Kurt Grossmann war ein deutscher, nach seiner Ausbürgerung durch die Nazis dann US-amerikanischer Journalist und Publizist. Vor der NS-Zeit publizierte er in linksliberalen Medien - als Asylant nach 1933 dann in nahezu allen Emigrantenzeitungen. Er soll fast zweitausend Zeitungsartikel und mehrere tausend Aufsätze in Zeitschriften veröffentlicht haben – unter verschiedenen Pseudonymen.
Kurt Richard Grossmann wurde am 21. Mai 1897 als Sohn einer aus Ostpreußen stammenden jüdischen Familie in Berlin geboren. Dort wuchs er in Charlottenburg auf und besuchte nach der Volksschule bis 1913 die Leibniz-Oberrealschule. 1914 begann er eine kaufmännische Lehre und kämpfte ab 1916 als neunzehnjähriger Kriegsfreiwilliger an der Ost- und Westfront. Im September 1918 geriet er in britische Gefangenschaft – dank seiner englischen Sprachkenntnisse wurde er als Dolmetscher eingesetzt.
Nach seiner Entlassung arbeitete er von 1920 bis 1926 für Banken, zunächst für die Berliner Filiale der Darmstädter und Nationalbank, dann ab 1923 als Prokurist und schließlich als stellv. Direktor bei der Internationalen Bank in Danzig. Dort in Danzig gründete er eine Zweigstelle der DLM Deutsche Liga für Menschenrechte, deren Generalsekretär er dann ab 1926 in Berlin wurde.
In seiner Danziger Zeit hatte er mehrere deutsch-polnische Konferenzen unterstützt, zur Verständigung und Wiederaufnahme einer friedlichen Zusammenarbeit. Was bei deutschen Nationalisten keinesfalls auf einhellige Zustimmung stieß. So wurde Grossmann bald zu einem engagierten Gegner des aufkommenden Nationalsozialismus. Umgekehrt wurde er von dort wegen seiner Kontakte zu pazifistischen Polen und Franzosen angefeindet.
Am 10.Mai 1932 trat der Schriftsteller und Redakteur der "Weltbühne", Carl von Ossietzky, seine Gefängnisstrafe, zu der er im November 1931 verurteilt worden war, in Tegel an. Berlin-Tegel.
Vlnr: Kurt Grossmann, Rudolf Olden, Carl von Ossietzky, Alfred Apfel, Kurt Rosenfeld
Copyright: Bundesarchiv Bild 183-B0527-0001-861
Als freiberuflicher Journalist schrieb er wie ► Tucholsky für Das andere Deutschland oder Die Weltbühne, aber auch für Alarm. Kampfblatt gegen alle Feinde der Republik, fürs 8 Uhr Tageblatt, das Berliner Tageblatt, Die Welt am Montag, das Hamburger Echo oder die Vossische Zeitung. Nicht zu vergessen all die sozialdemokratischen Parteiblätter wie Berliner Volkszeitung, Dortmunder Generalanzeiger, Leipziger Volkszeitung und Vorwärts.
In jener Zeit vertrat er auch die Interessen von Kriegsveteranen, organisierte Gedenkveranstaltungen für die Toten des Ersten Weltkriegs und unterstützte Aktivitäten zur Völkerverständigung. 1931 half er ► Carl von Ossietzky beim "Weltbühne-Prozess". Und in seinen Veröffentlichungen griff er die reaktionäre Richterschaft in der Weimarer Justiz an, weil sie die Angeklagten der politischen Rechten zu milde, Angeklagte der Linken dagegen zu streng behandeln würden. So 1932 in seiner Streitschrift "13 Jahre republikanische Justiz".
Nach der NS-Machtergreifung organisierte er noch den antifaschistischen Protestkongress ►"Das freie Wort" in der Berliner Kroll-Oper und floh danach Ende Februar 1933 nach Prag. Er gehörte zu den ersten 33 Deutschen, die von den Nazis ausgebürgert wurden.
