Georg Bernhardt

Georg Bernhardt wurde am 20. Oktober 1875 in Berlin geboren, absolvierte nach seiner Schulzeit eine Banklehre, arbeitete als Buchhalter bei einer Berliner Bank, wurde Börsenvertreter und dann Korrespondent. In der Welt am Montag schrieb er ab 1896 unter dem Pseudonym „Gracchus“ Wirtschafts- und Finanzkritiken. Zwischen 1898 und 1903 war er Handelsredakteur bei der Berliner Zeitung des Ullstein-Verlags und studierte, zeitweise parallel zu dieser Tätigkeit, in Berlin Staatsrecht und Staatswissenschaften. Von 1904 bis 1925 gab er die Wirtschaftszeitung Plutus heraus und arbeitete ab 1908 als redaktioneller Leiter der Abteilung Tageszeitungen in der Verlagsleitung des Ullstein Verlags.

Als Ullstein Ende 1913 die Vossische Zeitung übernahm, wurde er im Jahr darauf zweiter Chefredakteur neben Hermann Bachmann, der die Redaktion der Vossischen bis dato allein geführt hatte. Nach Bachmanns Tod war Bernhard dann von 1920 bis 1930 alleiniger Chefredakteur der Vossischen Zeitung und formte sie konsequent zu einem linksliberalen Blatt. Engagiert setzte er sich für die redaktionelle Unabhängigkeit gegenüber der kollektiven Verlagsführung durch die fünf Ullstein-Brüder ein, was bei seinem Ausscheiden im Jahr 1930 noch zu einer prozessualen Auseinandersetzung führte.

Seit 1916 hielt Bernhardt Vorlesungen an der Handelshochschule Berlin und wurde dort ab 1928 Professor ehrenhalber für Bank-, Börsen und Geldwesen. Außerdem wirkte er in jüdischen Organisationen mit. In politischen Diskussionen argumentierte er scharfzüngig, was ihn zum Ziel antisemitischer Hetze machte.

Schon 1900 wurde er SPD-Mitglied, gehörte dort dem revisionistischen Parteiflügel an und wurde deswegen 1906 von Bebel ausgeschlossen. 1924 trat er der DDP Deutsche Demokratische Partei bei und war von 1928 bis 1930 Reichstagsabgeordneter. Noch am 19. Februar 1933 organisierte er mit anderen engagierten Demokraten aus verschiedenen Parteien den Kongress „Das Freie Wort“ in der Berliner Krolloper.

 

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Bundesarchiv, Bild 102-06068 / CC-BY-SA 3.0, Fotograf unbekannt / Juni 1928

Unter der Redaktion von Willi Münzenberg entstand dort das Manifest „Das Freie Wort“, das sich für die gerade von den Nazis eingeschränkte aber in der Weimarer Verfassung garantierte Versammlungs- und Pressefreiheit einsetzte. Zu den Unterzeichnern gehörten neben Georg Bernhardt noch Max Brauer, Albert Einstein, Käthe Kollwitz, sowie Heinrich und Thomas Mann. Georg Bernhardt landete daraufhin auf der ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reiches im Jahr 1933, zusammen mit Rudolf Breitscheid, Lion Feuchtwanger, Alfred Kerr, Heinrich Mann, Willi Münzenberg, Wilhelm Pieck, Philipp Scheidemann, Ernst Toller, Kurt Tucholsky, Otto Wels und vielen anderen.

Da war Bernhardt bereits über Kopenhagen nach Paris geflüchtet, wo er im Dezember 1933 zu den Gründern des Pariser Tageblatt gehörte. Bernhardt wurde dessen Chefredakteur und machte das Blatt zur wichtigsten Informationsplattform der rund 35.000 in Frankreich lebenden Vertriebenen aus Deutschland. Vom Pariser Tageblatt wurden Emigranten wie Franzosen über den verbrecherischen Charakter des Hitler-Regimes aufgeklärt. Was 1936 zu diesem Eintrag in Meyers Lexikon führte: „Bernhard, Georg, jüd. Emigrant, übte als Chefredakteur der Vossischen Zeitung einen starken, zersetzenden politischen Einfluß aus, wegen seiner deutschfeindlichen Hetze als Herausgeber des Pariser Tageblatts 1933 ausgebürgert.“ Schon damals benutzte man also Fake-News: Bernhard wurde bereits im August 1933 ausgebürgert – das Pariser Tageblatt war erst im Dezember 1933 gegründet worden.

