Karl Tschuppik

Karl Tschuppik gehörte in den Jahren vor 1938 zu den bedeutendsten Publizisten Österreichs. Vor dem Ersten Weltkrieg arbeitete er für das Prager Tagblatt, eine der wichtigsten deutschsprachigen Zeitungen in der Habsburger Monarchie. In der Republik Österreich wurde er Chefredakteur der ersten Boulevardzeitung des Staates, bei der Stunde. In den 1930er Jahren agitierte er publizistisch sowohl gegen den Austrofaschismus wie gegen die nun auch in Österreich aufkommende noch primitivere Hitler-Bewegung. Drei Jahrzehnte hindurch und über drei Staatsformen hinweg hat Karl Tschuppik Österreich aus der Perspektive eines liberalen Bürgerlichen hellsichtig beschrieben und glossiert.

Karl Tschuppik wurde am 26. Juli 1876 als Sohn eines Ingenieurs in Melnik geboren, im damaligen Königreich Böhmen der k.u.k.-Monarchie. Nach seiner Matura studierte er in Prag kurzzeitig technische Wissenschaften. Anschließend schrieb er zunächst Beiträge für die zweisprachige Prager Monatsschrift Die Akademie, wo er ► Stefan Großmann kennenlernte.

1898 wurde er Redakteur beim Prager Tagblatt, berichtete aus Böhmen aber auch für die Frankfurter Zeitung, die Vossische Zeitung, für Le Temps in Paris und den Pester Lloyd in Budapest. Und schrieb gelegentlich wohl auch Artikel für Emil Kuhs Montagsblatt aus Böhmen und die Wiener Arbeiterzeitung. Eine genaue Zuordnung dieser Beiträge ist leider schwierig, denn erst 1914 wurden zumindest die Leitartikel im Prager Tagblatt signiert – darum ist mittlerweile gesichert, dass er allein für das Tagblatt mehr als 500 Leitartikel verfasst hat. 1910 wurde er dort Chefredakteur - Tschuppiks Leitartikel machten seine Wandlung sichtbar, wie er sich vom Deutschnationalismus abwandte und für ein unabhängiges Österreich eintrat. Im November 1917 wurde er vom Verleger des Prager Tagblatts entlassen.

Denn Tschuppik übersiedelte nach Wien. Dort sollte er die redaktionelle Leitung der pazifistischen Wochenschrift Der Friede übernehmen – er entschied sich aber, als Herausgeber zum Neuen Wiener Tagblatt zu gehen. Für Der Friede verfasste er dann nebenher gelegentlich Beiträge.

In Prag bereute Rudolf Koller, der Verleger des Prager Tagblatts, mittlerweile die Entlassung von Tschuppik und versuchte, ihn als Chefredakteur zurückzuholen. Tschuppik lehnte ab, doch man einigte sich darauf, dass er wieder Leitartikel für das Tagblatt jetzt von Wien aus schreiben würde. Der erste erschien am 24. Dezember 1917.

Zwischen den beiden Weltkriegen warnte er couragiert vor der Gefährdung von Demokratie und Parlamentarismus – zunächst von März bis Juli 1919 als vorübergehender Chef vom Dienst und politischer Hauptredakteur bei der neu gegründeten Tageszeitung Der neue Tag. Danach kehrte er wieder zum Neuen Wiener Tagblatt zurück. Beim Neuen Tag hatte er ► Joseph Roth kennengelernt und blieb mit ihm lebenslang befreundet.

Als er beim Wiener Tagblatt keine weiteren Aufstiegschancen für sich sah, ging er zur neu gegründeten ersten Boulevardzeitung Österreichs – Die Stunde – und übernahm dann im Juni 1924 ihre Chefredaktion. Die Stunde wurde von dem damals höchst umstrittenen Verleger Imre Békessy gestartet, dem Vater von Hans Habe. Békessy war von Budapest nach Wien geflüchtet, um einem Gerichtsverfahren zu entgehen.

