Der Publizist und Autor Leopold Schwarzschild war ein Wirtschaftsexperte und Widerständler, der frühzeitig die Gefahren des aufziehenden Nationalsozialismus erkannt hatte, genau wie die Verbrechen Stalins. In der seit 1928 von ihm allein herausgegebenen Wochenschrift Das Tage-Buch und nach 1933 mit seiner Exilzeitschrift Das Neue Tage-Buch prangerte er sowohl den Nazi-Terror wie den mörderischen Stalinismus an.
Leopold Schwarzschild wurde am 8. Dezember 1891 in Frankfurt am Main geboren, als Sohn einer jüdischen Kaufmanns- und Gelehrtenfamilie. Nach einer Handelslehre studierte er Geschichte und Volkswirtschaft, musste dann als Soldat am Ersten Weltkrieg teilnehmen und studierte anschließend noch Soziologie bei Franz Oppenheimer in Frankfurt.
Als Journalist begann er beim Frankfurter Generalanzeiger, wechselte dann 1922 zur von ► Stefan Grossmann in Berlin gegründeten linksliberalen Wochenschrift Das Tage-Buch. Im Jahr darauf starteten die beiden noch die Wochenzeitung MM Der Montag Morgen. Beide Medien waren eng miteinander verzahnt.
Als Wirtschaftsjournalist begleitete Schwarzschild die problematische politische wie wirtschaftliche Entwicklung in der Weimarer Zeit. Fritz Raddatz merkte später an, die Tage-Buch-Hefte „würden sich wie eine grandiose Geschichte der Weimarer Republik lesen.“ 1928 wurde Schwarzschild nach einer schweren Erkrankung von Stefan Grossmann alleiniger Herausgeber vom Tage-Buch. 1931 musste er angesichts der Weltwirtschaftskrise den Montag Morgen verkaufen.
In all diesen Jahren hatte Schwarzschild den sich abzeichnenden Niedergang der Weimarer Republik beschrieben und kommentiert, sowie mit Weitblick vor der aufkommenden Nazi-Bewegung gewarnt. Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler verließ Schwarzschild sofort Deutschland und gründete schon drei Monate nach seiner Ausreise in Paris Das Neue Tage-Buch, ebenfalls als Wochenschrift.
Die erste Ausgabe erschien schon am 1. Juli 1933. Schwarzschild veröffentlichte darin regelmäßig ökonomische Analysen über die Verhältnisse in Deutschland. Die wurden damals in vielen europäischen Hauptstädten als hilfreiche Quelle genutzt. Aber auch Beiträge zur Literatur und zu Kulturereignissen sowie über das Zeitgeschehen in NS-Deutschland wurden von ihm veröffentlicht – recherchiert und beschrieben von zahlreichen bekannten Autoren wie Walter Benjamin, Hans Fallada, Ernst Jünger, ► Erich Kästner, ► Egon Erwin Kisch, Thomas und Klaus Mann, ► Walter Mehring, Robert Musil, ► Carl von Ossietzky, ► Alfred Polgar, ► Roda Roda, ► Joseph Roth oder ► Erich Welter.
In Paris schloss er sich dem Lutetia-Kreis an. Deren Mitglieder aus verschiedenen politischen Strömungen wollten im Exil eine Volksfront vorbereiten, endlich miteinander verbunden durch eine gemeinsame antifaschistische Grundhaltung. Der Kreis setzte sich aus im Exil lebenden Vertretern aus KPD wie SAP und SPD zusammen, und aus Intellektuellen und Publizisten wie Lion Feuchtwanger, Heinrich und Klaus Mann, Ludwig Marcuse, ► Willi Münzenberg, Ernst Toller und eben ihm, Leopold Schwarzschild. Die geplante Aktion aber scheiterte 1937 an der Stalin-treuen Linie verschiedener ihrer Mitglieder, was Schwarzschild schon früher immer wieder kritisierte hatte. Worauf man nun versuchte, ihn als Agenten von Goebbels zu denunzieren. Gegen eine solche Diffamierung und Ausgrenzung von Schwarzschild setzten sich viele zur Wehr und gründeten den „Bund Freie Presse und Literatur“. Den Gründungsaufruf unterschrieben u.a. Alfred Döblin, Hermann Kesten, Klaus Mann, Walter Mehring, Joseph Roth oder Hans Sahl:
„Deutsche Schriftsteller und Journalisten im Exil, in deren Vollmacht die Unterzeichneten sprechen, haben sich zu einem Bunde zusammengeschlossen. Sie halten geistige Freiheit, moralische Sauberkeit und Verantwortungsgefühl für die Grundlage jeder öffentlichen geistigen Wirksamkeit. Sie haben um dieser Überzeugung willen die Verbannung auf sich genommen. Sie wollen diese Überzeugung auch in der Verbannung nicht antasten lassen. Sie wollen alle sammeln, die sich aufrichtig zu den gleichen Grundsätzen bekennen. Sie glauben, daß die Sache der deutschen Freiheit nur in dieser geistigen Haltung vor der Welt vertreten werden kann. Sie sind überzeugt, daß der Kampf gegen die Unterdrückung der Freiheit in Deutschland nur mit diesen Grundsätzen zu gewinnen ist. Sie fordern alle Schriftsteller und Journalisten, die gleicher Gesinnung sind, auf, sich ihnen anzuschließen.“
Schwarzschild gelang dann 1940 noch seine Ausreise nach New York, wo er als Autor und Journalist arbeitete.
1949 kehrte er nach Deutschland zurück, starb aber bereits im Herbst des Jahres darauf auf einer Urlaubsreise in Italien – am 2. Oktober 1950 in Santa Margherita in Ligurien. Möglicherweise durch Suizid.
(hhb)
Quellen
Illusion eines Emigranten / Der Spiegel 8/1966 vom 13.2.1966
Brigitte Baetz: Leopold Schwarzschild – Aufklärung aus dem Exil / Deutschlandfunk 10.9.2020
Leopold Schwarzschild: Chronik eines Untergangs – Deutschland 1924-1939 / Czernin Verlag
Hans-Albert Walter: Leopold Schwarzschild and the Neue Tage-Buch / Sage Journals
Hans Sahl erinnert sich an den Antikommunisten Walter Mehring
Robert Otte: Leopold Schwarzschild – ein Journalist im Kampf gegen Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus / Gedenkbibliothek
Bücher + Schriften
Leopold Schwarzschild: Chronik eines Untergangs – Deutschland 1924-1939 / Czernin Verlag
Leopold Schwarzschild: Brief an einen jungen Deutschen / de Gruyter Verlag 1950