1936 kam es zu einem Aufstand der Redaktion gegen den Verleger und Finanzier des Tageblatts Leon Poliakov, der aus wirtschaftlichen Gründen den Umfang der Zeitung eingeschränkt hatte. Damals kam das Gerücht auf, das sei in Abstimmung mit den Nazis geschehen. So verließen fast alle Redakteure das Blatt und gründeten eine eigene Zeitung, die Pariser Tageszeitung, die erstmals am 12. Juni 1936 erschien. Die Anschuldigungen gegen Poliakov erwiesen sich später als haltlos. Die Pariser Tageszeitung erschien bis zum 17. Februar 1940. Bernhard hatte die Chefredaktion schon Ende 1937 niedergelegt, arbeitete nun in Paris beim World Jewish Congress und wurde Vertreter der Vereinigung deutscher Emigranten bei der Flüchtlingskonferenz des Völkerbundes.

Nach dem deutschen Einmarsch 1940 wurde Bernhard wie viele Emigranten von den Franzosen im unbesetzten Südfrankreich interniert und konnte sich 1941 mit Hilfe des Rettungsnetzwerkes seines Kollegen Varian Fry nach New York absetzen. Wo er 1944 starb.

Georg Bernhard war sicherlich einer der bedeutendsten Journalisten des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Für die Berliner Morgenpost kreierte er den ersten volkstümlichen sprich allgemein verständlichen Wirtschaftsteil. In der Vossischen Zeitung bekämpfte er nach 1918 die Revanche-Gelüste der Konservativen gegen Frankreich und setzte sich für eine Verständigung ein. Wegen seiner professionellen Haltung als demokratischer Journalist wurde er bis 1930 Vorsitzender der „Reichsarbeitsgemeinschaft der deutschen Presse“.

Im „Verein Berliner Presse“ war er deren Vorsitzender oder Schatzmeister. Und Vorsitzender des Berliner Presseausschusses, der während des Ersten Weltkriegs die Verbindung mit der Regierung und den täglichen Kontakt zu den Zensurbehörden während der Pressekonferenzen im Reichstag wahrnehmen musste. In Peter de Mendelssohns Buch Zeitungsstadt Berlin ist nachzulesen, wie Georg Bernhard den schlimmen Pressezustand in dieser Zeit beklagte:

„Da den Zeitungen verboten war, das zu berichten, was Hunderte oder draußen Tausende miterlebten, und da vielfach die erst nach amtlicher Zustutzung veröffentlichten Nachrichten dem Geschehenen oder Miterlebten stracks zuwiderliefen, so hielt man schließlich alles, was in der Zeitung stand, für amtlich befohlenen Schwindel. Durch dieses kuriose Verfahren verhinderte man aber nicht einmal, daß das deutsche Volk die Wahrheit erfuhr. Denn die Presse aus neutralen Ländern, insbesondere die deutsch geschriebenen schweizerischen Blätter, kam ungehindert ins Land, konnte abonniert werden und wurde in allen Cafés gelesen. Alles spottete über die deutsche Presse, die nichts bringen durfte, dafür glaubte jeder alles, was in den fremden Blättern stand ... Es hat einer jahrelangen harten Arbeit bedurft, bis die deutsche Presse im eigenen Land und bei den eigenen Lesern sich das Vertrauen wieder erwerben konnte, das ihr durch die Schuld der Machthaber der Kriegszeit verlorengegangen war. Der Schaden, den die deutsche Weltgeltung durch die Ausschaltung der deutschen Presse für die Bildung der öffentlichen Meinung in den fremden Ländern erlitten hat, ist bis auf den heutigen Tag noch nicht völlig wieder gut gemacht.“

Im Exil wählten die beim Völkerbund akkreditierten Journalisten Georg Bernhard zu ihrem Präsidenten an die Spitze der „Fédération Internationale des Journalistes“.

(hhb)

 

Staatszugehörigkeit aberkannt in Vossische Zeitung vom 25.8.1933 – Abendausgabe

(Georg Bernhard, ehemaliger Chefredakteur der Vossischen, wurde in der ansonsten alphabetischen Namensliste unten versteckt)

 

Über Georg Bernhard:

Peter de Mendelssohn: Zeitungsstadt Berlin – Menschen und Mächte in der Geschichte der deutschen Presse; Verlag Ullstein / 1959

Karl Nikolaus Renner, Tanjev Schultz, Jürgen Wilke (Hrsg.): Journalismus zwischen Autonomie und Nutzwert; Herbert von Halem Verlag, Köln / 2017