In Prag war er bei der dortigen Flüchtlingshilfe tätig, die tausende Emigranten unterstützte. Dort begann Grossmann unter wechselnden Pseudonymen auch für deutschsprachige Exilzeitungen zu arbeiten, zunächst für die Neue Weltbühne oder den Neuen Vorwärts, der dort von der SOPADE, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im Exil, herausgegeben wurde. Und 1934 gehörte er zu den Initiatoren der Nobelpreis-Kampagne für Ossietzky.
1938 ging er nach Paris. Dort schrieb er für das Neue Tagebuch, das Pariser Tageblatt, die Zukunft und für den Neuen Vorwärts, der nach der Zerschlagung der tschechoslowakischen Republik nach Paris verlegt worden war und dort nun mit dem Zusatztitel Nouvel En Avant!-Journal Antihitlerien erschien.
Nach dem Anschluss Österreichs übersiedelte er im Jahr darauf mit seiner Familie nach New York. Dort schlug er sich zunächst mit Gelegenheitsarbeiten durch und begann auch Artikel im Aufbau zu veröffentlichen, einer wichtigen Informationsquelle für jüdische und andere deutschsprachige Flüchtlinge in den USA.
1944 nahm er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an und kümmerte sich für den WJC World Jewish Congress um Lösungen für jüdische Flüchtlingsprobleme.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war Grossmann US-Korrespondent für den Vorwärts und schrieb wieder für linksliberale Zeitungen in Deutschland sowie für die Berner Tagwacht und Jedioth Chadashoth.
In den 50er Jahren kehrte Grossman immer wieder ins Nachkriegsdeutschland zurück, arbeitete weiter als Korrespondent und Journalist – nun auch für Die Neue Zeitung in Westdeutschland und für den Aufbau in New York.
In seinem Buch über die "Unbesungenen Helden" ehrte er Persönlichkeiten wie Oskar Schindler (Schindlers Liste) und deren Widerstandshandlungen gegen die NS-Gräueltaten.
Und mit der Jewish Agency setzte er sich bis 1968 für die deutsch-jüdische Verständigung und eine Wiedergutmachung ein.
In den 60er Jahren wurde es für den kränkelnden Grossmann als freier Journalist immer schwieriger, seine Texte wie bisher gewohnt in verschiedenen Zeitungen gleichzeitig unterzubringen, weil überregional erscheinende Blätter wie Die Welt oder Die Welt der Arbeit nun auf exklusive Veröffentlichungen bestanden
Kurt R. Grossmann starb während seines Urlaubs am 2. März 1972 an einem Herzinfarkt in St. Petersburg/Florida – kurz vor seinem 75. Geburtstag, an dem ihm der deutsche Botschafter das Bundesverdienstkreuz überreichen wollte. Das geschah nun posthum. Auch die Carl-von-Ossietzky-Medaille konnte er nicht mehr persönlich entgegennehmen.
(hhb)
Quellen
Sebastian Musch: Grossmann, Kurt Richard / Deutsche Biographie vom 1.1.2023
Sebastian Musch: Zwischen Bermuda und Palästina – Arieh Tartakowers und Kurt R. Grossmanns Suche nach Rettung für jüdische Flüchtlinge / Zeithistorische Forschungen
Kurt Grossmann, a Correspondent – Nachruf / New York Times am 4.3.1972
Lothar Mertens: Unermüdlicher Kämpfer für Frieden und Menschenrechte – Leben und Wirken von Kurt R. Grossmann / Duncker & Humblot Berlin, 1997
Bücher + Schriften
Kurt R. Grossmann: 13 Jahre "republikanische" Justiz / Voco-Verlag, 1932
Kurt R. Grossmann: Die unbesungenen Helden. Menschen in Deutschlands dunklen Tagen / Arani Verlag Wien, 1961
Kurt R. Grossmann: Ossietzky – ein deutscher Patriot / Kindler 1963
Kurt R. Grossmann: Die Ehrenschuld – Kurzgeschichte der Wiedergutmachung / Ullstein 1967
Kurt R. Grossmann: Emigration – die Geschichte der Hitler-Flüchtlinge 1933 – 1945 / Europäische Verlagsanstalt 1969
Kurt R. Grossmann: The Final Solution / in The Antioch Review 15, 1955