Die Stunde war auf den Massengeschmack ausgerichtet, zeigte viele Bilder und veröffentlichte Skandal- und Enthüllungsgeschichten, vertrat aber eine deutliche demokratische politische Linie. Für das Blatt arbeiteten auch Egon Friedell, ► Anton Kuh und der damals 18-jährige ► Billy Wilder. In diesen drei Jahren bei Die Stunde kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit Karl Kraus und dessen Zeitschrift Die Fackel. Kraus hat Békassy später in seinem Drama „Die Unüberwindlichen“ mit der Figur „Barkassy“ karikiert, weil der seinen publizistischen Einfluss stets genutzt habe, profitable Geschäfte zu machen und bei der Anzeigenakquise wohl auch erpresserisch vorging.

Als sich diese Vorwürfe gegen Békessy erhärteten, verließ Tschuppik im Juli 1926 Die Stunde und arbeitete von nun an frei.

Tschuppik zog nach Berlin, traf dort seine Kollegen Joseph Roth, ► Alexander Roda Roda, ► Alfred Polgar und Anton Kuh. In der „Mampe-Stube“ bildeten sie den Stammtisch für einen „österreichischen Kreis“. Tschuppik schrieb nun Glossen und Essays für kulturpolitische Zeitschriften wie Das Tage-Buch, die Literarische Welt von ► Willy Haas oder Querschnitt.

In den 1930er Jahren beschäftigte Tschuppik sich mit Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, wie Franz Joseph I., Kaiserin Elisabeth oder Erich Ludendorff sowie mit historischen Personen wie Maria Theresia. Er versuchte, diesen Personen in seinen romanhaften Biographien Leben einzuhauchen. So attestierte er Ludendorff Mangel an Sensibilität und Intelligenz – das habe bei ihm zu einem primitiven Faschismus der Art von Hitler geführt.

Seine antifaschistische und anti-deutschnationale Haltung führte dazu, dass seine Bücher 1933 verbrannt wurden und er sich schon im März 1933 nach Wien zurückziehen musste. Dort begann er, für Der Morgen und die Wiener Sonn- und Montagszeitung zu schreiben und am nun in Paris erscheinenden Neuen Tagebuch von Leopold Schwarzschild mitzuarbeiten.

Am 22. Juli 1937 starb Karl Tschuppik in Wien an Angina Pectoris und wurde auf dem Heilgenstädter Friedhof beigesetzt. Dabei wurde, testamentarisch festgelegt, für den verstorbenen Weinliebhaber noch ein Heurigenlied gesungen: „Es wird ein Wein sein, und wir wer‘n nimmer sein“.

Angesichts seiner heftigen Angriffe gegen den Nationalsozialismus bemerkte sein Freund Joseph Roth: „Wenn er nicht gestorben wäre, hätten sie ihn erschlagen“.

(hhb)

 

Quellen

Karl Tschuppik: Bibliographische Grundlagensicherung / Universität Wien

Materialien zu Karl Tschuppik

Karl Tschuppik / Österreichisches Biographisches Lexikon

Stefan Gmünder: Karl Tschuppik

Walter Schübler: Ein Publizist europäischen Formats / Universität Salzburg

 

Artikel

Karl Tschuppik: Das republikanische Wien / in Prager Tagblatt 14.11.1938

 

Bücher

Karl Tschuppik: Franz Joseh I. – Der Untergang eines Reiches / Avalun Verlag 1928

Karl Tschuppik: Elisabeth. Kaiserin von Österreich / Verlag Hans Epstein 1929

Karl Tschuppik: Ludendorff – Die Tragödie des Fachmanns / Verlag Hans Epstein 1931

Karl Tschuppik: Maria Theresia / Allert de Lange Verlag 1934

Karl Tschuppik: Ein Sohn aus gutem Haus / Allert de Lange Verlag 1937

Klaus Amann: Karl Tschuppik – von Franz Joseph zu Adolf Hitler