Der Publizist Hans A. Nikel war ein ebenso kreativer wie engagierter Verleger vielfältiger Publikationen. Er war Gründer der literarisch-satirischen Zeitschrift pardon und Mitverleger der Verbraucherzeitschrift DM. Ab 1955 beriet er zudem Kriegsdienstverweigerer, die, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, ihre Weigerung erneut unter Waffen zu dienen damals detailliert in einer Gewissensprüfung begründen mussten.
Johannes A. Nikel wurde am 23. Februar 1930 in Bielitz/Oberschlesien geboren. Dort besuchte er die Schule, schrieb nebenher kleine Artikel für die Oberschlesische Zeitung und gründete 1943 als Dreizehnjähriger eine Schülerzeitschrift. Die, so merkte er später spöttelnd an, sei wohl die einzige Zeitschrift gewesen, die im Dritten Reich ohne Lizenz und Kontrolle erscheinen konnte, weil er sie ausschließlich mit der Post zustellen ließ. Also vorbei an der Schulleitung. Allzu lange dauerte das allerdings nicht, denn 1944 wurde der nicht einmal 15 Jahre alte Schüler zu den Nachrichtentruppen in der Slowakei eingezogen.
Von dort musste er sich dann kurz vor Kriegsende quer durch Sachsen mühsam nach Erfurt durchschlagen, wo er erneut eine Schülerzeitung - Unser Blick – gründete. Und wo er den Beginn einer neuen Diktatur bei der „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ) des Erich Honecker erlebte. Was ihm schnell klarmachte, dass er sich besser in die amerikanische Besatzungszone absetzen sollte.
So kam er nach Frankfurt/Main, wo er dann 1948 Abitur machte und anschließend als Volontär bei der Süddeutschen Zeitung das journalistische Handwerk erlernte. Mit Erfolg, denn schon 1949 wurde er Redakteur bei der Frankfurter Rundschau und durfte bereits im Alter von gerade einmal 19 Jahren Leitartikel schreiben – etwa am 22. September 1949 über die Regierungsbildung von Konrad Adenauer.
Neben seiner Arbeit für die Rundschau studierte Nikel Philosophie und Soziologie bei Adorno und Horkheimer. 1951 war er einer der Gründer der Deutschen Verbrauchervereinigung und kümmerte sich vor allem um den Vertrieb eines zusammen mit Erich Bärmeier selbstproduzierten Preisbeobachter – eine Art frühes Training für die Jahre später von den beiden übernommene Verbraucherzeitschrift DM.
1954 gründete er mit Erich Bärmeier den Verlag B&N Bärmeier & Nikel, der zunächst satirische Bücher herausgab, mit Texten etwa von ► Erich Kästner oder ► Werner Finck und illustriert von dem Karikaturisten ► Kurt Halbritter. Finck wandte sich dabei mit seinem Text „Disziplin ist alles“ gegen die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik. 1955 folgten die von Nikel kreierten „Schmunzelbücher“, zu deren Autoren auch ► Loriot gehörte.
pardon startete er im Jahr 1962 und begleitete darin bis 1980 die Entwicklung der Bundesrepublik mit bissigem Humor, unterstützt von Autoren wie ► Robert Gernhardt, ► F.W. Bernstein, Günter Grass, Robert Jungk, Gerhard Kromschröder, Alice Schwarzer oder Martin Walser. Und von Karikaturisten und Zeichnern wie ► F.K. Waechter, der das Markenzeichen von pardon schuf – ein Teufelchen, das seine Melone lupft.
pardon-Erstausgabe am 27. August 1962 - das Editorial schrieb Erich Kästner, das Titelbild zeichnete Loriot
Außerdem illustrierten Kurt Halbritter, Loriot, ► Chlodwig Poth oder Hans Traxler und viele andere das Blatt mit ihren Karikaturen und Grafiken.
In seinen Glanzzeiten erreichte pardon eine Auflage von mehr als 300.000 Exemplaren und wurde in der Bundesrepublik zum Kultmagazin und zur größten literarischen Satirezeitschrift in Europa. Die pardon-Aktionen sorgten immer wieder für Aufregung – etwa mit den satirischen Angriffen auf die Medien-Dickschiffe jener Jahre: auf BILD, die Frankfurter Rundschau, den SPIEGEL oder stern.
1966 übernahm der Verlag B&N die in Konkurs geratene Zeitschrift DM, die sich mit Verbraucherschutz und Warentests befasste. Und aktualisierte das Redaktions-Konzept. 1970 trennten sich die beiden Teilhaber von B&N – Bärmeier übernahm die DM, Nikel behielt pardon.
1980 verkaufte Nikel pardon an den Konkret-Herausgeber Gremliza, der das Blatt aber schon 1982 einstellen musste.
Die FAZ kommentierte die Zeit mit Nikel als Herausgeber: „Pardon hat unter Nikels Leitung mit dessen literarisch-satirischem Spürsinn 18 Jahre lang Einfluss auf den Zeitgeist der Republik genommen – eine markante Phase der Nachkriegsgeschichte.“
Mit dem Verkauf von pardon beendete Nikel seine verlegerische Tätigkeit. Er nahm als 50jähriger sein Studium wieder auf und promovierte 1983 in Philosophie mit einer Arbeit über den Mystiker des Mittelalters Meister Eckhart. Danach war er – nun unter seinem Geburtsnamen Johannes A. Nikel – vor allem als Bildhauer tätig und schuf mehr als 120 Bronzeskulpturen, die er 1998 der Öffentlichkeit präsentierte.
2001 stiftete Nikel einen Ehrenpreis für die Fairness-Stiftung, die er zusammen mit Rupert Lay SJ gegründet hatte und die sich „in Zeiten zunehmenden persönlichen und gesellschaftlichen Mobbings“ engagiert für einen humanen Umgang im Privaten und in der Arbeitswelt einsetzt.
Hans A. Nikel starb am 27. Dezember 2018 im Alter von 88 Jahren in Bad Homburg am Taunus.
(hhb)
Quellen
Dr. Johannes Hans A. Nikel – Sein Leben und seine Werke /nikel-art.de
Christoph Gunkel: Pardon-Erfinder Nikel – Was für eine unsagbar spießige Zeit / SPIEGEL-Geschichte vom 23.2.2015
Pardon-Gründer Hans A. Nikel mit 88 Jahren gestorben / FAZ am 1.1.2019
Pardon-Gründer Hans A. Nikel ist tot / Süddeutsche Zeitung vom 1.1.2019
Hans A. Nikel ist tot / ZEITonline am 1.1.2019
Hans A. Nikel verstorben / Journal Frankfurt am 2.1.2019
Trauer um Johannes A. Nikel / Frankfurter Rundschau am 22.1.2019
Bücher + Schriften
Johannes Nikel: Kunst will erzählen / B&N Verlagsgesellschaft
Johannes Hans A. Nikel: Der Wahrheit die Ehre: Münchhausen. Das neueste von Münchhausen / B&N Verlagsgesellschaft, 2011
Johannes Hans A. Nikel: Die Mystik der Physik / Ludwig, 2013