und den Rollen bessere Schauspieler.

Mache das schöne Geschlecht stärker und das starke Geschlecht stark.

Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit und der Wahrheit mehr Freunde.

Gib den Gutgesinnten eine gute Gesinnung,
lasse die Wissenschaft Wissen schaffen,
die Kreuzritter unser Kreuz tragen
und die Konservativen etwas Andres erhalten als Geld.

Nimm unsern Großen den Zorn und gib unserm Zorn mehr Größe.

Schenke den Vereinen mehr Tatkraft und der Tatkraft mehr Vereinigung.

Gib den Messen bessere Kaufleute und lasse dafür die Kaufleute besser messen.

Lasse uns Maschinen erfinden aber nicht bleiben.

Lasse uns nicht so schlecht werden, wie man von uns spricht, sondern so gut, wie wir uns glauben.

Gib uns gute Nachtwächter für die Nacht und nimm uns dafür die des Tages.

Gib uns statt der Mucker: gute Kartoffeln, statt der Jesuiten: schöne Trauben,
neben den Reichsäpfeln: reiche Äpfel, neben den Adlern: fette Hühner und Gänse, statt der goldenen Bienen: lebendige,

statt der verschimmelten Stammbäume: blühende, und statt der Ketten: Schienen.

Ersetze uns die deutsche Flotte durch flotte Deutsche.
Lasse alle Menschen Mäßigkeitsvereins-Mitglieder werden, und sorge

dafür, dass es nicht so viele sein müssen.
Lasse die Weiber nicht so viel Staat machen und die Männer dagegen

einen größeren.

Lasse die Höfe mehr Rat annehmen und weniger Räte, mehr Lust verbreiten und weniger Lüste,
und mehr Geschichte machen und weniger Geschichten.

Lasse die Hüte von besserem Filz machen und behüte uns besser vor Filzen.

Lass uns nicht unterdrücken durch Steuern und steure dagegen die Unterdrücker.

Wenn es nicht möglich ist, die Zöpfe von den Philistern abzuschneiden, so schneide die Philister von den Zöpfen ab.

Lasse nicht so viele nach der neuen Welt auswandern, sondern eine neue Welt zu uns kommen.

Lasse weniger Reden halten und mehr Wort.

Gib, dass das Versprechen keine Versprechen bleiben und errette uns von den Rettern.

Erlasse uns die bösen Erlasse und gib, dass alle landesherrlichen Verordnungen herrliche für das Land sind.

Bessere solche Beamte, die wohl feil sind, aber nicht wohlfeil, und wohl tätig, aber nicht wohltätig.

Gib uns für die diplomatischen Ultimaten das Ultimatum der Diplomatie.

Lass uns niemals auf unseren Lorbeeren ruhen, sondern die Lorbeeren auf uns.

Gib den Weisen Macht und den Mächtigen Weisheit.
Schenke den Fröhlichen Wein und den Weinenden Fröhlichkeit.

Schenke uns Ablass unsrer kleinen Sünden und einige Gelegenheit zu neuen.

Und schenke uns endlich lange Weile ohne Langeweile, ewigen Durst und augenblickliches Löschen,
junge Frauen und abgelagerte Zigarren,
treue Genossen und wechselnden Genuss,

lustige Gesellen und gesellige Lust,
geduldige Gläubiger und ungeduldige Vertreter,
billige Feinde und teure Freunde,
ansprechende Cousinen und anspruchslose Verwandte, sanfte Ehefrauen und schäumenden Champagner, heitere Tage und ruhige Nächte,
ruhige Tage und heitere Nächte,
und ungebundene Laune und gefesselte Herzen.

Sorge dafür, dass wir Alle in den Himmel kommen, aber noch lange nicht!

Von Hamburg aus veröffentlichte er außerdem 1856 Ernst Heiter und 1857 bis 1858 Phosphor. Außerdem schrieb er für mehrere Zeitungen.

Nach Berlin kehrte er erst 1858 wieder zurück, um dort sein Bürgerrecht nicht zu verlieren. Er arbeitete als Redakteur für verschiedene Zeitungen und führte ab 1868 die Redaktion der Berliner Montagszeitung, zu deren Gründern er gehörte.

Adolf Glasbrenner starb am 25. September 1876 in Berlin und wurde dort auf dem Jerusalemer Friedhof beigesetzt.

(hhb)

 

Quellen:

Adolf Glaßbrenner – Deutsche Biographie